Etwa 50 Mal hatte Walder versucht, den Künstler telefonisch zu erreichen. Bis endlich jemand ran ging. Und sich die Männer auf einen Drink in der «Kunsthalle» verabredeten. Nach vier Café Cognac waren sie per Du. Das war 1976.

Von diesem Tag an arbeiteten der damals 26-jährige Haustechnikplaner Paul Walder und Tinguely, der bereits 51 Jahre zählte, bis zu dessen Tod 1991 zusammen. Tinguely war für die Kunst zuständig, Walder für die Technik. Zusammen schufen sie maschinelle Skulpturen aller Art.

Halunken-Freundschaft nie bereut

«Er hat mir eine neue Welt eröffnet, nahm mich überall hin mit», sagt Walder. Etliche Brunnen von Paris bis in die Toskana haben sie zusammen realisiert. Der erste gemeinsame Brunnen sollte sich als der wichtigste für Walder erweisen. Auf den Tag genau vor 40 Jahren wurde der Fasnachtsbrunnen am Theaterplatz eingeweiht. Jeannot kam zur Eröffnung auf einem Kamel aus dem Basler Zolli daher. Zuvor hatte er Walder beauftragt, eine der zehn Skulpturen in Richtung der Ehrengäste auszurichten. Es war ein Riesenspass für die Schaulustigen, als der Gesamtregierungsrat nass gespritzt wurde.

Walder war als Hausinstallateur für die «Kunsthalle» tätig, als 1975 das alte Stadttheater gesprengt wurde. Der Bauleiter des neuen Theaters wurde auf den jungen Techniker aufmerksam – und bald war auch Walder an der dritten Bauetappe beteiligt. Der Bauleiter riet ihm, sich mit Tinguely in Verbindung zu setzen. Dieser habe den Wettbewerb der Migros gewonnen, die der Stadt Basel zu ihrem 50. Geburtstag einen Brunnen schenken wollte.

Als Walder seiner bürgerlichen Mutter begeistert erzählte, er arbeite mit Tinguely zusammen, warnte sie den Sohn vor der Künstler-Szene. «Alles Halunken!», hatte sie gesagt. Der junge Mann ignorierte die Warnung – und bereute es nicht.

Walder mit dem Künstler Jeannot Tinguely am Tag nach der Einweihung des Brunnens vor 40 Jahren.

Walder mit dem Künstler Jeannot Tinguely am Tag nach der Einweihung des Brunnens vor 40 Jahren.

Sonst wär es kein Tinguely mehr

Mit 66 Jahren starb Tinguely. «Es war, als hätte ich einen Vater verloren», erinnert sich Walder. Tinguelys Tod erschütterte nicht nur ihn, sondern die ganze Stadt, das ganze Land, die Kunstwelt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen wusste Walder, was zu tun ist, um das Werk des Verstorbenen unsterblich zu machen. Er kümmerte sich weiter um die Wartung des Brunnens, schmiert bis heute quietschende Metallteile, ersetzt Keilriemen, bewahrt Tinguelys Erbe.

«Natürlich könnte ich zu dünne Riemen durch dickere ersetzen, doch dann würde ich in die Kunst eingreifen, und das tue ich nicht.» Er geht sogar so weit, ein seit je krummes Rad nicht gerade zu biegen. «Sonst wäre es ja kein Tinguely mehr! Das Lottrige und Wackelige muss erhalten bleiben, die Brunnen-Skulpturen dürfen nie zu perfekten Maschinen werden.»

Der Tinguely-Brunnen am Theaterplatz

Der Tinguely-Brunnen am Theaterplatz

Ein Kopf «seicht» Richtung Theater

Tinguely selber sah das nicht so eng: «Hört auf, der Veränderung zu widerstehen», pflegte der Künstler zu sagen. Auch, was die Positionierung seiner Skulpturen innerhalb des Brunnens anging, hatte er keine klaren Vorstellungen. Ausser beim «Theaterkopf». «Paul, stell den so hin, dass er das neue Theater anseicht», hatte Tinguely angeordnet. Seither «seicht» der Kopf mit seinen Augen den Bau an, der, als er neu war, kaum jemandem gefiel.

Seit der Einweihung am 14. Juni 1977 fährt Walder mindestens alle zwei Wochen zum Theaterplatz und kontrolliert die Skulpturen und die technische Anlage in der Brunnstube, die sich unter dem Brunnen befindet. Die IWB sind für den täglichen Unterhalt zuständig, was Walder sehr schätzt. Selber konzentriert er sich auf die Technik, wechselt Motoren aus, repariert Scheinwerfer und Figuren, wenn diese vom Eis und den UV-Strahlen lädiert sind. Walder war es auch, der die Brunnstube einst konstruiert und gebaut hat.

«Ich fühle mich moralisch verpflichtet, mich auch als Pensionierter weiter um den Fasnachtsbrunnen zu kümmern», sagt er. Mehr noch: Er sorgt dafür, dass die Jubiläen stets gefeiert werden – auch, wenn sich die Stadt nicht verantwortlich fühlt. «Als ich beim Präsidialdepartement nachgefragt habe, ob die Stadt das heutige Fest unterstützen könnte, hiess es, man konzentriere sich auf das 50-Jahr-Jubiläum», sagt Walder. Aber wer wisse schon, was in zehn Jahren ist? Also hat er mit der PR-Abteilung der Migros zusammen selber ein Programm auf die Beine gestellt.

Auf einem Kamel wird diesmal keiner kommen. Nass gespritzt wird auch niemand mehr. Möglicherweise werden die einen oder anderen Art-Besucher durch die fasnächtlichen Klänge aufgeschreckt. So, wie es Tinguely gefallen hätte.