Moses donnert in einem Pferdewagen durch enge Gassen. Neben ihm in einem anderen Gefährt, sein Stiefbruder Ramses. Sie kurven durch enge Gassen, bringen die Baustelle eines Tempels zum Einsturz. Staub, Geschrei, donnerndes Hufgetrappel. In einem abgedunkelten Raum schauen acht Kinder gebannt der Spur der Zerstörung zu. Hände schnellen in die Luft: «Das stimmt alles gar nicht. In der Tora steht nichts von einem Pferderennen.» Rabbiner Moshe Baumel nickt: «Und gibt es einen Stiefbruder?» – «Neeeeein», eifriges Kopfschütteln.

Kurz vor den Sommerferien hat sich Baumel für eine etwas andere Religionslektion entschieden. «Wir schauen nicht immer Hollywoodfilme», sagt er kurz vor dem Unterricht, als er in seinem Büro die DVD «Prinz von Ägypten» zückt. Blosse Berieselung ist aber nicht angesagt. Baumel will, dass die Kinder die Fehler im Zeichentrickfilm finden. Wo weicht er von der Vorlage ab? Meistens machen die Kinder lautstark darauf aufmerksam, ehe der Rabbi die Pause-Taste auf seinem Laptop drücken kann.

Der 29-Jährige ist seit eineinhalb Jahren Rabbiner in Basel. Mutmasst die Öffentlichkeit aktuell über die Feierlichkeit zum 120. Jahrestag des Zionistenkongresses, bleibt fast unbemerkt, wie stark die Israelitische Gemeinde Basel (IGB) aktuell mit sich beschäftigt ist. Es geht um Tradition, um Identität. Diese Begriffe kristallisieren sich in der Frage, ob gemischt-konfessionelle Ehepaare auf dem jüdischen Friedhof beizusetzen sind. Bis anhin ein Tabu, obwohl schweizweit mehr als 50 Prozent der jüdischen Ehen interkonfessionell sind. Für «Tachles»-Chefredaktor Yves Kugelmann braucht es eine Lösung, um nicht weitere Mitglieder zu verlieren: «Für viele ist die Zusicherung für den letzten Ruheort ein Hauptargument, um in der Gemeinde zu bleiben.»

Die Idee von Baumel und dem Gemeindevorstand: ein eigenes Grabfeld für gemisch-konfessionelle Ehepaare. Obwohl es separiert wäre, sträubt sich eine Minderheit der Gemeinde dagegen. Ihre Angst: die jüdische Einheit zu gefährden. Baumel führt seit eineinhalb Jahren Gespräche. «Ich will alle einbeziehen und spreche mit jedem Einzelnen.» Kommende Woche debattiert die IGB erstmals gemeinsam. Hat der Rabbi alle überzeugt? «Keine Ahnung, ich lasse mich überraschen.»

In der breiten Öffentlichkeit ist Baumel kaum bekannt. Wer ist also dieser Mann, den die IGB im Alter von 27 Jahren zu ihrem Rabbiner gewählt hat und seither scheinbar unermüdlich für diese weibelt, Projekte anreisst und sich an verkrustete Traditionen herantastet?

IGB-Präsident Guy Rueff sagt, dass der Rabbiner zwar selber «sehr religiös und nach traditionellen Regeln» lebe: «Aber, und das ist entscheidend, im täglichen Leben ist er offen. Er akzeptiert, dass die Mehrheit nicht praktizierend ist, und geht dennoch auf sie zu, ohne zu missionieren.» Deshalb sei es ihm gelungen, an die Beliebtheit seines Vorgängers anzuknüpfen.

Dass Baumel praktisch täglich die Sicherheitskräfte passiert, um in sein Büro neben der Basler Synagoge zu gelangen, ist nicht selbstverständlich. Seine Wahl war im Vorfeld umstritten. Der Verein Ofek, eine pluralistische Gruppe innerhalb der IGB, empfahl, leere Stimmzettel einzulegen. Vorstandsmitglied Valérie Rhein erinnert sich: «Auf den ersten Blick wirkte er, als sei er zu sehr im traditionell Orthodoxen verhaftet.» Das wollte Ofek nicht. «Heute müssen wir eingestehen: Unsere Einschätzung war falsch. Der Rabbiner ist ein Glücksfall für die Gemeinde.» Er kenne keine Berührungsängste, höre zu und reagiere sowohl besonnen als auch humorvoll: «Dadurch lassen sich Themen diskutieren, die bislang nicht möglich waren», sagt Rhein.

