In der «Heimat» musste es am Eröffnungsabend der BScene spät werden, bis nochmal Druck in den Kessel kam. Mitternacht war längst vorbei, als dieser Typ, der dem Treiben der jungen Basler Trap-Szene bis dahin vom hinteren Teil der Tanzfläche zugesehen hattte, seine Jacke abstreifte und mit zwei harten Jungs als Backup die Bühne bestieg. Sofort war da dieser Dampf im Kessel, den nur aussergewöhnliche Situationen kreieren.

Und das hier war eine aussergewöhnliche Situation, keine Frage, denn da stand Black Tiger am Mikrofon und wollte wissen, «ob hier alle ready siiind?» Und dass er, Black Tiger, auch eine Premiere feiere, denn heute sei er jemand anders. Heute stehe er auf dieser Bühne nicht als «Black», sondern als «Trap Tiger».

Ein mittelguter Abend

Da droppt der Bass. Und alle, die bis zu diesem Zeitpunkt ausgeharrt hatten, jagten noch einmal alle Energie in ihre Kniekehlen, die ihnen vom Springen und in die Hocke gehen und wieder springen, diesem ganzen herrlichen Trap-Treiben eben, noch geblieben war. Mittendrin Trap Tiger, von dem man im Vorfeld gemunkelt hatte, er habe sich sogar eine Goldkette fertigen lassen mit diesem Namen drauf. Und man hatte gelacht. Nicht aus Arroganz oder Mitleid. Nein, weil man sich freute, dass der Grandseigneur der Schweizer Rap-Szene hergefahren kam, um der neuen Generation seinen Respekt zu zollen und nebenher einen bis dahin mittelguten Abend noch einem versöhnlichen Abschluss zuzuführen.

Dass es ein Risiko werden würde, die erste Trap Night im Rahmen der BScene in einen peripheren Club wie der «Heimat» auszulagern, war den Machern klar gewesen. Nur hätte man das Risiko-Pendel gerne in die andere Richtung ausschlagen sehen: «Bei der Programmierung ist uns die Stimmung sehr wichtig», hatte Festivalpräsident Tobias Metzger im bz-Interview gesagt, und damit rechtfertigen wollen, dass er ausgerechnet die Trap Night und damit die Musik der Stunde in einem kleinen Club stattfinden lässt, der schnell zu überfüllen droht.

Sneakers, die glühen

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Offenbar muss man diese Musik in Basel noch zu den Leuten tragen. Denn die Leute kommen nicht zu ihr. Zumindest nicht an diesem Freitagabend, an dem zwölf Basler Trap-Künstlerinnen und Künstler eine Kostprobe der vielfältigen Szene servierten. In der «Heimat» (Ex-Jägerhalle), einem Club, der erstmals bei BScene dabei war.

Andere wie der Jazzcampus oder das Hirscheneck fehlten. Das Hirschi auf eigenen Wunsch notabene – nicht das einzige Indiz dafür, dass BScene an einem Wendepunkt angekommen ist.

Seis drum, wer in der «Heimat» war, hatte Freude. Den Auftakt machten vier Rapper vom Label Dritter Stock. Damit eröffneten die kommerziell erfolgreichsten Jungs, die Basel zur Zeit zu bieten hat: Lafa, Sherry-ou, Skip und der blutjunge Morow brachten die Sneakers ordentlich zum Glühen.

Wie jede Szene hat auch die Trap Szene ihre Codes und Symbole, die an Füssen getragen werden, im Gesicht (Skibrillen! Im Club!) oder auf der Haut. Beim rituellen In-die-Hocke-Gehen vor der nächsten Bass-Eruption kriegte man Sneakers zu sehen, die auch als Discokugeln eine gute Falle gemacht hätten. Jetzt blitzte halt der Boden wie aus Kristall, wenn im Moshpit wieder einmal alle durcheinanderhüpften. Alleine dafür hatte sich dieser Abend gelohnt.

