«Papi, ich ha dr Bär gseh», ruft ein kleines Mädchen mit grossen Augen seinem Vater zu. Eine freudige Nervosität herrscht am Samstag kurz vor 14 Uhr auf dem Matthäuskirchplatz. Tanzend und vom Bärenspiel musikalisch begleitet, ist der Bär nicht mehr zu überhören. Vor dem Startschuss tanzt er noch eine Runde um die Kirche. Dann bildet sich im grossen Kreis voller Familien schnell eine Lücke, damit der Bär seinen ersten offiziellen Tanz aufführen kann. Und der Bär hält auch dieses Jahr, was sich vor allem die Kinder von ihm versprechen: grosse Pranken, eindrücklich scharfe Zähne und ein Fell, das sich sanft anfühlt.

Die mittanzenden Kinder ziehen auch die achtjährige Malena an, sie hüpft begeistert mit dem Bären im Kreis: «Meine Cousinen haben mich überzeugt, dieses Jahr auch mitzutanzen.» Sie gibt zu, dass der Bär eine «eindrückliche» Postur hat: «Ich habe immer geschaut, dass ich hinter ihm tanze.» Das Bärenspiel aus Pfeifern und Tambouren spielt zum ersten Höhepunkt den Bärenblues. Dieser wurde extra für die Gesellschaft zum Bären komponiert, die den Bärentag alljährlich organisiert. Die meisten Tänze begleiten Tambourin Edith Habraken und Ruedi Lindner mit der trompetenartigen Büchel aus Holz. «Dieses archaische Instrument aus dem Muotatal passt perfekt zum Bärentag», erklärt Lindner die Tradition des Instruments.

Tanz bei wichtigen Institutionen

Jahr für Jahr zieht der Bär abwechselnd durchs Untere oder Obere Kleinbasel. Bei wichtigen Institutionen hält der Bär inne und zeigt seine Tanzkünste. In diesem Jahr folgten rund 150 Personen bei optimalen Bedingungen dem Bären, den Geld sammelnden Uelis, seinen Begleitern den Bärenkindern und dem Bärenspiel. Unter anderem tanzte der Bär bei der Bläsibibliothek, dem Quartierzentrum Brückenkopf und dem erst wiedereröffneten Isteiner Bad. «Wir versuchen auch immer, aktuelle Geschehnisse in der Route zu berücksichtigen», sagte Felix Labhart, Organisator der Bärenroute. Die Aktienmühle bot mit ihrem Innenhof eine ganz besonders gelungene Kulisse für den Bärentanz. Nach vier Stunden Tanz und Musik trafen sich alle Hungrigen in der Kaserne zum «Bährenmähli», wo die Ehrengäste alt Bundesrat Moritz Leuenberger und Regula Zweifel, Präsidentin der Zürcher Gesellschaft zu Fraumünster, die Tischrede hielten. Dass Zürcher als Ehrengäste eingeladen werden, zeige die Offenheit des Bärentages, hiess es stolz von allen Seiten.

Alternative zum Vogel Gryff

Diese Offenheit ist es, die alle am Bärentag schätzen. Während beim Vogel Gryff ausgewählte Männer im Zentrum stehen, ist es am Bärentag die gesamte Bevölkerung. Dieser Unterschied hat seinen Ursprung in der Bärenlegende. «Früher soll es eine vierte Ehrengesellschaft gegeben haben. Diese stand allen offen und hatte als Symbol den Bären», erzählte Felix Labhart. Das sei bei den traditionellen drei Ehrengesellschaften nicht gut angekommen. «Sie warfen den Bären in den Rhein und löschten so die Erinnerung an ihn aus.» Die Bärengesellschaft der Neuzeit habe die Erinnerung an den Bären wieder belebt. «Natürlich», sagte Labhart mit einem Schmunzeln, «hat die Legende mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun.»

Doch die Geschichte bedeutet den Menschen viel. «Der Bärentag ist eine Ergänzung und Alternative zum Vogel Gryff», sagte Catherine d’Aujourd’hui, die seit mehreren Jahren teilnimmt. «Der Bär tanzt dort, wo das gemeine Volk einen wichtigen Platz für sich hat und nicht nur vor Leuten, die selber wichtig sind.» Die vierte Gesellschaft war in der Legende beliebt für ihren Zusammenhalt und ihre Kraft. «Es sind viele Leute, die noch heute für solche Werte einstehen», sagte die Kleinbaslerin.