«Dich sollte man in eine Vitrine stellen. Und immer, wenn jemand 20 Rappen einwirft, sagst Du etwas.» Die Idee einer ehemaligen Kommilitonin hat Alexander Sarasin natürlich nie verwirklicht. So extrem sei es ja nicht. Ausdrücke wie beispielsweise «scheen» höre man selten von ihm, sagt er, «das wäre oft zu veraltet». Dafür viel anderes.

«Lätz» zum Beispiel für «falsch», was auch sein Vulgo-Name bei den Alt-Zofingern ist. Selber fällt ihm auch auf, wie stark sein Baseldeutsch ist. «Das ist genetisch bedingt und kommt von meinen Eltern», sagt er dazu. Wer nun glaubt, dieser Mann sei ein Traditionalist, irrt. Wäre er das, hätte er bei den Grossratswahlen vor einigen Jahren für die LDP kandidiert und nicht für die FDP. Zudem fände er nicht, das inzwischen abgeschaffte «Negro Rhygass»-Logo sei «aus der Zeit gefallen».

Alexander Sarasin hat dieses Jahr die Galerie «Sarasin Art» eröffnet. Und damit etwas getan, was ein Ewiggestriger nie täte: Er ist ein Risiko eingegangen – aus Leidenschaft. «Die Idee einer Galerie hatte ich schon lange», sagt er. Irgendwann sei er an den Punkt gekommen, wo klar war: «Jetzt ist es Zeit für den Ausbruch aus dem Hamsterrad!» Schon immer sei er der Kunst «nachgegangen», habe Ausstellungen im In- und Ausland besucht, das reichte ihm aber nicht als Qualifikation zum Galeristen.

Meister der Künste im Hauptamt

Also liess er sich bis 2016 am Londoner Sotheby’s Institute of Art zum Master of Arts in zeitgenössischer Kunst ausbilden. Dies, nachdem er jahrelang auf seinem Beruf als Doktor der Biologie in der Patentabteilung der Novartis tätig war. Welch mutiger Schritt, lobten ihn alle. Die Galerie in der Spalenvorstadt hat inzwischen einige Vernissagen hinter sich, aber noch immer fragen manche: «Machst Du das im Nebenamt?» Vermutlich können die Leute nicht glauben, dass eine Person so vieles unter einen Hut kriegt wie er.

Alexander Sarasin wurde 1964 als eines von zwei Kindern in die gleichnamige Daig-Familie hineingeboren. Er gehört nicht zum Bankier-Strang, doch Sarasin ist Sarasin; dieser Stempel haftet. «Als Herr Meier müsste ich mir wohl weniger dumme Sprüche anhören», sagt er. «Ah, da kommt einer vom Daig!» Solang es nichts Schlimmeres ist. Das ist es bei ihm nicht.

Alexander Sarasin ist es gelungen, den Leuten zu zeigen, dass auch Daig-Hineingeborene nett sein können. Und lustig. Es war nie sein Plan, Vorurteile zu tilgen. Er ist wirklich nett und lustig. Und hat keine Berührungsängste mit «Meiers». Jeder, der in Basel verankert ist, kennt ihn oder hat ihn schon mal gesehen. Wenn nicht, hat er sicher schon einen Text von ihm gelesen oder, wahrscheinlicher, gehört. Texte, die er «gebrinzelt» hat. Und die nicht Texte heissen, sondern «Väärsli». Sarasin ist die verkörperte Fasnacht. Schon als Jugendlicher schrieb er Zeedel für die Schnooggekerzli, bei denen er nach wie vor pfeift.

2010 wurde er als Text-Schreiber ins Fasnachts-Comité geholt. Inzwischen ist er Statthalter. Bisher wurden die Statthalter zu den nächsten Obmännern gewählt. Das wird bei Sarasin kaum anders sein.

Statthalter-Job hüben und drüben

Zahlreiche Fasnächtler würden ihn gern als Obmann sehen. «Alexander ist höchst originell, intelligent und witzig. Und selbstkritisch», sagt etwa Ex-Obmann und Fasnachtsleuchtfigur Felix Rudolf von Rohr. Die beiden schmieden Verse fürs Drummeli, die Vorfasnachtsveranstaltung des Comités, aber auch für die Konkurrenz-Veranstaltung Pfyfferli.

Ein Novum, dass einer aus dem Comité auch dort mitwirkt. Spannender als das findet von Rohr aber die Tatsache, dass Tausendsassa Sarasin Statthalter bei der Zunft zum Schlüssel ist und gleichzeitig bei der Ehrengesellschaft zum Rebhaus.

Die Schlüssel-Zunft gilt als Daig-Zunft, während sich selten einer aus dem Daig in eine der Kleinbasler Ehrengesellschaften verirrt. Bis auf Sarasin, der das auch begründen kann: «Der Vogel Gryff ist der ursprünglichste Brauch, den es noch gibt in Basel.» Warum also sollte er, der im Kleinbasel geboren ist und dort lebt, diesen Brauch nicht selber leben? Bloss, weil er Sarasin heisst?

«Am Anfang gab es schon Sprüche», erinnert sich Peter Stalder, Meister der Ehrengesellschaft zum Rebhaus. «So im Sinne von: Endlich haben wir einen aus dem Daig.» Sarasin sei voll akzeptiert und integriert in der Gesellschaft, er sei bescheiden und tüchtig und natürlich – witzig. «Ausserdem hat er eine tolle Mimik», lobt Stalder.

Als Kind hatte Sarasin eine Gelenkentzündung, die später zu einem Morbus Bechterew wurde. Seine Wirbelsäule ist verknöchert, er kann den Kopf nur drehen, wenn er den Körper mitdreht. Die Mimik ist umso wichtiger, wenn er seine «Väärsli» vorträgt, was er oft auch privat tut. Über sein Privatleben gibt es insofern nicht viel Neues zu berichten, als dass das meiste bekannt ist. Ausser vielleicht, dass er vor wenigen Jahren seine Frau Lolita geheiratet hat, die dort Schule gibt, wo Sarasin einst rausgeflogen ist: im Bäumlihof-Gymnasium. Seinen Weg hat er trotzdem gemacht. Und der ist noch lange nicht zu Ende.