«Rheinhattan», «Greenhattan», «Gentrifizierung» - man muss nur eines dieser Schlagworte nennen und sofort weiss in Basel jeder, worum es geht. Es gibt wenig Themen, die so kontrovers diskutiert werden, wie die Zukunft des Hafenareals in Kleinhüningen. Dem kann sich auch die SP - die grösste Basler Partei - nicht länger entziehen. Am Dienstagabend widmeten die Genossen deshalb eine gesamte Delegiertenversammlung dem Thema.

Die SP dürfte genau wissen, dass ihre Haltung in der Diskussion um die Klybeckinsel zentral ist. Einerseits ist das Bau- und Verkehrsdepartement (BVD), welchem bei der Planung eine tragende Rolle zukommt, bei Regierungsrat Wessels fest in SP Hand. Andererseits hat sich die Partei nachhaltige Stadtentwicklung und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum zuoberst auf die Fahne geschrieben.

«Sexböxli» auf dem Bruderholz

Gleich zu Beginn machte Baudirektor Wessels in einem Vortrag klar: «Es gibt noch kein Projekt. Hier handelt es sich um eine Vision.» Er war sichtlich darum bemüht, die Debatte sachlich zu halten. Wahrscheinlich hatte er diverse unschöne Vorfälle im Hinterkopf, die sich bei Diskussionen um «Rheinhattan» schon zugetragen haben. Bereits verschiedene Podien zum Thema wurden von Autonomen gestört und Stadtplaner Thomas Kessler wurde im letzten Herbst gar von einem Kleinhüninger Quartierfest vertrieben. Der Baudirektor wies denn auch ausdrücklich darauf hin, dass die oft gezeigten Hochhaus-Visualisierungen keineswegs so gebaut würden: «Das kann ich todsicher sagen.»

Wessels' Sorge war allerdings unbegründet. Die Genossen tasteten sich im Kleinhüninger Unionssaal langsam und vorsichtig an das emotional aufgeladene Thema heran. Nach Wessels Vortrag diskutierten vier eingeladene Gäste, die alle auf die eine oder andere Art an der tiefgreifenden Veränderung in Basels Norden beteiligt oder von ihr betroffen sind: Nina Hochstrasser, Sprecherin der Basler Rheinhäfen, der Städteplaner Philippe Cabane sowie SP-Grossrat und Quartierbewohner Daniel Jansen. Kurzfristig eingeladen wurde auch noch die Künstlerin und Bewohnerin der Wohngenossenschaft Klybeck Sybille Hauert.

Sie personifizierte die kritische, ablehnende Haltung der Kleinhüninger gegenüber den hochfliegenden Plänen der Basler Regierung. «Ich verstehe nicht, weshalb man unser Quartier, wo es noch tiefe Mieten gibt, durchmischen sollte. Auf dem Bruderholz stellt man ja auch keine Sexböxli hin.» Ihr war die Angst anzumerken, sich das Quartier bald nicht mehr leisten zu können, wenn in unmittelbarer Nähe attraktive Neubauprojekte die Mieten auch für die «Einheimischen» in die Höhe treiben. Daniel Jansen, der selbst seit Kurzem im Quartier wohnt, versuchte, Verständnis für die bockige Haltung der Kleinhüninger und Klybecker aufzubringen. «Viele Leute im Quartier können sich das Wohnen in der Stadt nur noch hier leisten», sagt er.

Gentrifizierung passiert sowieso

Städteplaner Cabane, der selbst an Studien zum Hafenareal mitgearbeitet hatte, wies allerdings darauf hin: «Wenn mit dem Hafen der Gestank und der Lärm verschwindet, wird sich das Quartier automatisch aufwerten. Um die Mieten tief zu halten, müsste man es künstlich abwerten.» Er hat damit das Dilemma der Sozialdemokraten aufgezeigt, welches diese an dem Abend daran hinderte, offen und ehrlich über die Zukunft des Areals zu debattieren. Denn die Ansprüche der Sozialdemokraten an das neue Quartier sind hoch: Es muss möglichst grün und autofrei sein, es muss Platz für Kultur und Sport geben und es müssen bezahlbare Wohnungen her. Nur: Ein solches Vorzeigequartier würde die Mietpreise im Quartier erst recht in die Höhe schnellen lassen, was man ja auch nicht will. Baudirektor Wessels brachte es auf den Punkt: «Wenn man tiefe Miete will, muss man eine Autobahn durchs Quartier bauen.»

So blieb von der SP-Delegiertenversammlung ein etwas ratloser Eindruck zurück. Zwei Dinge dürften den meisten dennoch klar geworden sein: Das Potenzial der frei werdenden Fläche ist riesig, doch um dieses zu nutzen, müssen sich alle Basler zusammenraufen.