Die Menschenmenge ist enorm. Sie sind alle kostümiert, halten irgendein Getränk in der Hand, meist ist es Bier, und stehen sich vor dem Schnabel die Füsse wund. Hier ist immer noch ein Treffpunkt der aktiven Cliquenfasnächtler: Es ist der Sammelort für Tambouren und Pfeifer, Guggen sieht man hier selten, Zivile kommen wenige durch.

Der Schnabel ist ein Rückzugsort der Aktiven, hier wird einem selten kalt, so dicht stehen sie beieinander, weitgehend unter sich. So stellen sich nicht wenige von ihnen die Fasnacht vor. Die Fasnacht den Fasnächtlern. Gäste sind in Ordnung, so lange sie sich benehmen und die Bahn freihalten, aber es geht problemlos ohne.

Szenenwechsel: Gerbergasse. Gleich um die Ecke. Ebenfalls eine Menschenmenge, auch erdrückend, die Kostümierten aber deutlich in der Unterzahl. Es sind Teenager und Menschen in den Zwanzigern, die Jungs in Bomberjacken, Frisuren zurechtgemacht, die Mädchen in dunklen Mänteln, engen Jeans oder Strümpfen. Rosen in der Hand, Räppli in den Haaren, das noch junge Gesicht gerötet vom Alkohol.

Es sieht ein bisschen danach aus, als ob sich die Zürcher Langstrasse entschieden hätte, einen Jugendabend mit Fasnachtsdekoration zu veranstalten.

Kurz über die Brücke: Im Glaibasel ist alles ein bisschen anders. Mehr Bewegung, mehr Guggen, mehr Swing und Power. Hier und da sind die gewohnten lieblichen Piccoloklänge und engagierten Trommelwirbel zu vernehmen, aber der Beat in dieser Ecke ist irgendwie anders. Genauso unmittelbar wie im Grossbasel, aber heftiger.

Platz da! Das grosse Schaulaufen der Guggen

Platz da! Das grosse Schaulaufen der Guggen.

Urchig ist sie, selten pittoresk

Nachts entfaltet die Basler Fasnacht ihre eigentliche, urchige Kraft. Was tagsüber in Umzugs- oder freien Paradeformationen unterwegs ist, tritt nach Einbruch der Nacht in ein anderes Universum ein.

Der Pegel steigt. Natürlich, der Fasnächtler säuft nicht, so will es das beinahe preussisch anmutende Regelwerk an Verhaltensregeln. Aber er trinkt. Ordentlich.

Bier ist das Gebräu der Fasnachtsstunden, und vielleicht liegt darin ein Teil des archaischen Zaubers: Es ist wie im Mittelalter, als man sich lieber Vergorenes einverleibte als Wasser, das oft einfach nur dreckig war.

Auf jeden Fall liegt darin aber ein Teil des Fasnachtsfiebers begründet, das wörtlich durch die Adern geht, die Stirn erhitzt, den Blick glasig werden lässt. Und kein Wunder steht dieses Programm kaum einer durch, der nicht selbst im Kostüm uff dr Gass Fasnacht macht.

Von der Qual und der Liebe

Die Fasnachtsnacht: Ein irrer Moment, für einige richtiggehend psychedelisch, für andere ein Aufputschmittel schlimmer als Kokain, wieder andere sind geradezu sediert. Der Montag: Kaputt, aufgeraut, die Nerven vom Morgestraich, Cortège und Wetter am Limit. Am Dienstag: Ein Jubelschrei, erholt, frei, die Innenstadt ein wilder Zirkus aus Sujetattraktionen, Einzelmasken, Kindern, Räpplistopfern.

Und der Mittwoch? Das letzte, schmerzvolle Aufbäumen. Gigantische, müde Stammvereine stampfen durch enge Gassen, Fenster zittern, Guggen toben. Und ab Mitternacht, man weiss es genau: Die Krise. Übermüdung, Ausharren bis zum Ändstraich um vier Uhr am Donnerstagmorgen – eine fast schon perverse Marter seiner selbst.

Das Instrument nurmehr Ballast, die Kälte frisst dich auf. Nerven liegen blank. Zu müde für alles. Es ist die Geburtsstunde innerer Dämonen und neuer Vereine. Trennung, Neugründung, Versöhnung.

Was also bleibt von den Fasnachtsnächten, diesem so individuellen Zonenerlebnis inmitten der Allgemeinheit, das dich erfüllt wie einen Süchtigen? Waren all diese Eindrücke für nichts? Weggeblasen von stundenlangem Schlaf, der den Körper entgiftet und sie am nächsten Morgen herausgespült hat?

Nein. Denn wenn die nächste Fasnacht wieder beginnt – und das wird sie –, dann wird das Körpersystem wieder anspringen, wie das eines Süchtigen, der den nächsten Kick sucht. Nicht den Kick eines Ausgangsabends, nicht den einer Eroberung. Sondern just jenen dieses individuellen Moments, der ganz allein dir gehört, Teil einer Menschenmenge, eines Klangkörpers jenseits aller Sujets, die ohnehin nur kurzzeitige Dekoration sind für das, was die Basler Fasnächtler mit Fasnacht eigentlich meinen: Ein Aufbäumen, eine irrwitzige, unbändige, fast schon selbstzerstörerische Liebe für die Lust am Leben.