«Alles wird behandelt», erklärt Richard Hürzeler auf der Aussichtsplattform und deutet mit Genugtuung auf die zwei Fussballfelder grosse «schwarze Zone» der Kesslergrube in Grenzach-Wyhlen. «Nichts wird anderswo eingelagert. Schwach belastetes Material wird bei 900 Grad thermisch behandelt und die austretenden Dämpfe werden gereinigt. Was stärker belastet ist, kommt direkt in den Sondermüllofen und wird bei bis zu 1400 Grad verbrannt.»

Hürzeler ist im Roche-Management weltweit zuständig für Altlasten. Darunter fallen Deponien wie die Kesslergrube, aber auch alte Produktionsanlagen, die chemisch belastet sind. «Einerseits Medikamente herzustellen und andererseits gesundheitsgefährdende Stoffe zu hinterlassen – das wäre ein Widerspruch», erklärt er. Deshalb lege Roche grossen Wert darauf, Grundstücke nachhaltig zu sanieren, bevor sie neu genutzt werden. «Nachhaltig heisst: Man entfernt alle problematischen Stoffe und belasteten Materialien.»

Riesige Logistik-Aufgabe

Bei jenem Perimeter der Kesslergrube, der Roche gehört heisst das, 280 000 Tonnen Material auszuheben und in mehrere verschiedene Entsorgungsanlagen in Deutschland und den Niederlanden zu verfrachten. Diese sind jeweils für die thermische Behandlung spezifischer Stoffklassen zuständig. Mitte dieses Jahres werde man diese je einem Audit unterziehen: «Wir wollen sicher sein.»

Damit man bei den rund zweieinhalb Jahren dauernden Aushubarbeiten weiss, was man wo in der ursprünglich chaotischen Ablagerung findet, und jeweils die richtige thermische Anlage voravisieren und den Transport organisieren kann, wurden bis kurz vor Ostern 140 Probebohrungen teilweise bis auf den Fels in 15 Meter Tiefe hinab vorgenommen: «Wo auch der Boden unter der Ablagerung belastet ist, werden wir ihn ebenfalls abtransportieren, erklärt Hürzeler. Die Bohrkerne würden derzeit analysiert.

Bereits weg ist eine rund 1,5 Meter dicke Deckschicht – 15 000 Tonnen. Diese wurden in gasdichten sowie Havarie-sicheren Spezialcontainern über die Autobahn A 98 nach Weil gebracht und im Terminal Duss auf die Bahn verladen.

Alle 5 Minuten ein Container

Spätere Sendungen sollen per Schiff nach Weil transportiert werden. Dafür und für die spätere Anlieferung des sauberen Materials zum Auffüllen liess Roche für die Dauer der Sanierung einen Schiffsanleger bauen, der in diesen Tagen fertig wird. Für den Transport der rund 11 000 Container werde man ein Schiff chartern müssen, Details würden derzeit abgeklärt. «Wichtig ist, dass wir eine stabile Transportkette haben: Sobald die Ausgrabung läuft, wird alle fünf Minuten ein Container die Halle verlassen.»

Deswegen werde bei allen Planungen gemeinsam mit dem Generalunternehmer, der Bauer Umwelt GmbH aus Bayern, ein Plan B hinterlegt. Noch ist es aber nicht so weit: Im Juni werden drei bis vier grosse Bohrmaschinen auffahren, um im Boden eine Wand um das ganze Areal zu ziehen, damit die spätere Baugrube nicht einstürzt. Ab Beginn des Jahres 2017 wird darüber eine Leichtmetallhalle errichtet, in der dann mit grossen Baggern die eigentlichen Sanierungsarbeiten stattfinden. «Bis Ende 2019 wollen wir alles belastete Material entfernt haben. Dann kommt bis Mitte 2020 der Rückbau der Baustelle, die Renaturierung des Rheinufers und die Wiederherstellung des Wander- und Radwegs.»

Aufwendige Sicherheit

Auch wenn die aktuelle Oberfläche nicht mit Chemikalien belastet ist, gilt sie als «schwarze Zone», ist für die Öffentlichkeit gesperrt und die Arbeiter dürfen sie nur mit entsprechender Schutzausrüstung betreten. Was auf einer normalen Baustelle die Garderobe wäre, ist hier die «Schwarz-Weiss-Anlage», in der die Kleider gewechselt und Arbeiter sich umziehen und duschen, wenn sie in kritischen Bereichen gearbeitet haben.

Später werden sie im Inneren der Halle nur mit Voll-Schutzanzug und Atemgerät arbeiten, was extrem anstrengt. Nach maximal 150 Minuten müssen sie deshalb eine Pause von mindestens 30 Minuten einlegen. Die eingesetzten Bagger werden über luftdichte Kabinen mit Panzerglas verfügen und werden mit Atemluft aus Pressluftflaschen-Batterien versorgt.

Die Luft aus der Halle wird in einer aufwendigen Anlage gereinigt, ebenso muss das abgepumpte Grundwasser aufbereitet werden. Eine weitere Anlage ist schon heute für die Reinigung des Abwassers, das beispielsweise beim Waschen der Maschinen anfällt, in Betrieb: Die Sorglosigkeit von damals, als man hier neben Bauschutt, Haushalt- und Gewerbeabfall auch Filterstaub, Destillationsrückstände und chemische Nebenprodukte abgelagert hat, erfordert heute einen enormen Aufwand: 239 Millionen Euro soll die Sanierung kosten. Roche komme allein dafür auf, berichtet Hürzeler, auch wenn damals andere Unternehmen, Private und die Gemeinde in diese Mischdeponie ebenfalls Müll abgelagert haben.

Abfall verschiedener Quellen

Die chemischen Abfälle im Roche-Perimeter seien typisch für die Pharma-Industrie, erklärt der Altlasten-Manager. Sie stammen vornehmlich aus dem Roche-Werk in Grenzach. Die Abfälle aus Basel seien überwiegend nach Bonfol und Kölliken gegangen, wo man ebenfalls saniert.

Der Giftmüll im unmittelbar angrenzenden BASF-Perimeter stammt dagegen eher aus der Farbenproduktion und ähnlichen Zweigen der chemischen Industrie. Dass BASF eine andere Sanierungsmethode gewählt hat (siehe Box), will Hürzeler nicht bewerten. Man koordiniere die Planung aber und arbeite gut zusammen.

Nicht allein nur aus Glaubwürdigkeitsgründen saniert Roche das Gelände: Beabsichtigt ist hinterher eine industriell-gewerbliche Nutzung, möglicherweise eine Zweigstelle des im Wachstum begriffenen Roche-Standorts in Grenzach-Wyhlen.