Ein Foto dürfen wir nicht publizieren. Es zeigt Karl «Karli» Odermatt in der Garderobe, wie Gott ihn schuf. Gott tat das vor genau 75 Jahren. Am Sonntag wird gefeiert. «Ich fühle mich nicht alt, ich fühle mich jung», sagt Odermatt. Seit er neue Kniegelenke habe, könnte er wieder «schutten». Es scheitere nur am Willen, er wolle nicht mehr.

Seit 15 Jahren stand Karli nicht mehr in Shorts auf dem Feld, seit 1975 spielt er nicht mehr beim FCB. Trotzdem ist er noch ein Superstar. Fremde sprechen ihn auf der Strasse an, «das isch jo dr Karli!», 13-jährige Schüler verlangen Autogramme – Jugendliche, die selbst dann noch nicht geboren waren, als Massimo Ceccaroni, die andere FCB-Ikone, seine Spielerkarriere beendete.

Auch 40-jährige Fans haben keinen einzigen Match mit Karli am Ball erlebt. Trotzdem lieben ihn alle – bis heute. Warum eigentlich? «Weil er authentisch ist.» Egal, an wen diese Frage geht – die Antwort ist immer dieselbe. «Er nimmt jeden Menschen gleich, egal, ob er Novartis-Manager ist oder ein Fan aus der Kurve», sagt der Historiker Benedikt Pfister (39). Der Beizer der Fussballkulturbar Didi Offensiv bietet Fussballspaziergänge an. Das Restaurant «Holzschopf» ist Pfister ein Halt wert, obwohl es nichts mit Fussball zu tun hat. Aber Odermatt war dort einmal Pächter.

Karli und der Balkon

Karli und der Balkon

Zwei Tore nach drei wilden Tagen

Egal, wie gut sie waren – Fussballer mussten nebenbei einem anderen Job nachgehen. Am Anfang erhielt Odermatt beim FCB 190 Franken monatlich. Für einen Sieg gab es weitere 130 Franken. Er hätte es sich nicht leisten können, seinen Beruf als Offsetdrucker an den Nagel zu hängen. Trotz Doppelbelastung wurde der Mannschaft viel abverlangt.

Als Trainer Helmut Benthaus seinen Spieler Karli nach einer Fasnachtsnacht einmal früh morgens in der Stadt traf, riet er ihm, am Wochenende nicht zu spielen. «Dann dürfen sechs weitere Spieler ebenfalls nicht spielen», sagte Odermatt, «sie waren mit mir zusammen.» Am Wochenende schoss Odermatt gegen Lugano zwei Tore.

Der Fasnacht blieb er immer treu. «Der Erfolg hat mich nicht verändert. Ich bin mich geblieben, ich bin der Karli», sagt er. Seine Beliebtheit hänge auch mit seiner Treue zum FC Basel zusammen, glaubt er. Nach einem Ausflug zu den Berner Young Boys kam er später als Marketing-Mitarbeiter zurück. Seit einigen Monaten ist er einer von drei Verwaltungsräten der FC Basel Holding. In dieser Funktion entscheidet er über exorbitante Geldbeträge mit. Auch privat ist Odermatt kein armer Mann. Trotzdem weiss er, was Armut bedeutet.

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Karlis Anekdoten: Fasnacht

Schwelgen Sie mit Karli Odermatt in Erinnerungen. Hier erzählt Ihnen die FCB-Legende weitere Anekdoten aus seinem Leben.

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Als Karli 13 Jahre alt war, verliess der Vater die Familie. Zurück blieben die Mutter, Karlis Schwester und er selber. Sie lebten in einer Wohnung beim Bahnhof. Im Hinterhof war eine Glacéfabrikation einquartiert. «Meine Schwester und ich schauten den Männern so lange bei der Arbeit über die Schulter, bis sie uns einen Becher mit Glacé schenkten», erinnert er sich. Fleisch gab es bei den Odermatts höchstens ein Mal im Monat und dann meistens Poulet. Fisch als Nahrungsmittel kannte der kleine Karli nur aus Erzählungen.

Wenn er von der Schule heimkam, war niemand da. «Meine Mutter arbeitete, um uns durchzubringen», sagt er, «deshalb trug ich stets den Hausschlüssel um den Hals.» Den Vater sah er nach dessen Abgang nie wieder.

Karli und der Sitzstreik

Karli und der Sitzstreik

Ein Kostverächter war Karli nie. Da gab es einige Frauen, die schwach wurden in seiner Nähe. Doch gerade weil er ohne Vater aufwuchs, nahm er sich vor, selber ein guter Vater zu werden. Der Promi-Fotograf Edgar «Egge» Gilgen hatte Karli als Fussballer und Familienmensch vor der Linse. «Er kocht sehr gut, meine damalige Frau und ich waren oft bei ihm eingeladen», sagt Gilgen. Er war es auch, der den Schnappschuss in der Garderobe machte. Ausserdem verdiente er sich mit Fotos von Karli einen Batzen dazu, indem er einen Stapel beim Vorverkauf hinterlegte und fünf Franken pro Stück verlangte. Die Bilder dienten den Fans als Autogrammkarte. Sie wussten: Die Chance, Odermatt in der Stadt oder im Dancing «Hazyland» zu begegnen, ist gross. 

Auf Karli folgten neue Helden

Wenn heute ein FCBler die Muba besucht, weiss die ganze Stadt Bescheid. Früher gingen die Spieler unbehelligt an die Degustation und das meist in corpore. Dort tranken sie mit normalen Leuten. Die Spieler kamen allesamt aus Basel, waren verwurzelt hier, sprachen Baseldeutsch. Das ist sicher auch ein Grund, weshalb Karli heute noch eine Ikone ist. Dass er einer von hier ist, «einer von uns». Jeder weiss, wie er seine Sprüche nehmen muss. Man duzt ihn. Er ist «fassbar», wie es Benedikt Pfister formuliert.

Karli selber sagt von sich: «Ich bin der FC Basel.» Pfister ist eher kritisch gegenüber dieser Aussage. Bis zur Ära Christian Gross sei das sicher so gewesen, dann aber seien mit Ceccaroni, Ergic oder Streller «neue Helden geboren».

Jede Stadt, jedes Land hat seine Helden. Italien hat den Ex-Fussballer Luigi «Gigi» Riva. Auf einem übergrossen Foto in einer Beiz im Piemont ist Riva mit einem anderen Fussballer zu sehen. Odermatt war mal Gast in dieser Beiz. Er rief den Chef zu sich und zeigte auf das Foto: «Der andere bin ich», sagt er. Der Chef flippte fast aus vor Freude.

In Basel muss Karli niemandem sagen, wer er ist. Und solange die Tramchauffeure bimmeln, wenn Karli übers Gleis geht, wird das auch so bleiben.