In dieser Zeit liegen sie in jedem Schaufenster. Werden geliefert und geschenkt, in allen Massen. Aber es gibt auch die, die man mit sich rumträgt, im Verlauf des Jahres einpackt. Nicht los wird, versucht zu verstecken. Kennen sie das? Ich habe so eins im Rucksack. Fahre über die Dreirosenbrücke, auf der Kleinbasler Seite kommt es mir immer wieder in den Sinn.

20. Dezember, 17.19 Uhr Dreirosenanlage. Vor einem Jahr unterhalte ich mich mit Georg C. Er lebt seit 15 Jahren hier draussen. Frage, ob er zum Weihnachtsessen zu mir kommen will. Er lehnt dankend ab. Vereinbaren, dass ich bei ihm vorbeischaue. Dazu kommt es nicht. Am nächsten Morgen ist er tot. Erstochen. War ich der Letzte, der ihm die Hand zum Abschied gegeben hat?

6. Juli, 12.47 Uhr Bahnhof SBB, Eingangshalle. Der Zug mit meiner Lieferung noch nicht eingefahren. «Mord an Obdachlosem: Mutmasslicher Täter ist ein religiöser Fanatiker» – der Aushang am Kiosk. Kaufe die Zeitung: «Laut Anklageschrift will der Täter von Gott den Auftrag erhalten haben, sein Opfer zu bekehren oder zu töten». Georg wollte von diesem Gott nichts wissen.

17. November, 09.03 Uhr Strafgericht, Schützenmattstrasse 20. Hier sitzt Romanius O. Fussfesseln. Camouflage-gemusterte Hose. «Hören sie noch Stimmen?», will der Richter wissen. «Nein, ich nehme Medikamente. Es war nicht Gott, aber der Teufel, der mich zu dieser Tat verleitet hat,» so der Angeklagte. Und der Richter: «Sind sie missbraucht worden?» Romanius O. versteht die Frage nicht.

3. Dezember, 20.11 Uhr Willy C., Mühlheimerstrasse 22. Habe an 151 Adressen mit dem Familiennamen von Georg einen Brief verschickt. Würde gern wissen, wer er gewesen ist: «Bin nicht mit Georg verwandt. Eine traurige Geschichte. Gott hat wohl verschiedene Kostgänger.»

Zu Hause öffne ich dieses Päckchen. Soviele Eindrücke. Täter und Opfer, am Anfang sind beide unschuldig, nackt auf die Welt gekommen. Das haben wir alle gemeinsam. Frohe Weihnachten.

ride on A#115

Wo bin ich? Machen Sie mit beim obigen Bilderrätsel von Velokurier Armin Biehler und gewinnen Sie ein Exemplar seines Buchs «A#115». 

Schreiben Sie eine E-Mail an mailadmin@biehler-film.org mit dem Lösungswort, Ihrem Namen und der Post-Adresse. Einsendeschluss: Samstag,
29. Dezember 2018. Der Gewinner wird persönlich benachrichtigt.

Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Daten aller Teilnehmer werden vertraulich behandelt.