Es gibt in Basel diese eiserne Regel: Vor Neujahr einfach nichts mit Fasnacht. Deshalb hat man hier auch traditionell zu schnöden, wenn im Coop oder Migros Fasnachtsküchlein feilgehalten werden, obwohl man andernorts – für Basler Verhältnisse richtiggehend frivol! – bereits fasnächtlich eingestimmt ist. Kein Wunder, die Basler halten ihre Fasnacht auch dann ab, wenn alle anderen die Instrumente wieder in den Keller gestellt haben, zum letztmöglichen Termin nach Aschermittwoch.

Für die Zeit der Vorfasnacht und deren Veranstalter ist diese lange Frist oft ein Segen. Vor allem, wenn die Basler Fasnacht so spät stattfindet wie dieses Jahr: Erst am 11. März ist Morgestraich. Das lässt Zeit für mehr als ein Dutzend Premieren.

Allein das Pfyfferli auf der Bühne des Fauteuil-Theaters weist dieses Jahr über 60 Vorstellungen aus, dann ist da ja noch das Drummeli, Pflichtveranstaltung für alle aktiven Fasnächtler, das Charivari, Pflicht für alle Kleinbasler, das Mimösli im Häbse-Theater, das ewige Ridicule von Helmut Förnbacher und das uralte Zofinger Conzärtli der gleichnamigen Studentenverbindung, um nur einige der Traditionelleren aufzuzählen. Dazu gibts Veranstaltungen für Kinder, den fasnachtsmusikalischen Wettbewerb des Offiziellen Preistrommelns und -pfeifens und eine ganze Reihe neuerer oder kleinerer Events.

Die Sache mit dem Humor

Es ist, als hätte Basel eine ganze Vorfasnachtsindustrie geschaffen, an der jeder, der eine Bühne hat oder selbst gern auf einer Bühne steht, teilzunehmen hat. Tatsächlich hat die Zahl der Vorfasnächte mit über einem Dutzend wieder leicht zugenommen. Der Boom reicht zurück in die 1990er- und 2000er-Jahre, als auch die Kleintheater wieder begannen, die Fasnacht auf die Bühne zu verlegen. Einige sind wieder eingestellt worden (siehe Box), was sich länger als zehn Jahre gehalten hat, gilt heute als traditionsreich.

Die meisten jener traditionellen Vorfasnächte verfügen dabei über einen klar formatierten Rahmen: Den Kern bilden das Jahresgeschehen persiflierende Bühnenstücke, oft mit Sketch-Charakter. Dann braucht es im Minimum einen Schnitzelbank und ausreichend stimmungsvolle Fasnachtsmusik. Doch die Inhalte sind nur so gut, wie die Autoren sie aufarbeiten und wie sie die Produktion in Szene setzt. Grossproduktionen wie das Drummeli, bei dem alle Stammvereine im Turnus mitstreiten, werden jährlich allein deswegen als Erfolg gefeiert oder Misserfolg verrissen.

Vergangenheitsbeschwörung reicht nicht

Ein bisschen Fasnachts-Poesie, ein bisschen Vergangenheitsbeschwörung und lustige Allerweltswitze reichen da nicht. Es braucht eine Idee, eine gesellschaftspolitische Aufarbeitung im fasnächtlichen Pointenduktus, die dem in der Vorfasnachtszeit immer leicht sentimentalen Basler wie beissender Balsam über die Seele läuft. Klingt komplex? Ist es auch.

Dasselbe gilt für musikalische Produktionen: Vor knapp zwei Jahrzehnten war es noch gang und gäbe, aufwändige und musikalisch höchst anspruchsvolle Crossover-Produktionen zu inszenieren, etwa mit Jazzmusikern, Worldmusic-Elementen und Fasnachtsinstrumenten.

Mittlerweile sieht selbst das Charivari, einst Hochburg kostspieligster Inszenierungen, davon ab. Basel-Tattoo-Produzent Erik Julliard setzt heute im Volkshaus – weitgehend mit Erfolg – auf eine solide, qualitätsorientierte Inszenierung traditioneller fasnächtlicher Elemente.

Momente des gesellschaftlichen Glanzes

Wirtschaftlich lohnt sich das für einige allemal. Obwohl durch die vielen Newcomer eine gewisse dramaturgische Gleichförmigkeit die ausufernde, einst vor allem auch musikalisch orientierte Vielfalt abgelöst hat. Gerade in den Kleintheatern sind die Vorstellungen oft schon vor Neujahr gut verkauft, einige sogar ausverkauft. Dabei ist schiere Grösse nur bedingt von Vorteil.

Bei den eher eventorientierten Veranstaltungen gestaltet sich der Verkauf teilweise harzig. Mittlerweile versucht sogar das Drummeli des Fasnachts-Comités, die älteste all dieser Vorfasnächte, mit Marketingmassnahmen die einwöchige Spielzeit möglichst gut zu verkaufen.

