Die Engländer und wir Schweizer haben so einiges gemein. Sie liegen mit der EU im Clinch. Sie verlieren im Fussball die Nerven, wenn sie zum Elfmeterpunkt schreiten. Und, falls sie nicht in eine trinkfreudige, fussballfanatische Unterschichtsfamilie in Sunderland reingeboren sind, die Engländer gelten wie wir Schweizer als zurückhaltend und höflich. Doch in einem Punkt haben sie einen entscheidenden Vorteil: Sie müssen nicht zwischen Du und Sie unterscheiden.

Die Engländer können, ob Sie mit der Queen, mit dem berittenen Polizisten oder mit dem Bartender sprechen, ganz einfach You sagen. Wir aber haben uns die Trennung in Duzis und Siezis aufgehalst. Die Regel, so glaubte ich immer, lautet: Wenn man sich gut kennt, darf man sich Du sagen. Wenn nicht, dann eben Sie.

Diese Regel ist so simpel wie falsch, habe ich kürzlich herausgefunden. Als Neo-Fitness-Abo-Besitzer musste ich lernen, dass in meiner neuen Family andere Gesetze gelten. Im Fitness duzt man sich – ganz unabhängig vom Alter. Ich fragte mich lange, warum das so ist, und dachte: Vielleicht liegt es daran, dass man sich nach dem Training womöglich fudiblutt in der Dusche begegnet.

Das wäre dann komisch, weil man einen so intimen Moment wie das Nacktsein mit einem so distanzierten Satz wie «Wird Ihre Dusche grad frei?» kombinieren müsste. Ob die Fitnessbranche allerdings so weit gedacht hat, als sie das Du in all ihren Centern proklamierte, daran zweifle ich. Vielmehr machen wir Fitness-Center-Gänger es doch einfach für uns. Wir duzen uns hier zwischen Beinpresse und Langhanteln, bis wir 80 Jahre alt sind. Weil wir dann das Gefühl haben, jung zu sein. Und das allein ist doch die 790 Franken wert, die wir jährlich dafür ausgeben.