Während die übrigen Bühnen, vom «Sud» über «Klara» bis Sommercasino mehr Publikum anzogen, wie man später beim Gutenachtbier in der Kaserne vernahm, war die «Heimat» an diesem ersten BScene Abend zu einer Art Klassentreffen geworden. Aber das macht ja nichts, so lange am Schluss Klassensprecher Trap Tiger das ganze Publikum auf die Bühne bittet, während er alleine davor auf der Tanzfläche steht und damit symbolisch eine Umkehr der Verhältnisse inszeniert. Unten steht dann für einmal die Legende. Und oben alle, die eine werden wollen.

Ironie, Negroni und eine Chefin

Am zweiten Abend begegnete man ihm erneut: Black Tiger gab einen Cameo-Auftritt bei Amixs. Das Mundart-Duo eröffnete den Samstag im Atlantis. Und es tat viel, um sich für die nächste Bad-Taste-Party zu empfehlen. Nicht nur mit seinem Look, auch mit seinen flächigen Synthiesounds erinnerte es an die Ästhetik der 80er-Jahre. Und auch wenn Amixs all das natürlich ironischer meinten als die Italodisco-Popper von damals, war die Qualität vergleichbar: schwankend.

Mit «Negroni» wollen sich Patrick Salz und Simon Baumann für den Sommerhit 2019 in Position bringen. Die Zeile «Negroni isch guet, Negroni isch schnäll im Bluet» hat zwar Botellon-Potential. Aber eleganter und subversiver hallte am Schluss ihre Zugabe nach: Das Kinderlied «Es isch emol en Zahn gsi» in einer coolen, hypnotischen Elektropop-Version, die auch PeterLicht gefallen würde. Gerne mehr davon.

Einen Klassiker bekam man auch in der Kasernen-Reithalle zu hören: Steff La Cheffe sang das Guggisberg-Lied, und berührte damit ebenso wie einst Stephan Eicher. Die Bernerin, die man hier vor vielen Jahren noch als reine Beatboxerin bejubelt hatte, ist zur Bandleaderin mutiert: Sie singt, sie rappt, sie performt, sie überzeugt. Begleitet von einer Band, in der mit Gitarrist Benjamin Noti auch ein Basler mitwirkt. Dass dennoch keine Masseneuphorie entfacht wurde, lag an der durchzogenen Setliste: Nicht alle Nummern waren so hinreissend wie das Guggisberg-Lied oder mitreissend wie «Ha ke Ahnig».

Rein instrumentale Musik servierte im Saal nebenan Audio Dope. Der amtierende Basler Poppreis-Träger schraubte an Effekten und Laptop, ergänzt durch Florian Haas, bei dem man sich fragt: Wo spielt er eigentlich nicht mit? Er ist derzeit zweifelsfrei einer der angesagtesten Schlagzeuger in Basel.

Haas ergänzt die elektronische Musik von Audio Dope durch die organische Komponente seiner Live-Grooves und Fills, gibt sich dabei Track dienlich, nicht aufdringlich. Es ist eine gelungene Erweiterung des smoothen Klangkosmos von Audio Dope, was live mehr Punch verleiht, ohne die chillige Easy-Listening-Grundstimmung zu verlieren. «Machts euch au so Spass wie mir?», fragt Audio Dope nach einer guten halben Stunde. Durchaus. Doch hat die Inszenierung im visuellen Bereich (warum keine Filmeinspielungen?) noch Luft nach oben.

Luft nach oben hat auch BScene selber. Das Festival ist kein Selbstläufer mehr, verzeichnet erneut einen Besucherrückgang, rutscht unter die kritische 5000er-Marke. Ob es am Datum lag, am Programm, am Konzept, an den Eintrittspreisen oder an allem? Es sind existenzielle Fragen, die sich die ehrenamtlich engagierten BScene-Verantwortlichen stellen müssen.