Entsprechend ist Basel Anfang Jahr zugedeckt mit Werbung, Vor- und Premieren-Berichten. Jeder will seine Version des Fasnachtszaubers unter die Leute bringen. Und den Saal füllen.
Dabei gehört die Vorfasnachtszeit mit ihrer Dichte an Veranstaltungen zu den gesellschaftlich bereichernden Zeiten der Stadt, die da zu Jahresbeginn noch etwas grau und kühl am Rheinknie schlummert. Man muss sie sich ja nicht alle miteinander antun. Darüber geredet wird ohnehin genug, wenn die halbe Stadt auf den Bühnen steht und in den Sälen sitzt. Sonst bleibt ja von der Vorfreude auf den Morgestraich noch weniger übrig, als wenn man sich pflichtgemäss vor Neujahr über die Fasnachtsküchlein im Coop oder Migros auslässt.

Zwei Gebäude, drei Etagen, Bier, Waggis und Nervenkitzel – das läuft hinter der Drummeli-Bühne

Zwei Gebäude, drei Etagen, Bier, Waggis und Nervenkitzel – das lief hinter der Drummeli-Bühne 2018

Rund 1100 Mitwirkende treten im Rahmen einer Drummeli-Aufführung auf und wieder ab. In einem minutiös geplanten Ablauf. Die Bühne ist der Kern, die Kür – und doch nur die Spitze des Eisbergs. Denn dahinter tut sich eine monströse Fasnachtswelt auf. Thierry Moosbrugger, Drummeli-Medienverantwortlicher und Fasnächtler (Alti Stainlemer), hat uns während der Premiere durchgeführt.



 

Und das sind die Vorfasnachtsveranstaltungen 2019

1. Ridicule

9. Januar bis 9. März im Förnbacher Theater am Badischen Bahnhof

Das Ridicule ist die erste Vorfasnachtsveranstaltung 2019. Helmut Förnbacher, der diesen Monat 82 Jahre alt wird, stellt das Ridicule seit Jahrzehnten selbst und mit vollem Körpereinsatz auf die Beine. Förnbacher und sein Ensemble wählen am Badischen Bahnhof einen poetischen Zugang zum Thema mit hohem Anspruch an die Fasnachtsmusik. Es sind oft die feinen Klänge, die auf dieser Bühne den Ton angeben.

 

2. Pfyfferli

11. Januar bis 10. März im Fauteuil-Theater Basel

Das Pfyfferli steht für Vorfasnacht auf hohem inhaltlichen Niveau. Kein Wunder, weist die Veranstaltung im Theater von Caroline und Claude Rasser die längste Spielzeit vor der Fasnacht aus: Über zwei Monate steht das Fauteuil im Zeichen des traditionellen Fasnachtshumors. Mit einem ausgezeichneten Ensemble und Autorenstab kommentiert das Pfyfferli Gesellschaftspolitik und Basler Leben seit Jahren präzis. Fasnacht und Kleinkunst gelangen hier zu einer Symbiose, die für das Genre Massstäbe setzt. Und das mitten im Herzen der Innenstadt, am Spalenberg.

 

3. Fasnachtsbändeli

12. Januar bis 24. Februar im Theater Arlecchino Basel

Im Fasnachtsbändeli kommt der Nachwuchs zum Zug: Von Kindern für Kinder, mit einer Rahmengeschichte versehen, mit Fasnachtsmusik gewürzt und mit Liebe präsentiert. Die aktuelle Vorstellungsreihe heisst «Totalussfall». Was aber nicht bedeutet, dass das Fasnachtsbändeli nicht mehr stattfindet: Einen Monat lang bespielt das vorwiegend junge Ensemble die Arlecchino-Bühne.

 

4. Mimösli

17. Januar bis 23. Februar im Häbse-Theater Basel

Hansjörg «Häbse» Hersberger ist der Dirigent dieses Pointenorchesters vor der Fasnacht. Mitunter eine der am längsten laufenden Vorfasnachtsveranstaltungen, ist das Mimösli ein sicherer Wert für solide Rahmenstücke und ein musikalisches Feuerwerk zum Schluss, das Fasnachtsmusik jeweils mit einem Stargast verbindet. Und: Im Mimösli kriegt die Basler Obrigkeit garantiert eins auf die Kappe.

 

5. Källerstraich

22. Januar bis 3. März im Marionetten-Theater Basel

Eher jüngeren Datums ist der Källerstraich im Marionetten- Theater. Aber er ist auch anders: Hier spielen Marionetten die Hauptrollen. Umrahmt wird die Geschichte von (Marionetten-)Bängg und Fasnachtsmusik, und das ist bei den Gästen des Theaters so beliebt, dass die Vorstellungen in Kürze ausverkauft sind. Wer also hingehen will, reserviert am besten schon fürs nächste Jahr.

