Verhaltensauffällige Schüler, überlastete Lehrerinnen und Lehrer, Schulen ausser Rand und Band. Das Vorurteil existiert vor allem in den Köpfen. Zumindest im Kanton Basel-Stadt. Hier funktioniert die integrative Volksschule besser, als das nach aller Kritik hätte erwartet werden können.

Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die das noch junge System untersucht hat. «Wir stellen Basel-Stadt ein gutes Zeugnis aus», sagt Christian Liesen, einer der beiden Professoren der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik, die das System im Auftrag des Basler Erziehungsdepartementes untersucht haben.

Während andere Kantone noch über die Umsetzung streiten, sei die Entscheidung für die integrative Volksschule breit akzeptiert – auch von Kritikern, sagte Liesen am Mittwoch bei der Präsentation. Interessanterweise werde die integrative Schule nicht als die belastendste System-Reform eingestuft. Und Verhaltensauffällige schätzten die Lehrpersonen nicht als das grösste Problem der schulischen Integration ein.

Viel Papier, das keiner liest

Das heisst aber nicht, dass alles wunderbar funktioniert. Peter Lienhart, der zweite beteiligte Professor, bediente sich einer Analogie: «Auch wenn der Bau stabil ist und die Fenster dicht sind, können die Bewohner Ehekrach haben.» Keinen heftigen Krach, aber Unstimmigkeiten orten die Autoren an mehreren Stellen.

Zum Beispiel bei der Anzahl Konzepte und Handreichungen. Rund 30 Kern- und 60 flankierende Dokumente rund um die integrative Schule sind vorhanden. «Die schiere Menge» mache es unmöglich, diese zu bearbeiten. Eine Schelte gibt es für die beteiligten Stabs- und Fachstellen sowie die Informationszentren: Obwohl zahlreich vorhanden, seien diese zu wenig bekannt. Der Volksschulleitung rät die Studie, sie solle in der Umsetzung betonen, dass es sich um einen Entwicklungsprozess handle.

Weiter heisst es in der Studie, die Erziehungsdirektion unterschätze tendenziell das Ausmass, in dem Integration von den Lehrpersonen Änderungen verlange. Erziehungsdirektor Christoph Eymann hingegen betonte: «Wir wissen, dass wir den Lehrerinnen und Lehrern sehr viel zumuten.»

Unglaubwürdig gutes Zeugnis?

Pierre Felder, Leiter der Volksschulen, zeigte sich erleichtert. Die Studie bestätige den eingeschlagenen Weg. Zurück zur Aussonderung, also dazu, entweder in Regel- oder in Sonderklassen zu unterrichten, ist aufgrund der Studie weder für ihn noch für Eymann eine Option. Aber: «Der Bericht zeigt klaren Korrekturbedarf», sagte Felder und kündete einige Massnahmen an. Die Schuldienste und Fachstellen erhalten den Auftrag, ihre Angebote klar zu definieren und aktiv auf die Schulen zuzugehen. Und die Papierflut soll reduziert werden. Nicht nur in Zusammenhang mit der integrativen Schule, wie Felder auf Nachfrage erklärte, sondern für die gesamte Volksschule. Sämtliche Konzeptpapiere werden auf ihre Notwendigkeit überprüft. So sollen die Schulen mehr Gestaltungsfreiraum erhalten.

Die Resultate der Studie sind für Gaby Hintermann, Präsidentin der Kantonalen Schulkonferenz, sozusagen Balsam für die Lehrerseele. «Es tut gut, das von unabhängiger Seite zu hören.» Froh ist sie auch über das klare Statement, dass ein Zurück keine Option ist.

Allerdings scheint das Zeugnis für die integrative Schule im Kanton Basel-Stadt beinahe zu gut. Auf die Frage, ob mehr Kritik nicht glaubwürdiger wäre, antwortet Pierre Felder nur indirekt, aber mit einem Lächeln: «Wir haben extra die fremden Richter gesucht. Die waren unabhängig und haben einen Ruf zu verlieren.» Befragt haben die Autoren insbesondere Schulleitungen und Fachstellen. Lehrer kamen nur 28 zu Wort von insgesamt rund 2300 im ganzen Kanton. Im Vordergrund stand das System an sich – also die Organisation und die Ressourcen und Fachstellen. Die Sicht der Schülerinnen und Schüler und der Erziehungsberechtigten soll separat untersucht werden.