In einer Zeit, in der das Bodystyling individuell in einem Fitnessstudio besorgt wird, fragt sich mancher, ob und wie Turnvereine noch überleben können. Dass dies selbst in der Stadt möglich ist, zeigt das Beispiel des TV St. Johann, der jetzt immerhin 125 Jahre alt ist.

Die Gesamtzahl der Mitglieder ist zwar seit 2010 leicht zurückgegangen, aber im Aktiven-Segment konnte der Verein mit 127 Mitgliedern eine Zunahme von rund 15 Prozent verzeichnen.

Andreas Blättler, der 2012 Präsident des Vereins wurde, weist darauf hin, dass es immer schon grössere Fluktuationen gab. Im schlechtesten Jahr waren es noch 76 Aktive, in den besten Zeiten bis 140.

Wechselvolle Geschichte

Niemand hätte sich bei der Gründung des Vereins am 3. Mai 1890 wohl erträumt, dass aus 26 Mitgliedern einmal ein Gebilde entstehen würde, das das Quartier nachhaltig prägen würde. Damals kostete der Aktivbeitrag pro Monat 80 Rappen und der Leumund jedes Bewerbers wurde sorgfältig geprüft.

Am Eidgenössischen Turnfest in La Chaux-de-Fonds, 1900.

Am Eidgenössischen Turnfest in La Chaux-de-Fonds, 1900.

Wenn man die Chronik liest, sieht man gleich: Die gute alte Zeit gab es nie. Im Gegenteil ging es in den ersten Jahrzehnten fast ruppiger zu als heute. Es kam zu Ausschlüssen von Mitgliedern, die sich «unanständig» aufführten, die «Gleichgültigkeit seitens der Aktiven» wurde gerügt und sogar «mehr Geselligkeit am Biertisch» gefordert. Neben Turnfahrten und Eidgenössischen Turnfesten kommen oft auch Motivationsprobleme, mangelnder Besuch und fehlende Disziplin zur Sprache.

«Der Turnerei unmittelbares Ziel liegt in der Förderung der Gesundheit, Stählung des Körpers und damit Stärkung der geistigen Kräfte und Erweckung lebensbejahender Aktivität» – so martialisch tönte es im Kriegsjahr 1944. Zwanzig Jahre später befand sich wegen der «schnelllebigen Zeit» die «Turnerei an einem Scheideweg». Hätte man damals am Traditionellen festgehalten, gäbe es den TV St. Johann heute nicht mehr.

Rückkehr vom kantonalen Turnfest 1906.

Rückkehr vom kantonalen Turnfest 1906.

Immer stärker traten Ballspiele wie Hand-, Korb- und Volleyball in den Vordergrund. 1992 kam es zur Fusion von Stammverein, Männer- und Damenriege. Heute liegt der Schwerpunkt auf dem Volleyball, dem Korbball, dem Gymfit der Damen und der Aktiv-Spielriege. Aus dem klassischen Turnverein ist ein moderner Sportverein geworden. Im Mixed-Volleyball sind die «Santihanslemer» in der Stadt, aber auch im nationalen Vergleich, führend.

Handball-Mannschaft des TV St. Johann, 1943.

Handball-Mannschaft des TV St. Johann, 1943.

Gesellschaftlicher Kitt

«Der Turnverband Basel-Stadt umfasst noch rund 25 Vereine», sagt Blättler, «und die Vereine haben Probleme, Leute zu finden. Deshalb ist eine Spezialisierung unumgänglich.» Die Attraktivität des Vereins sieht er in den attraktiven Sportarten und im sozialen Kontakt, den der Verein ermöglicht. «Gerade auch Menschen aus dem Ausland, die sich hier niederlassen, suchen bei uns Anschluss.» Im Fitness-Center sieht er keine Konkurrenz. «Einerseits sind wir mit einem Jahresbeitrag von 150 Franken für Aktive weit billiger und zweitens bieten unsere Anlässe viele gesellschaftliche Kontakte.

Der Verein ist auch so etwas wie ein Eheanbahnungsinstitut. «Mir kommen fünf Familien in den Sinn, deren Grundstein bei uns gelegt wurde», erklärt Monika Vögele, langjährige ehemalige Präsidentin. Tatsächlich heisst es in der Chronik schon 1957: «Manch Blümlein findet den Weg, von zarter Frauenhand geworfen, zum heimlich bewunderten Turner.»

Natürlich steckt viel unentgeltliche Arbeit hinter den Erfolgen des Vereins. Finanziell sei man mit einer schwarzen Null zufrieden, wobei das Vermögen noch ausreiche, einige Durststrecken zu meistern. Die Christoph-Merian-Stiftung subventionierte den Aufbau der Mini-Volleyball-Arbeit. «Damit holen wir die Jungen von der Strasse», gibt Monika Vögele zu bedenken.

Die Hallensituation ist hingegen eher schwierig in Basel. Eine Mannschaft musste ins Bläsiring-Schulhaus ausweichen, eine andere in die Turnhalle des Bäumlihof-Schulhauses. «Die Hallen sind nicht billig und vielleicht könnte das Sportamt unsere Arbeit stärker würdigen», so Blättler. «Dass wir für jede Viertelstunde Überzeit eine Busse zahlen müssen, ist nicht hilfreich.» Blättler wäre auch froh um einen Beachvolleyballplatz im Quartier. Vielleicht ist das Jubiläum ein Anlass, dass sich die Stadt nochmals Gedanken über den sozialen Mehrwert von Turnvereinen macht. Am 21. August findet in der Elisabethenkirche der Jubiläums-Apéro statt; am 22. August wird für die Mitglieder ein Festprogramm geboten.