 

6. Offiziells 2019

31. Januar bis 2. Februar, diverse Lokale im Kleinbasel

Klassische Vorfasnacht ist das «Offizielle» nicht. Denn dieser Event ist das traditionelle Kräftemessen der Fasnachtsmusikerinnen und -musiker, organisiert von Stammvereinen. Der Wettbewerb läuft über mehrere Tage mit Vorausscheidungen und Finale, wo die neuen Trommel- und Pfeiferkönige gekürt werden. Hier überzeugt man sich zum einen, wie hoch das Niveau der fasnachtsmusikalischen Szene ist, zum andern vergnügt man sich schlicht auch untereinander. Für die in Basel liebevoll-hämisch genannten «Berufsfasnächtler» eine Pflichtveranstaltung.

 

7. Zofinger Conzärtli

14. Februar bis 16. Februar im Kongresszentrum Basel

Das ist Vorfasnacht nach altem Vorbild: Die Studentenverbindung Zofingia steht während dreier Tage selbst auf der Bühne, um ihre «Lyyche» durch den Kakao zu ziehen. Die Leichen, das sind Lokalprominente, oft Regierungsräte, die von den Studenten in aufwändiger Aufmachung dargestellt und zum humoristischen Abschuss freigegeben werden. Und ja: Hier stellen Männer auch die Frauen dar. Für viele Basler ein Bijou der Saison.

 

8. Menü SürprYYs

6. Februar bis 9. Februar im Tabourettli Basel

Das «Menü SürprYYs» ist neu und zählt als Überraschung in der Szene. Angepriesen als nahrhafte Kost mit pikantem Humor, einer Prise Satire und vollmundigen Melodien, läuft die Veranstaltung nur während vier Tagen im Tabourettli des Fauteuil-Theaters am Spalenberg. Wer sich die vorfasnächtliche Überraschung gönnen will, muss sich beeilen: Bis auf wenige Restkarten ist das Menü bereits ausverkauft.

 

9. Läggerli

8. Februar bis 23. Februar im Scala Basel

Als sich das Komikerduo Almi und Salvi trennten, war auch das Fasnachtskiechli Geschichte. Jetzt machen beide eine eigene Veranstaltung. Patrick «Almi» Allmandinger setzt mit dem Läggerli auf den bewährten Spielort im Scala und übernahm auch einiges an Personal. Nun verspricht er für die Premiere klassische Vorfasnacht, aber auch alte, fast vergessene Traditionen. Und natürlich Neuheiten, aber die werden nicht verraten.

 

10. Charivari

9. Februar bis 23. Februar im Volkshaus Basel

Das Charivari ist das Prunkstück der Vorfasnacht im Kleinbasel. Und ein fulminantes Spektakel, seit es von Erik Julliard produziert wird, der auch das Basel Tattoo verantwortet. Mit einem qualitativ beeindruckenden Portfolio an Bühnenstücken, Schnitzelbängg und Musik bebt das Volkshaus den Februar hindurch und verspricht beste Unterhaltung. An der Positionierung muss Julliard nicht zweifeln, das Charivari ist eine Grösse.

 

11. Kinder-Charivari

16./17. Februar. 23./24. Februar, Kleine Bühne Theater Basel

Der Ort ist kein Zufall: Bei dieser für Kinder und Familien dargebotenen Inszenierung wird getanzt, gerappt, gesteppt und überhaupt. Das Kinder-Charivari ist die Fusion von traditioneller Vorfasnacht für Jugendliche und Theaterbühne. Das Programm der Kinder- und Erwachsenenschauspieler ist ebenso traditionell wie modern und baut auf einer Rahmengeschichte auf, die dieses Jahr «Dr goldig Waggis» heisst.

 

12. Kópfladäärnli

21. Februar bis 3. März in der Offenen Kirche Elisabethen Basel

Renato Salvi hat sich nach der Trennung von seinem Bühnenpartner Almi eine eigene Vorfasnachtswelt erschaffen – und das gleich in einer Kirche. Das Kópfladäärnli arbeitet nicht nur mit Bängg, Rahmenstücken und Fasnachtsmusik, sondern auch mit Orgel und der Stimmung, wie sie zur Offenen Kirche Elisabethen gehört. Darüber informierte Salvi entsprechend ausgefallen: Um 4 Uhr morgens, der Morgestraich-Zeit.

 

13. Drummeli

23. Februar bis 1. März im Musical Theater Basel

Das Drummeli, die Mutter aller Vorfasnächte: Hier zeigen sich die Stammvereine der Basler Fasnacht von der besten Seite. Als grösster Event vor der Fasnacht wurde dem organisierenden Fasnachts-Comité stets besonders auf die Finger geschaut. Für Regisseur Laurent Gröflin wird es auch 2019 eine Herausforderung, die über 1000 Mitwirkenden zu inszenieren. Entsprechend gespannt ist die Fasnachtsszene.