Ob Münster, Rathaus oder Pfalz — die Basler Altstadt hat an historischen Sehenswürdigkeiten einiges zu bieten. Klassische Tourismusführungen gibt es in der Stadt am Rheinknie wie Sand am Meer. Dass Stadtgeschichte auch persönlich geht, beweist der Verein Frauenstadtrundgang Basel auf eigene Art und Weise.

Seit bald 30 Jahren erarbeiten Studentinnen und ausgebildete Wissenschaftlerinnen der Universität Basel unkonventionelle Stadtspaziergänge. Der Verein greift Fragen aus der aktuellen Frauen- und Geschlechterforschung auf und vermittelt diese auf eine verständliche Weise an ein breites Publikum. In der Tour vom Samstag werfen Interessierte einen Blick durchs Schlüsselloch auf die «unverschämten Töchter» der Stadt Basel.

Sexualität im Verborgenen

An den einzelnen Stationen erzählen jeweils zwei Mitglieder des Vereins im Dialog die Geschichte hinter den historischen Bauwerken. «Dabei fokussieren wir uns aber nicht klassisch auf die Architektur, sondern auf die Sozialgeschichte — auf die persönlichen Episoden, die sich in einem Gebäude abgespielt haben», sagt Rundgangsleiterin Joana Burkart.

Im Zentrum der Führung vom Samstag steht Sexualität im Zusammenhang mit der Sitten- und Kriminalitätsgeschichte im historischen Basel. «Wir wollen aufzeigen, dass die gesellschaftliche Auffassung davon, was sich gehört und was nicht, immer an eine Zeit und einen Ort gebunden ist», sagt Burkart. Sexualität habe einst nur im Verborgenen oder gar im Verbotenen stattgefunden und sei im Laufe der Geschichte immer wieder kriminalisiert worden. «Prostitution zum Beispiel war im 19. Jahrhundert in Basel verboten», sagt Burkart.

Dieses Thema greifen die Vereinsmitglieder auf dem Rundgang mit einem Mini-Theaterstück auf. «Wir spielen beim Münster eine Gerichtsverhandlung nach, in der eine Prostituierte von einem Ratsherren verhört wird», sagt Burkart. Die hervorstehenden Winkel der Münsterfassade hätten Prostituierten nämlich Schutz vor dem Auge der Justiz geboten.

Polizisten nutzen ihre Macht aus

Das Theaterstück bringt die unlauteren Machenschaften der damaligen Behörden zum Vorschein: Nicht selten nahmen auch Polizisten die Dienste der Kurtisanen in Anspruch. Und verlangten im Gegenzug für ihr Stillschweigen über das verbotene Treiben der Damen sogar, dass die Frauen von einer Entlöhnung absahen. «So erzwangen die Polizisten sexuelle Handlungen, indem sie mit einer Anklage drohten», sagt Burkart.

Neben Prostitution werden auf dem Rundgang Themen wie ungewollte Schwangerschaft, Abtreibung oder Homosexualität besprochen. «Das Spektrum der Führung ist breit», sagt Burkart. «Es reicht vom Priesterzölibat bis zum Bravo-Heftli.»

Durch das Zusammenbringen möglichst vieler Zeitabschnitte soll ein Bogen über die ganze Geschichte gespannt werden. «Eines unserer Ziele ist Sensibilisierung», so Burkart. Alle Themen, die im Rundgang angesprochen würden, seien auch heute noch aktuell. «Wir fragen, welche Auswirkung das Geschlecht eines Menschen darauf hat, was mit ihm innerhalb der Gesellschaft passiert. Besonders in Bezug auf seine Sexualität», sagt Burkart.

Der Austausch mit den Teilnehmenden sei ihnen dabei sehr wichtig. «Wir freuen uns, wenn jemand eine Geschichte zu erzählen hat.» Ob Männer auch willkommen seien? «Unbedingt.»

 

Rundgang «Ein Blick durchs Schlüsselloch», Samstag 14 Uhr, Rheinsprung 16,
Basel; www.frauenstadtrundgang-basel.ch