Wir treffen Jndia Erbacher im Reich ihres Vaters im Arlesheimer Gewerbegebiet. Hier repariert und verkauft Urs Erbacher Autos und Motorräder. Und er baut serienmässig hergestellte Modelle nach den Bedürfnissen seiner Kunden um. In derselben Werkstatt, in der die 24-Jährige vor ihrem 10 000 PS-Boliden für Fotos posiert, werden gerade zwei Porsche 911 aus den späten 1960er-Jahren umlackiert. In einem anderen Raum stehen im Erbacher-Style umgebaute Harleys und Indians. Kostenpunkt für eine solche Massanfertigung: 100 000 bis 250 000 Franken.

In dieser Welt der starken Motoren und schicken Karosserien, der PS-Freaks und Bastler ist Jndia Erbacher aufgewachsen. Und auf den Rennstrecken Europas: «Als ich drei Wochen alt war, nahm mich Mami bereits mit auf den Hockenheimring». Der bekannte Rundkurs in der Nähe von Mannheim ist das zweite Zuhause der Erbachers. Jndias Vater fährt seit den 80ern Beschleunigungsrennen und ist sechsfacher Europameister im Drag Racing, dem schnellsten Motorsport überhaupt.

Flüssiger Sprengstoff im Tank

Wie der Vater, so die Tochter: Seit 2014 ist auch Jndia Dragster-Fahrerin – als eine von nur etwa einem Dutzend Frauen weltweit. Vor kurzem hat sie an den NitrolympX in Hockenheim in der Kategorie der Top-Fuel-Dragster, der Königsklasse, ihren persönlichen Rekord geknackt: die 1000 Fuss in 4,039 Sekunden. Mit dieser Zeit hat sie sogar ihren bekannten Papa geschlagen. Dragster wie der von Erbacher sind Rennwagen mit sehr langem Radstand und Motor hinter dem Fahrer. In ihrem Boliden, der mit Nitromethan, also flüssigem Sprengstoff, angetrieben wird, erreicht Erbacher Spitzengeschwindigkeiten von über 450 Stundenkilometern. Die junge Rennfahrerin hat Lunte gerochen – und sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: 2020 will sie in den USA in der National Hot Rod Association (NHRA) an den Start gehen. Dort ist das Drag Racing im Gegensatz zu Europa ein Profizirkus mit 24 Rennen pro Saison und Millionen Fernsehzuschauern. Ein Riesengeschäft – vergleichbar etwa mit der Formel 1 in Europa.

«Dream big – Träume gross», lautet Erbachers Lebensmotto.

Jndias Weg in den Motorsport wurde ihr offensichtlich in die Wiege gelegt, vorgezeichnet war er indes nicht. «Mein Vater war am Anfang eher dagegen und wollte nicht, dass ich dieses doch eher gefährliche Hobby ausübe», sagt sie. Auch fand sie selber den Beruf und die Leidenschaften ihres Vaters nicht immer so cool, wie sie es heute tut. Urs Erbacher ist für sie viel mehr als einfach Papi: Vorbild, Fels in der Brandung, bester Freund, wichtigster Ratgeber. «Als Teenager war es mir eher peinlich, wenn er mich auf einem speziellen Töff von der Schule abgeholt hat.» Als Jugendliche war die Baselbieterin eine begeisterte Springreiterin. Dennoch sattelte sie mit 18 um, tauschte eine Pferdestärke via kleinen Umweg – die Rundstrecken-Rennlizenz – alsbald gegen 10 000 ein.

Lamborghini sieht dagegen alt aus

«Der Adrenalinkick, den dir die Geschwindigkeit gibt, ist einzigartig», sagt Jndia Erbacher. Beim Dragsterfahren wirken Kräfte auf den menschlichen Körper, wie sie sonst höchstens Militärpiloten erleben: Beim Beschleunigen das Sechsfache der Fallbeschleunigung, also 6 G, beim Bremsen mit einem Schirm minus 4 G, macht zusammen 10 G. Erbachers Dragster schafft es von 0 auf 100 in 0,6 Sekunden. Daneben sieht selbst ein Lamborghini wie eine lahme Kiste aus. «Beim Drag Racing musst Du anders funktionieren als sonst im Leben», erklärt die Pilotin. Intuitiv das Richtige zu tun, sei das A und O. Wenn man schon nur einen Gedanken zu fassen versuche, seien zwei Sekunden vorbei. Die Hälfte des Rennens. Im Umgang mit Pferden konnte sie vieles lernen, was ihr nun auch im heissen Ofen hilft: Geduld, Ruhe bewahren, sich auf etwas Bestimmtes zu fokussieren.