Privatschule ausbauen

Baumel sitzt in seinem Büro. Dunkler Anzug, Krawatte, schwarze Kippa. Er spricht ruhig, unaufgeregt, ab und an hellt Schalk seine Gesichtszüge auf. Er selbst bezeichnet sich als modern-orthodox. «Als Rabbiner einer Einheitsgemeinde mit verschiedenen Ausrichtungen schaue ich, wie sich die jüdischen Gesetze mit der modernen Welt in Einklang bringen lassen.» Alle Mitglieder sollen sich «unabhängig ihrer Ausrichtung akzeptiert fühlen», sagt Baumel. Das ist eine permanente Gratwanderung: Traditionelle Kreise will er nicht vor den Kopf stossen. Soll die Gemeinde nicht weiter schrumpfen, muss er die Mehrheit der kaum praktizierenden Mitglieder aber stärker in die Gemeinde integrieren.

Wie will er das schaffen? «Durch kulturelle oder soziale Anlässe. Dort finden sich alle.» Zudem setzt er auf eine stärkere Bildung. «Unsere Kinder entscheiden längerfristig darüber, ob unsere Gemeinde auch künftig aktiv und lebendig ist.» Seine frühere Idee, ein jüdisches Gymnasium mit Internat zu eröffnen, liegt zwar nun in Zürich. Das halte ihn aber nicht ab, weitere Projekte anzugehen, sagt Baumel. Per 2019 plant er, die Primarschule um zwei Klassen zu erweitern. Ab dann sollen Kinder bis zur sechsten Klasse in der jüdischen Privatschule «Leo Adler» unterrichtet werden. Funktioniert das, möchte er die Gymnasialstufe einführen. Für ihn selbst waren genau diese Teenager-Jahre prägend. In seiner zweiten Heimat Berlin – bis zu seinem dritten Lebensjahr lebte seine Familie in Litauen – besuchte er ein jüdisches Gymnasium. Sein Bruder und er seien zwar mit Traditionen aufgewachsen, deren tiefere Bedeutung hätten die Eltern aber nicht vermittelt: «Das lässt sich vergleichen mit christlichen Familien, die zwar an Heiligabend zu einer schönen Mahlzeit zusammen kommen, aber den Sinn dahinter gar nicht mehr kennen.» Im Religionsunterricht habe er erstmals die Tiefe in den Texten erahnt. Er begann mit dem Talmud-Studium. Gab es einen Auslöser? Baumel zuckt mit den Schultern: «Nein, es war pures Interesse, so wie sich jeder Teenager von etwas angezogen fühlt.» Als er sein Abitur entgegennahm, wusste er: Er will Rabbiner werden.

Ein Jahr lang hat er sich in Manchester auf die Ausbildung vorbereitet. Sieben Tage die Woche lernte er, von acht Uhr morgens bis elf Uhr nachts. Es folgte das Rabbinerstudium in Berlin. Als er es im Alter von 22 Jahren abschloss, war der damals jüngste Rabbi Deutschlands bereits verheiratet. Mit seiner Frau Chana hat er heute vier Kinder.

Frauen stärken

Seine erste Gemeinde war in Osnabrück. Deren Mitglieder bestanden vor allem aus Einwanderern aus der früheren Sowjetunion, vor allem aus den Gebieten Russlands und der Ukraine. «Anders als in den baltischen Staaten hatten diese Juden die sozialistische Ideologie implementiert. Dadurch verloren sie das Religiöse», analysiert Rabbi Baumel. Nur rund 50 Mitglieder hätten die Synagoge von Osnabrück regelmässig besucht. Das funktionierte für ihn als Rabbiner nicht. «Ich wollte eine Gemeinde, in der die Menschen mehr fordern und ein jüdisches Leben stattfindet.» Er fand sie in Basel.

Hier will er auch die Frauen stärker einbeziehen. Ein Thema mit Sprengkraft. Erstmals liess er am jüdischen Feiertag Purim die Esther-Rolle von einer Frau vorlesen. Wie klein seine Schritte sein müssen, zeigen die Umstände: Die Lesung stand ausschliesslich Frauen offen und erfolgte nach jener in der grossen Synagoge.

Es blieb nicht bei einem einmaligen Versuch. Erstmals hat Baumel an einem Freitagabend in der grossen Synagoge die Frauen einmal neben den Männern platziert. Für Ofek-Mitglied Valérie Rhein ein «grosser Schritt», wie sie sagt: «Eine solche Sitzordnung mit einer Längsteilung des Raums ermöglicht es mir, wieder die Synagoge zu besuchen.» Die Gemeinde reagierte ähnlich wie bei der Friedhofsdebatte: mit Zustimmung und Kritik.

Baumels Programm ist gedrängt, der Rabbiner ist stets abrufbereit. Mit seiner Familie eine DVD gucken, wie mit den Schülern, liegt selten drin. Wann sieht er sie überhaupt? «Manchmal verbringe ich am Sonntag Zeit mit der Familie.» Kurzes Schweigen. Ja, sie komme mitunter zu kurz. Er lacht: «Ein Coach im Zeit-Management wäre hilfreich.» Will er zu viel? Entschiedenes Kopfschütteln: «Nein, ich will etwas erreichen.»