Sie ist eine Herzensangelegenheit für ihn: Die Kolumnensammlung «Im Café und auf der Strasse». 2002 veröffentlicht, war sie bald vergriffen. Jetzt erscheint sie auf seinen Wunsch bei Diogenes in einer Neuauflage. Anlass für ein Treffen im charmanten Café Rosenkranz in der Mittleren Strasse in Basel. Dort, wo nicht nur Kommissär Hunkeler wohnt, sondern auch sein Schöpfer.

In einer Ihrer Kurzgeschichten sagt eine Frau: «Sie gehen jeden Tag in die Wirtschaft, um Zeitung zu lesen.» Ihr tägliches Ritual?

Hansjörg Schneider: Ja. Ich musste ja nie in den Stollen gehen, um zu arbeiten. Also genoss ich morgens den Luxus, ins Café zu gehen und Zeitung zu lesen. Das tue ich heute noch. Ich lese mindestens drei Zeitungen pro Tag. Ich bin ein Zeitungs-Typ.

Warum lesen Sie die Zeitung im Café. Um sich das Abo zu sparen?

Nein, nein. Ich möchte am morgen einfach raus aus der Wohnung. Zuerst setze ich mich ins Café und danach gehe ich in den Kannenfeldpark, wo ich eine Stunde lang spaziere.

Um in Bewegung zu bleiben?

Ja. Und um die Gedanken fliessen zu lassen. Ich kann mich nicht zu Hause vor ein leeres Blatt setzen und einen Roman beginnen. Mir kommen die Ideen beim Spazieren.

Sie schreiben jeden Tag?

Ja, wenn ich produktiv bin schon.

Denken Sie daran, Ihre Hunkeler-Reihe zu einem Ende zu bringen?

Nein. Hunkeler war ja auch nie als Reihe gedacht. Das hat sich einfach ergeben, mittlerweile hat sich diese Figur verselbstständigt, taucht in Hörspielen und im Film auf. Und ich habe das Glück, immer wieder auf ihn zurückgreifen zu können.

Also lassen Sie ihn auch nicht sterben, den Kommissär Hunkeler?

Das überlege ich mir gar nicht. Ich probiere jetzt noch einen zu schreiben.

Haben Sie ihn schon im Kopf?

Ich bin schon mittendrin. Der Arbeitstitel lautet «Hunkeler im Kannenfeldpark».

Also bleiben Sie auch im nächsten Roman Ihrem eigenen Quartier treu. Sind Sie ein Quartiermensch?

Könnte schon sein, ja. Figuren wie etwa der dicke Eddie, der Wirt des Restaurant Sommereck, gabs ja wirklich. Er ist zwar schon lange tot. Aber in den Büchern lebt er weiter. Die Poesie der normalen Umgebung finde ich etwas Wunderbares für einen Literaten.

Was fasziniert Sie denn am sogenannt Unspektakulären?

Die Schönheit und Poesie des Lebens. Das Quartier hier ist eigentlich nichts Besonderes, hier fahren keine Touristenbusse durch. Aber ich beschreibe gern, was ich sehe. Szenen wie jene am Burgfelderplatz, als ich um Mitternacht ein Liebespaar in einem leeren Tram sah und danach einen Marder, der über die Kreuzung huschte. Das fand ich einen verrückt schönen Moment.

Ihre Kurzgeschichten sind Momentaufnahmen: Wie Sie Bäume sehen, wie Sie Vögel beobachten.

Ja, ja. Ich liebe das. Man kann die Schönheit beschreiben, die den Leuten gar nicht mehr auffällt, man kann sie in Geschichten aufschimmern lassen. Wenn ich überhaupt eine Absicht habe, dann diese. So wie die Geschichte aus dem Vorgarten nebenan, Da gabs eine Stechpalme mit roten Beeren. Im Winter sass da immer ein Amselmann und sang leise. Das war erstaunlich, denn die Amseln singen eigentlich nicht in der kalten Jahreszeit, sondern erst im Frühling.

Viele Stadtmenschen nehmen solche Details gar nicht wahr.

Das stimmt. Das ist vermutlich eine Frage der Generation und der Herkunft. Ich komme vom Land. Und in Zofingen lebten wir neben einem Friedhof, da wimmelte es von Singvögeln. Wir fütterten die Meisen mit Nüssen, das war ein Erlebnis, wenn diese zarten, federleichten und schönen Tiere auf der Hand landeten. Fantastisch. Ich kenne alle Vögel und liebe sie heiss. Vor einer Woche sind die Mauersegler angekommen, die Spiren. Ich frage mich manchmal, wie lange die noch Futter haben, hier, bei uns in der Stadt.

Was hält einen Naturmenschen wie Sie überhaupt noch in der Stadt?

Früher wars die Arbeit, fürs Theater oder die Zeitungen.

Und heute?

Ich brauche die Abwechslung. Im Hochsommer bin ich auch immer noch gerne im Schwarzwald, weil ich die Hitze in der Stadt nicht mehr so ertrage, ausser ich gehe schwimmen.

Gehen Sie wie Hunkeler auch immer noch baden im Rhein?

