Herr Nussbaumer, morgen Abend schon ist die Muba Geschichte. Sind schon Tränen geflossen?

Daniel Nussbaumer: Bei gewissen Ausstellern sah ich die eine oder andere Träne. Sie müssen sich vorstellen: Es gibt solche, die haben hier ihre Frau kennen gelernt. Oder jene, die 20 Prozent ihres Jahresumsatzes an der Muba machten. Klar, im Vergleich zu früher, als es noch 50 oder gar 60 Prozent waren, ist das nicht viel. Aber gerade für Anbieter aus dem Handwerkerbereich war die Muba ein wichtiges Standbein.

Und bei Ihnen und Ihrem Team? Keine Wehmut?

Wir sind alle sehr fokussiert, Wehmut können wir noch nicht zulassen, diese Emotionen kommen dann morgen. Auch sind wir nach dieser intensiven Woche alle ziemlich erschöpft, im positiven Sinne: Es ist schön zu erleben, wie viele Menschen die Muba nochmals anzieht – und dass sie auch begeistert. Wir sind überwältigt von der Besucherzahl, am vergangenen Sonntag war kein Durchkommen.

Der Eintritt ist ja auch gratis – in den vergangenen Jahren war er das nicht. Hätte man das schon vor ein paar Jahren ändern müssen, um die Muba zu retten?

Ich bin damit einverstanden, dass man diesen Schritt schon früher hätte machen müssen. Es hätte sicher die Besucherzahlen verbessert, aber ob es einträglicher geworden wäre für die Aussteller und damit die Muba gerettet hätte, daran habe ich grosse Zweifel. Jedenfalls war es richtig, darauf zu bestehen, noch eine Ausgabe durchzuführen, um die Muba würdig zu verabschieden. Genau das habe ich mir gewünscht. Und dass das nicht gelingen würde, dass die Kritiker recht behalten und niemand mehr kommt, dieses Szenario machte mir ehrlich gesagt schon Sorgen.

Im vergangenen Jahr zählte die Muba nur noch 100 000 Besucher. Wie viele werden es heuer sein?

Das kann ich jetzt nicht abschliessend sagen. Es steht ja auch noch ein ganzes Wochenende bevor.

Eine Schätzung? Was denken Sie? Eine Viertelmillion?

Das könnte knapp hinkommen, ja.

Also mehr als doppelt so viele Besucher als im vergangenen Jahr. Verkaufen die Aussteller auch mehr?

Für kleinere Aussteller insbesondere im Bereich Genuss trifft dies zu, ja. Bei den grösseren allerdings schlägt sich die steigende Besucherfrequenz nicht proportional zum Umsatz nieder. Das sagt eigentlich schon alles...

Sie traten vor drei Jahren als neuer Muba-Leiter an. Fuchst es Sie, dass Sie die Messe nicht retten konnten?

Nein. Es stand bereits damals fest, dass wenn die Entwicklung so weiter geht, die Muba sowie die weiteren Publikumsmessen Comptoir und Züspa im Portfolio der MCH Group Auslaufmodelle sind.

Warum haben Sie dann diesen Job überhaupt angenommen?

Weil das eine reizvolle Aufgabe ist. Und die Muba für mich eine Herzensangelegenheit. Die Aufgabe war keine geringere, als die Muba ein Stück weit neu zu erfinden und zu beleben. Wir sind mehr in Richtung Erlebnis gegangen mit zahlreichen neuen Formaten, etwa mit der Legomesse Brick Live oder dem Festival im Hof der Rundhalle im vergangenen Jahr. Weg von der reinen Verkaufsmesse.

Und trotz Ihrer Bemühungen wird die Muba eingestellt.

Ich denke, solche Formate funktionieren unter dem Namen Muba nicht. Man kann eine Marke, die mehr als 100 Jahre alt ist, nicht über Nacht mit ganz neuem Inhalt abfüllen. Die DNA der Marke ist und bleibt: Verkauf. Aussteller preisen ihre Produkte an grossen Ständen an. Und das rentiert in den meisten Fällen im digitalen Zeitalter nicht mehr. Wir haben zwar mehr Erlebnisse geschaffen, die Hallen waren voll mit Besuchern – die Umsätze stiegen deswegen trotzdem nicht an, siehe auch dieses Jahr. Also waren die Aussteller nicht zufrieden. Es muss etwas Neues kommen, mit neuem Namen, neuer Kostenstruktur.

Was käme als Muba-Ersatz oder vielmehr - Nachfolge infrage?

Das wurde ich in den vergangenen Tagen und Wochen unzählige Male gefragt. Meine Standardantwort: Es werden verschiedene Initiativen geprüft, die verantwortlichen Personen werden zu gegebener Zeit informieren.

Okay, dann anders gefragt: Wenn Sie mit entsprechendem Budget und Personal eine neue Messe auf die Beine stellen könnten, was würden Sie planen?

Ich stelle fest, dass der Bereich «Original regional» an der diesjährigen Muba extrem gut ankommt bei den Besuchern. Da kann man sich auf kleiner Fläche mit lokalen, hochauthentischen Spezialitäten von rund 100 Bauern und anderen Erzeugern aus der Region eindecken. Dinge, die man online nicht kaufen und auch nicht erleben kann. Die Bauern sind direkt vor Ort. Solche Plattformen gilt es zu entwickeln. Ich erachte es als langfristigen Trend, dass die Leute immer bewusster und bewusst regional konsumieren.

Ab morgen Abend sind Sie de facto ohne Job. Haben Sie schon einen Neuen in Aussicht?

Morgen ist die Arbeit für mein Team und mich noch nicht zu Ende, wir werden die Muba sauber abschliessen. Was danach kommt für mich, ist noch offen. Ich werde mich ab Montag mit meiner Zukunft befassen.

Besteht auch die Möglichkeit, dass Sie weiterhin für die MCH-Group tätig sein werden?

Wie gesagt: Es ist noch alles offen.

Was war für Sie persönlich das Highlight der vergangenen drei Jahre als Messeleiter der Muba?

Die vielen Begegnungen. In erster Linie mit den Ausstellern. Gerade weil wir gemeinsam durch schwierige Zeiten gegangen sind, hat das zusammengeschweisst. Es sind schöne Freundschaften entstanden.

Und werden Sie selbst auch noch einige Dinge einkaufen an der allerletzten Muba? Viel Zeit bleibt Ihnen nicht mehr...

Ich glaube, ich werde mir zum Trotz noch einen Staubsauger kaufen. Irgendwas in die Richtung, zu Ehren des Konsumerlebnisses, das die Muba für so viele Jahre ausgezeichnet hat. Dann habe ich eine schöne Erinnerung an diese Messe.