Als Freddy Widmer vor zwei Jahren vom Rotpunktverlag angefragt wurde, ob er an einem Buch über Wanderungen in Basel mitmachen wolle, sagte er spontan zu. Nicht nur, weil er das Projekt spannend fand, sondern weil ihn das originelle Wanderbuch-Programm des Verlages überzeugte. Rund 80 Wanderbücher sind im Rotpunktverlag bereits erschienen. Es sind nicht plumpe Wanderanleitungen, sondern ganze Sammlungen von spannenden, informativen und manchmal auch skurrilen Geschichten.

Und genau so ist auch die neuste Publikation «Wandern in der Stadt» herausgekommen.

Weit gefasster Stadt-Begriff

Offen gestanden, der Begriff «Stadt» wird in diesem neuen Buch etwas weit gefasst. «Stadtwandern» heisst denn auch: Wanderungen um die Stadt und in Richtung Stadt, Geschichten am Wegrand und im Untergrund. Und wenn’s sein muss, im Wasser. So werden 17 Touren beschrieben, 16 zu Fuss und eine in der Badehose. Eine beginnt beispielsweise in den Langen Erlen und führt über den Tüllinger Hügel nach Ötlingen; eine von Riehen über die Chrischona nach Wyhlen, Deutschland, oder von Leymen zur Schifflände. Bemerkenswert ist auch die Wanderung rund um den Kanton Basel-Stadt. Sie dauert 11 Stunden, wenn man sich das antun will.

Mit Co-Autor Freddy Widmer treffen wir uns an einem seiner Lieblingsorte – auch das nicht unbedingt mitten in der Stadt –, an der renaturierten Birs nahe der Reinacher Heide. Hier in der Nähe ist er aufgewachsen, und er freut sich unglaublich, dass dem Fluss eine gewisse Natürlichkeit zurückgegeben wird. Das heisst: kleine Stromschnellen, Inselchen, Rückwasser, in denen Fische laichen können. Wir kommen über die Reinacher Heide, die auf den ersten Blick recht unspektakulär aussieht. Doch der pensionierte (oder sollten wir sagen: passionierte?) Journalist Freddy Widmer weiss Überraschendes über Flora und Fauna zu berichten. So sind dort wieder Biber heimisch, hie und da sollen Wasseramseln am Tauchen sein.

Und er erzählt uns, dass dieses eher karge Stück Natur paradoxerweise der Birs-Begradigung zu verdanken sei. «Schwer vorstellbar, dass diese Ebene eigentlich selbst ein Stück Birsgebiet darstellt. Schwer vorstellbar, dass die Birs sich noch bis ins Jahr 1840 bis hierher hat ausbreiten können.»

Natur und extreme Nutzung

Das Rauschen der nahen Autobahn erinnert uns daran, dass dieses Tal unglaublich stark genutzt ist, verkehrsmässig, industriell oder als Siedlungsraum. Gegen St. Jakob wird sichtbar, dass auch die Renaturierung einen Eingriff darstellt: Es muss teilweise ordentlich ausgeholzt werden.

Der Vorteil einer Stadtwanderung: Sie kann in Etappen absolviert werden; oder unterbrochen, wenn man von schlechtem Wetter überrascht wird. Ein Rucksack ist ebenfalls überflüssig, praktisch ist etwas Geld für einen Restaurantbesuch oder für die Tramfahrt nach Hause. Ein Spezialfall ist sodann der Rheinschwumm: So geht’s, nicht sehr überraschend, den Rhein runter, und zwar vom Tinguely-Museum zur Dreirosenbrücke. Im Text ist einiges zur Tradition des Rheinbades zu erfahren – und der Renaissance, die der Rheinschwumm in den vergangenen Jahren erlebt hat.

Hier eine kleine Leseprobe des Textes von Freddy Widmer – das ist mehr als nur solides Handwerk:

«Am schönsten ist es morgens um sechs, sagt einer. Dann gehöre der Rhein ihm allein. Das Wasser sei ganz ruhig, die Stadt ganz still, noch nicht mal am Erwachen. Ein schönes Licht, das allmählich von Osten her in die Stadt sickert, aber noch nichts Geschäftiges, ausser für den Hund, der ausgeführt wird (…).

Am schönsten ist es am Abend, sagen viele. Sich mit all den anderen dem Sonnenuntergang entgegentreiben lassen und wissen: Die Tasche mit dem Picknick wartet am Ufer; dort treffen wir uns dann. Einer hat die Gitarre dabei, ein anderer ein Bier oder zwei. Fast ein bisschen Ferien. Zumindest der perfekte Feierabend.

Am schönsten ist es immer, sagen einige wenige. Und mit ‹immer› meinen sie nicht Tages-, sondern Jahreszeiten. Es sind, so scheint es zumindest, mehrheitlich Frauen, die auch im Dezember und im Januar und im Februar im Rhein baden gehen. (…) Anzahl Grad der Luft gleich Anzahl Minuten, die sie im Wasser bleiben, das ist für sie die ungefähre Faustregel.»

Alle Touren sind, nebst den Geschichten, die uns die Autoren und die Autorin erzählen, mit Kürzest-Wegbeschrieb, Karte und Tipps versehen.