«Der Temporausch ist schon geil, aber: Wenn es alleine auf den Kick ankäme, könnte ich ebenso gut Bungee-Jumping machen.» Erbacher verweist auf den riesigen Team-Geist, der nur in wenigen Lebensbereichen zu finden sei. 10 bis 15 Mechaniker und Techniker begleiten sie an die Rennen. Viele von ihnen kennt sie seit Kindertagen. Sie geben einen Teil ihrer Freizeit und ihrer Ferien daran, Saläre gibts im europäischen Drag Racing kaum. «Fahren wir etwa nach England an ein Rennen, sind wir mehrere Tage praktisch rund um die Uhr zusammen.

Ausbrechen kann man kaum. Wir teilen alles – Essen, Gedanken, Erfolge, Frust.» Das geht weit übers Team hinaus. In der Dragster-Szene sei es eine Selbstverständlichkeit, dass man auf dem Rennplatz auch Konkurrenten mit Werkzeug oder Ersatzteilen aushelfe. Vertrauen ist in den Teams alles.

Eine riesige Familie

Dass sie an den Rennen fast ausschliesslich Vertreter des männlichen Geschlechts um sich herum hat, stört die junge Frau nicht – im Gegenteil: «Ich kann gut mit Männern umgehen. Die meisten sind sehr unkompliziert.» Unterstützt wird sie im Hintergrund – bei Büro und Hospitality-Aufgaben – von ihrem Freund. Kürzlich habe er zu ihr gesagt: «Wenn wir mal heiraten, dann nur im Kreis der Familie». Da habe sie geantwortet: «Einverstanden. Doch meine Familie besteht aus 40 bis 50 Leuten.»

Das Drag-Racing ist bei den Erbachers neben Laden und Werkstatt ein separater Unternehmenszweig. Die Teilnahme an einem Rennen schlägt beim Team mit 50 000 Franken zu Buche. Ohne Sponsoren geht nichts. Das ist bei Erbachers nicht anders als im Hot-Rod-Zirkus in den USA, wo die Kosten für die Teams beim Doppelten liegen. Beim Drag Racing ist auch der Verschleiss hoch. Nach jedem Rennen müssen die Mechaniker den V8-Motor auseinanderschrauben. Die Belastung ist derart gross, dass jedes Mal einige Kilogramm Altmetall anfallen. Die vier Sekunden dauernde Fahrt verschlingt 80 Liter Nitromethan. Eine Materialschlacht.

Für den Laien sieht Drag Racing nach einem gefährlichen Sport aus. Unfälle sehen oft sehr spektakulär aus, es gibt Explosionen und Feuerbälle. Dies stimme. Doch schwere Verletzungen oder gar Todesfälle seien heutzutage sehr selten. «Wir sind extrem gut gesichert», sagt Erbacher. Sie habe keine Angst, sie gehe auf der Rennstrecke nur kalkulierte Risiken ein. «Ich bin nicht so erfolgsgeil, als dass ich in einer brenzligen Situation nicht abbremsen würde», sagt sie.

Ihre Sucht nach Geschwindigkeit lebt sie voll auf dem Rennplatz aus, im realen Leben geht die 24-Jährige erst recht auf Nummer sicher. Auf der Strasse ist sie mit einem VW Tiguan unterwegs, einem gewöhnlich motorisierten SUV. Selbst auf der deutschen Autobahn, wo keine Tempobeschränkungen gelten, fährt sie nicht schneller als 140. «Ich halte überhaupt nichts vom Angeben auf der Strasse.» Deswegen sitze sie bei anderen auch nicht gerne als Beifahrerin ins Fahrzeug. Einige wollten ihr zeigen, dass auch sie Auto fahren können. «Darauf habe ich keinen Bock», winkt Erbacher ab.

Von Dünkel keine Spur

Obwohl sich Jndia Erbacher seit geraumer Zeit schnellste Rennfahrerin Europas nennen darf, streicht sie dies im Gespräch in keinem einzigen Satz hervor. Von Dünkel keine Spur. «Ich sehe mich nicht als jemand, der etwas Besonderes tut. Der Kinderarzt, der jungen Menschen das Leben rettet, der tut etwas Besonderes.» Obwohl sie sich sehr mit diesem Sport identifiziere, stelle sie sich neuen Bekanntschaften nicht als Dragster-Fahrerin vor. «Da bin ich einfach Jndia». Jndia, die im Alltag in der Disposition der Motorfahrzeugkontrolle beider Basel ihre Brötchen verdient und hobbymässig Autorennen fährt. Zumindest im Moment noch.

Der Besuch beim Familienunternehmen Erbacher im Arlesheimer Gewerbegebiet unterstreicht dies. Da sind eine Werkstatt, eine Bar und ein Showroom für hübsch aufgemotzte Bikes. Das Herz des Unternehmens ist unzweifelhaft die Werkstatt: Dort, wo ehrliche Typen bodenständige Arbeit verrichten. Es ist auch die Welt der Jndia Erbacher.