Ja, das mache ich seit 60 Jahren. In den 70ern gabs mal einen Unterbruch, weil der Fluss stank, aber seit sie die Kläranlagen gebaut haben, ist es wieder wunderbar im Rhein. Ich war immer schon ein Wassermensch und lasse mich gerne runtertreiben, vom Münster bis zum Rheinbadhüsli im St. Johann. Dass Basel im Sommer ein einziges Strandbad ist, das finde ich fantastisch.

Der Fluss hält Sie also auch in der Stadt?

Ja. Ich habe mir schon mal überlegt, ganz aufs Land zu ziehen. Aber dort würden mir meine Kollegen fehlen und auch das Hektische der Stadt.

Dabei verkörpern Sie selber nicht den hektischen Typ.

Das stimmt. Aber ich mag schon, wenn etwas läuft. In der Stadt kann man gesellig sein – und einsam. Die Einsamkeit hilft beim Schreiben.

Wir sitzen hier wie vor zehn Jahren im St. Johann. Damals nannten Sie es ein Quartier ohne Sehenswürdigkeiten, im positiven Sinn eigenschaftslos.

Habe ich das wirklich gesagt?

Ja.

Das würde ich nicht mehr sagen. Das St. Johann verändert sich sehr. Vor 40 Jahren war das ein Quartier mit billigen Wohnungen. Die Mittlere Strasse war eine Autobahn für die Elsässer, die zur Arbeit fuhren. Es gab viele einfache Leute, viele Spünten, viele Biertrinker.

Diese Knillen in ihren Büchern gibt’s so nicht mehr. Warum eigentlich?

Das Fernsehen hat viel verändert. Früher konnte man nachts in eine Beiz und dann sassen da Leute, manche besoffen. Heute sitzen alle vor dem Fernseher, auch die Trinker. Und die, die doch in den Beizen sind, haben einen Bildschirm vor sich, selbst auf der Strasse. Die Wirklichkeit spielt sich vor einem Bildschirm ab.

Bedauern Sie diese Veränderung?

Ja, klar.

Der Stammtisch hat sich ins Internet verlagert.

Wahrscheinlich, ja. Ich kann es nicht sagen, ich habe kein Internet.

Sie sind ein analoger Mensch geblieben?

Ja. Meine Kinder haben immer gestürmt, aber ich fand immer: Nein, ich brauche dieses Internet nicht. Auch wenn fast alle Leute da mitmachen: Sie sind doch nur ein Rad in diesem System. Ich finde das die grosse Katastrophe unserer Zeit: Wie diese grossen Mächte alle im Griff haben. Firmen wie Facebook oder Google haben Börsenwerte in Billionenhöhe, zahlen kaum Steuern und scheren sich einen Teufel um einzelne Länder.

Sowas wollen Sie nicht unterstützen?

Ich brauche es ja nicht. Ich habe keinen Computer.

Ein Computer würde Ihnen als Schriftsteller Arbeit abnehmen.

Das sagen sie immer. Aber ich will das doch gar nicht, dass mir jemand Arbeit abnimmt. Ich schreibe immer noch von Hand und dann übertrage ich es mit der Schreibmaschine und Kohlepapier. Das mache ich gerne, das hat etwas Handwerkliches. Wenn ich hingegen höre, welche Idiotien im Internet abgehen, wie gläubig die Jungen auf ihr Scheiss-Maschineli starren …

Finden Sie das unheimlich?

Ja, ich finde das unheimlich. Die reden und sehen gar nicht, wo sie hingehen, was um sie herum passiert. (Pausiert) Ich bin ein alter Mann, ich weiss.

Man merkt es Ihren Kolumnen an: Sie hatten eine Schwäche für Trinkerbeizen.

Ja, früher bin ich gerne auf der Gasse unterwegs gewesen. Ich kannte viele Leute.
Im Unterschied zu anderen Literaten Ihrer Generation sind Sie aber nie abgesoffen.
Manchmal bin ich schon versackt, aber ich hatte den grossen Vorteil, dass ich nie Schnaps trank. Weil ich ihn nicht gern hatte. Kollegen von mir tranken Wodka oder Whisky und sind daran gestorben. Mir kam auch zugute, dass ich Familie hatte, zwei Kinder. Ich wollte nie frühmorgens betrunken nach Hause kommen.

Sie haben es erwähnt: Viele Berufskollegen von Ihnen sind tot, Jürg Federspiel, Werner Schmidli …

Ja. Aber Bichsel lebt noch wacker, Muschg schreibt sogar noch, und immer noch gut. Sonst aber kenne ich keinen, der noch Bücher herausgibt. Ich staune ja manchmal selber, dass ich noch schreiben kann. Aber es tut mir halt gut. Schreiben ist eine Verjüngungskur.

Wie meinen Sie das?

Du erfindest Dich immer wieder neu beim Schreiben, mit jedem Satz und auch der Art, wie Du eine Geschichte erzählst. Jede Geschichte ist eine Schicht Haut, die man verliert und wieder wachsen lassen muss. Eine Häutung. Eine Verjüngungskur eben.