K.* hat die Szenerie noch genau vor Augen. Jemand war gestürzt, Herzversagen. Ein Mann hämmerte bereits auf die Brust des Bewusstlosen und pumpte Luft in seine Lunge. Der ganze Bauch blähte sich auf und sackte wieder in sich zusammen. Die Hosen waren durchtränkt von Urin. Es war ein drastisches Bild, das sich K. bot, als er am Unfall eintraf. Nicht vergleichbar mit der sterilen Puppe, an der er seine Handgriffe erlernt hatte. «Jemanden beatmen, dem der Schaum aus dem Mund quillt, ist heftig», sagt er.

K. ist ein First Responder und damit Teilnehmer eines Projekts, welches das Basler Gesundheitsdepartement vor rund einem Jahr lancierte. Ziel ist ein flächendeckendes Netzwerk von Ersthelfern im Notfall. Sie sollen die Zeit überbrücken, bis die Ambulanz eintrifft. Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt jede Minute. Eine App bietet deshalb First Responder auf, die sich in unmittelbarer Nähe des Hilfsbedürftigen befinden. Mit einem Fingertipp melden sie sich zum Dienst.

Alle Grenzwächter verpflichtet

Basel-Stadt zählt bereits 790 ziviler Retter; alleine seit Oktober sind sie gegen 30 mal ausgerückt. Wobei zivil etwas unpräzis ist: Viele Teilnehmer arbeiten selber im Sicherheits- oder Gesundheitsdepartement. Kommandant Roger Zaugg hat alle Mitarbeitenden der Grenzwachtregion I als First Responder registrieren lassen. Ihr gehören 430 Personen an. K. ist einer davon. «Alle Mitarbeiter sind im Besitz eines dienstlichen Smartphones. Wird ein Mitarbeiter im Dienst mittels Alarm aufgeboten und ist dienstlich nicht gebunden, so ist der Alarm zu quittieren», sagt Grenzwacht-Sprecher Matthias Simmen auf Anfrage der «Schweiz am Wochenende». Ausser Dienst ist der Einsatz freiwillig.

Die bisherigen Erfahrungen seien positiv, sagt Simmen. «In einer Notsituation ist es für die Grenzwacht selbstverständlich, dass sie jede mögliche Unterstützung bietet.» Für die einzelnen Grenzwächter hingegen können solche Einsätze eine tiefschürfende Erfahrung bedeuten. «Ich war nicht auf den Anblick vorbereitet», sagt K., Kollegen sei es ähnlich ergangen. Obwohl K. wie viele andere Grenzwächter das Projekt sehr unterstützt und auch in seiner Freizeit ausrücken würde, sagt er: «Wir sind Grenzwächter, keine Sanitäter.»

Hilfe für Helfer

Im Gesundheitsdepartement hat man Verständnis: «Einsätze können in der Tat schwierig sein. Wir versuchen, die First Responder darauf vorzubereiten, indem wir in den obligatorischen Informationsveranstaltungen explizit darauf hinweisen, dass ein Einsatz belastend sein kann und dass man sich nach Erleben eines Ereignisses Hilfe holen kann und sollte», sagt Sprecherin Anne Tschudin. Für Kantonsangestellte gibt es sogenannte Peer Groups. Diese ermöglichen es Rettern, ihre Erlebnisse zu verarbeiten.

Die Grenzwache kennt ein ähnliches System. Für Private gilt das Angebot hingegen nicht, Tschudin verweist auf die Nummer 143 der Dargebotenen Hand. Die mögliche Überforderung der Helfer dürfte mit ein Grund sein, weshalb das Gesundheitsdepartement sein Angebot stufenweise ausgebaut hat. In einer ersten Phase war der Anteil der Personen, die sich mit Notfallsituationen auskennen, hoch. Das ändert sich aber: «Das System der First Responder wird nun schrittweise ausgebaut», sagt Tschudin. Gemäss Ankündigungen von vor einem Jahr liegt das Ziel bei 2000 bis 3000 Ersthelfern.

Riesiges Potenzial

Für die Opfer zahlen sich die Mühen der freiwilligen Helfer aus. Gemäss Tschudin meldeten etwa Sanitäter, gute Erfahrungen mit den zusätzlichen Hilfskräften gemacht zu haben. Das deckt sich mit den Erkenntnissen anderer Kantone, die bereits seit längerem auf First Responder zurückgreifen. Sowohl im Tessin als auch in Bern konnte die Überlebensrate bei Herz-Kreislauf-Stillständen auf über 50 Prozent gesteigert werden – der nationale Durchschnitt liegt bei fünf bis 13 Prozent.