Es gibt hartnäckige Illusionen. Zum Beispiel diejenige vom Volk, das seine ureigene, selbst erfundene Kultur hat. Freunde dieser Illusion siedeln diese gerne in der Vergangenheit an, denn Vergangenes lässt sich so schön reinwaschen und idealisieren. Die griechische Antike beispielsweise stellt sich der Idealist als Paradies vor, wo die Demokratie, die Philosophie, der schöne Männerkörper und unbesiegbare Helden erfunden worden sind.

Eine Ausstellung im Basler Antikenmuseum räumt mit solchen Vereinfachungen auf und spannt gleichzeitig einen Bogen von der Antike zur Gegenwart. Auf Einladung des Festivals Culturescapes haben sich zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler aus Griechenland in der weltberühmten Sammlung antiker Vasen eingenistet. Sie kommen aus einem Staat, dessen Zustand momentan nicht ideal ist. Griechenland ist bankrott und wird von einer Flüchtlingstragödie epischen Ausmasses heimgesucht.

Gastarbeiter und Superreiche

Die Ausstellung erzählt anhand der antiken Vasen, dass die Ägäis bereits 500 Jahre vor Christus ein globalisierter Kulturraum war. Kriege vertrieben die Griechen ins heutige Süditalien, nach Nordafrika oder nach Südfrankreich. Handkehrum gab es Einwanderung. In Athen arbeiteten beispielsweise ägyptische Töpfer. Keine angesehene Berufsgattung, da der ideale antike Mensch ja gar nicht arbeitete. Diese ausländischen Töpfer stellten vor Ort Vasen her, die wiederum von anderen Gastarbeitern auf Schiffen nach Italien exportiert wurden. Die schönen Künste blieben den Besitzern der Töpfereien und Reedereien vorbehalten.

Die Ausstellung «The Decline Of Hereos» erzählt von diesen Parallelen zur Gegenwart und macht deutlich, dass das idealisierte Bild der Antike wiederum eine Last für die zeitgenössischen Griechen ist. Noch heute müssen sie sich an den Heldengeschichten, die von Männern für Männer erfunden worden sind, abarbeiten. Als Kommentar zu diesem Geschichts-Machismo platziert Adonis Volanakis Dutzende gebrauchter Hochzeitkleider und lässt in Videointerviews Frauen darüber reden, was es heisst, heute eine Frau zu sein.

Das Experimental Theater of Thrace thematisiert in zwei Videos die Begegnung mit dem Fremden. Der Street-Art-Künstler Alexandros Vasmoulakis setzt mit seinen vergänglichen, eigens für die Ausstellung gemalten Bildern einen Kontrapunkt zu den «ewigen» Helden, welche die Keramik schmücken.

Richtig ans Eingemachte gehen die Arbeiten des Kollektivs Depression Era. Sie nehmen die Folklore auf die Schippe, wenn ein Betrunkener in Unterhosen versucht, Sirtaki zu tanzen. Sie zeigen Berge von Schwimmwesten, zugedeckte und nicht zugedeckte Leichen, die an die Gestade Griechenlands gespült werden. Und sie zeigen Touristen, die gleichzeitig am selben Meer Erholung suchen. Weit und breit keine Helden in der globalisierten Ägäis 2017.

The Decline Of Hereos Bis 21. Januar. Culturescapes im Antikenmuseum Basel.