Ich bin noch keine 50 - natürlich bin ich manchmal bis 4 Uhr am Tanzen!», erzählt Alexandra Vuković* bei einem Kaffee. Fernandez Nin* schweigt und lächelt milde, Ausgang ist nicht das seinige. Er wirkt wie der gemütliche Typ. Als die beiden aber über Basel sprechen, überbieten sie sich gegenseitig in Liebesbekundungen zur Stadt. Ihre Heimat sei hier.

Beide leben in diesem Jahr bereits exakt 20 Jahre in Basel. Die Euphorie über den selbst gewählten Heimatort stoppt, als Alexandra sagt: «Wenn ich mit dem Zug nach Luzern fahre, bekomme ich schon nach zehn Minuten Heimweh.» Häufig bereise sie die Schweiz mit dem Zug – kommt das denn nicht sehr teuer? Durchaus: Ein Halbtax-Abonnement kann sich Vuković nicht kaufen, denn sie ist genau wie Nin eine von etwa 5000 Sans-Papiers im Kanton Basel-Stadt.

Das dunkle Geheimnis wahren

Wie schreibt man über Menschen, denen die Gesellschaft wenig Rechte zubilligt? Vuković und Nin führen ein weitgehend normales Leben, aber steht nur ein Merkmal zu viel in der Zeitung, werden sie sichtbar und sind damit ausgeliefert. Nin ist in der Kirche engagiert und fühlt sich wohl in diesem Umfeld.

Aber wer weiss, wie ihm die Gemeindemitglieder begegnen, wenn sie ihn in der bz erkennen und erfahren, dass er keine Papiere hat? Sein Leben könnte sich dramatisch ändern. Einmal hat Nin das bereits erlebt: Auf Hinweis eines Anwohners wurde vor 15 Jahren eine Polizeikontrolle an seinem Arbeitsplatz durchgeführt. Nin sass eine Woche lang in U-Haft - wegen Verdachts auf Drogenhandel. Als sich der Verdacht nicht erhärtete, ist Nin ausgereist und untergetaucht. Nach seiner Rückkehr nach Basel musste er von vorne beginnen.

Merkblatt nur auf Deutsch

Heute hat Nin trotzdem keine Angst, baut sogar die Ängste anderer ab: «Viele in derselben Situation fürchten sich vor der Anlaufstelle für Sans-Papiers. Manche meinen, die Anlaufstelle sei eine offizielle Behörde.» Fernandez wirbt bei anderen Sans-Papiers um Vertrauen für die Anlaufstelle, denn die Beratung dort sei essenziell für ihn. Ganz aktuell im Hinblick auf sein Härtefallgesuch: Er kritisiert – auf Deutsch –, dass das «Merkblatt über Gesuche um Härtefallregelung» nur auf Deutsch vorliegt.

Zwar ist eine der Verpflichtungen für eine Gesuchseingabe Deutschkenntnis – alleine der Titel des Merkblatts entspricht aber nicht dem dort geforderten Sprachlevel A2. Vuković und er gehören jetzt zu einer grossen Gruppe, die gemeinsam ihr Gesuch für einen geregelten Aufenthalt einreichen. Nins Bekannte, die keinen Kontakt zur Anlaufstelle haben, wissen oft alleine wegen den Sprachbarrieren nicht, dass es unter bestimmten Bedingungen möglich ist, Papiere zu erlangen. Vuković und Nin werden die Möglichkeit nutzen, ihre Gesuche beim Migrationsamt anonym vorprüfen zu lassen.

Wird ihr Gesuch angenommen, werden sie wegen illegalen Aufenthalts angezeigt. Sie nehmen das hin. Andere Aspekte wären für sie weit unangenehmer: Vuković arbeitet als Kinderbetreuerin. Wenn ihr Arbeitgeber Probleme bekäme, weil sie dort schwarz beschäftigt ist, wäre ihr das nicht recht. Das persönliche Vertrauensverhältnis ist eng. «Sie haben mir eine Chance gegeben. Nur dank ihnen kann ich mir mein Leben hier überhaupt leisten», führt sie aus und wird dabei emotional. Nin, Handwerker, denkt anders: «Seit zehn Jahren arbeite ich im selben Betrieb. Ich mag meinen Chef, aber ich muss in dieser Frage an mich selber denken.»

Falls er seinen Status in Basel legalisieren kann, möchte er um eine Lohnerhöhung bitten. Die Realität wäre wohl eher, dass er sich auf Stellensuche begeben müsste. Anders als in Genf wird die Sans-Papiers-Regularisierung in Basel-Stadt nicht mit der Regulierung von Schwarzarbeit verbunden. «Wenn der Schweizer Staat meine Steuern nicht will, will er sie halt nicht», sagt Vuković. Einen geregelten Aufenthalt sieht sie als Win-Win-Situation für die Behörden und sich selbst. In den 90ern lebte sie dank einem Arbeitsvisum jahrelang legal in der Schweiz. Sie hat also bereits früher Steuern bezahlt.

Obwohl sie Sans-Papiers sind, haben sich Vuković und Nin heute ein stabiles Leben in Basel-Stadt eingerichtet. Ihre Mietverträge haben Freunde und Bekannte unterschrieben, bei ihrer Arbeitsstelle herrscht ein Vertrauensverhältnis. Sie werden nicht besonders gut bezahlt, aber fühlen sich nicht als Opfer. Zur Frage der bezahlbaren öV-Nutzung: Statt einem Halbtax setzt Vuković auf SBB-Tageskarten, die Bekannte für sie bei der Gemeinde erwerben. In zwanzig Jahren kam Vuković kein einziges Mal in eine Polizeikontrolle und die Angst davor verfolgt sie im Alltag auch nicht. Sie sähe ja nicht aus wie Randständige, sagt sie.

Gefestigt im Ungefestigten

Vuković und Nin füllen ihre Freizeit aktiv: Radfahren, Wandern – und eben Tanzen. Im ersten Moment sehen sie den grössten Vorteil einer Regularisierung darin, dass sie endlich wieder ausreisen könnten. Ein Samstagsausflug mit dem Fahrrad in die Petite Camargue ist momentan unmöglich. Grundsätzlicher wären für sie natürlich die endlich erlangten Sicherheiten: Verträge endlich legal und selbst unterschreiben und Polizeikontrollen als harmlose Zufallsbegegnungen.

Nin und Vuković erfüllen die Kriterien auf dem Merkblatt des Basler Migrationsamt. Sie verfügen über «bedarfsgerechte Wohnungen», «gefestigte Arbeitsplätze», haben keine Schulden oder Vorstrafen. Trotzdem ist nicht sicher, ob ihr Gesuch für eine Legalisierung in Basel-Stadt erfolgreich verläuft. In Genf wäre das anders: Bei der «Operation Papyrus» ist jeder Papierlose ein Härtefall, der eine gewisse Dauer im Kanton gelebt hat und ein gesichertes Leben führt. Ob sich Vuković und Nin «in einer persönlichen Notlage» befinden, wird im Basler Migrationsamt und beim Staatssekretariat für Migration entschieden.
Im Gespräch wirken beide ausserhalb der offiziellen Sphäre derart gut integriert, dass man ihnen die Notlage absprechen möchte.

*Namen der Redaktion bekannt.