Das Gebiet um die Claramatte hat nicht nur in der Nacht einen schlechten Ruf. «Jeden Morgen, wenn ich zum Parking laufe, sehe ich dort Prostituierte», sagt ein Anwohner. Rund um die Anlage mit dem Spielplatz stehen Frauen und bieten sich dort den Männern an. Das ist kein neues Phänomen. Neu ist aber, was für Frauen dort auf dem Trottoir stehen. Diese Veränderungen stehen für eine Reihe von Entwicklungen im Basler Rotlicht-Milieu.

Kein Verkehr wegen Verbot?

Lange Zeit war die Claramatte das Territorium des Drogenstrichs. Wenig Organisation, wenig Kontrolle. Ein regelfreieres Gebiet als die Toleranzzone um Ochsen- und Webergasse mit ihren Abgrenzungen und Hierarchien. In vielerlei Hinsicht war dieser Strich aber auch diskreter, berichtet Peter Stirnimann vom Quartierverein Claramatte. Natürlich brachte auch jener Probleme mit sich, «aber die Frauen jetzt sind aggressiver und halten teilweise auch Autos an.»

Stirnimann kennt sich aus, seit über zehn Jahren beobachtet er die Vorgänge rund um die Claramatte. «Heute sind es vermehrt Frauen aus dem Ostblock, die dort anschaffen. Die Zuhälter sitzen derweil auf der Claramatte.» Die Freier kämen teilweise mit dem Auto und lassen eine Prostituierte einsteigen.

Dies ist ein möglicher Grund für die Verschiebung, aus Sicht der Polizei der zentrale. «Tatsächlich hat die Milieufahndung der Kantonspolizei festgestellt, dass weniger Freier in die Toleranzzone kommen. Das könnte daran liegen, dass die durch ein Auto gewährte höhere Anonymität durch die motorfahrzeugfreie Innenstadt wegfällt», sagt Sprecher Martin Schütz.

Konkurrenz aus dem Osten

LDP-Grossrat André Auderset hat sich im Parlament immer wieder mit dem Sexgewerbe beschäftigt. Er nennt politische Ursachen für die jüngsten Veränderungen an der Claramatte. «Hauptgrund für die Expansion ist wohl der enorme Konkurrenzdruck, verschärft durch die erweiterte Personenfreizügigkeit für Rumänien und Bulgarien.» Allerdings gelten die neuen Bestimmungen erst seit Anfang Monat.

Verschiedenste Experten sind sich jedoch einig, dass diese in Zukunft die Situation noch verschärfen werden. In den vergangenen Jahren hat sich der Druck auf die einzelnen Prostituierten stets erhöht, was zu tieferen Preisen führte. Manche bedienen ihre Freier schon jetzt für weit weniger als 30 Franken.

Gerade Prostituierte aus dem Ostblock arbeiten heute zudem kaum länger als drei Wochen in Basel, bevor Zuhälter neue Cars mit Sexarbeiterinnen organisieren und die Bisherigen weiterziehen. Eine zusätzliche Herausforderung beim Durchsetzen der Gesetze und der Grund weshalb Stirnimann fordert: «Man muss bei den Zuhältern, nicht den Prostituierten ansetzen.»

Das gentrifizierte Milieu

Dieser Meinung ist auch SP-Grossrätin Kerstin Wenk. Sie sorgte unlängst mit einem ungewöhnlichen Vorschlag in «20 Minuten» für Aufsehen: ein staatliches Bordell. Eine Beantwortung ihrer schriftlichen Anfrage bei der Regierung steht noch aus.

Diese hat sich unlängst ausgiebig mit dem Thema beschäftigt, das Thema treibt die lokalen Politiker aller Couleur um. Aus dem Bericht der Regierung geht hervor: Rund 90 Betriebe gebe es in der Stadt, die etwa 255 Frauen beschäftigen sollen. Dazu kämen je nach Saison noch bis zu 40 Frauen von der Strasse. Experten schütteln ob solcher Zahlen den Kopf. Anne Burgmer, katholische Seelsorgerin im Basler Milieu, geht von etwa 3000 Sexarbeiterinnen aus.

Wenk macht noch einen anderen Punkt aus: «Die Toleranzzone verändert sich. Es ist nicht mehr nur ein Rotlicht-Viertel.» Tatsächlich: Das «Renée» und seit kurzem auch der «Rote Bären» locken ein junges Ausgangspublikum an, das mit dem Sexgewerbe kaum Berührungspunkte hat. Die beiden Lokale gelten als Trendbars mit schickem Interieur für Yuppies. Die altbekannten Spunten und zwielichtigen Kontaktbars dürften vom neuen Besucherandrang kaum profitieren. Zudem verschwinden manche Stundenzimmer zugunsten von Wohnungen.

Hipster als Vertreiber der Sexarbeiterinnen? Kaum der Hauptfaktor für die Veränderungen im Sexgewerbe. Dennoch wäre Basel nicht die erste Stadt, in der Szene-Bars das einstige Milieu zum Exodus zwingen: Chur, Zürich und Wien erging es ähnlich.

Wahrscheinlich ist es eine Verknüpfung der genannten Gründe, die das Beheben des Problems erschwert. Dabei wird sich die Situation weiter zuspitzen: Gerade jetzt, wenn die Temperaturen steigen, arbeiten gemäss den Zahlen des Kantons rund ein Drittel mehr Prostituierte auf den Strassen.

Bislang bleibt den Behörden nur eines: Das Vergällen der Prostituierten. Auch die Freier machen sich strafbar. «Prostituierte werden verzeigt, die sich bei der Anwerbung von Kunden nicht an die Toleranzzone halten. Freiern, die im Auto um die Claramatte kreisen, droht eine Busse wegen fortgesetztem unnötigem Herumfahren in Ortschaften», sagt Schütz.