«Sturm und Drang», das wissen wir noch aus der Schulzeit, ist das Kapitel der Literaturgeschichte, in dem Friedrich Schillers Erstlingswerk «Die Räuber» zu verorten ist. Ein grosser Klassiker der Theaterliteratur, der auf der selben Stufe wie Shakespeares «Hamlet» oder Goethes «Faust» steht. Und eine Tragödie, die in Sachen Ungemach, Mord und Intrige ihresgleichen sucht.

Mit «Sturm und Drang» könnte man nun auch den Inszenierungsstil des jungen isländischen Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson umschreiben, der gerade dazu ansetzt, ein Regiestar zu werden und auf diesem Weg nun am Theater Basel Halt machte. Er ist ein Theatermacher mit dem feinen Seziermesser in der einen und dem Vorschlaghammer in der anderen Hand.

Bleiben wir beim Vorschlaghammer. Gegen Schluss der rund 100 Minuten dauernden Inszenierung zerschlägt das Ensemble auf der Bühne eine riesige Schiller-Statue kurz und klein. Hinweg mit dem Anspruch, das Theater im Schillerschen Sinn als moralische Anstalt zu verstehen, will uns das wohl sagen. Fürwahr geht es Arnarsson vielmehr darum, die wüstesten Abgründe der menschlichen Seele nach aussen zu kehren. So etwas wie Offenbarung findet nicht statt. Die riesige Leuchtschrift, die weit oben hängend «Trost» verkündet, wirkt da wie ein Hohn.

Das Faszinierende an der Inszenierung ist, dass sie mit diesen unterschiedlichen Stilmitteln einen packenden, wenn auch verstörenden Bilderbogen zu spannen vermag, der alles in allem in sich stimmt. Obschon er auf der einen Seite ästhetisch abgehoben und intellektuell überhöht und auf der anderen explosiv-brachiales Schauspielertheater ist.

Das Ganze beginnt auf einer klinisch weissen, über und über mit Schillerstatuen und Schauspielern mit Schillermasken bevölkerten Bühne. In diese kalte Welt tritt der Intrigant Franz Moor im dreckigen weissen Hasenkostüm, der im berühmten Ausgangsmonolog seine bösen Pläne gegen Bruder Karl und Vater Maximilian offenbart.

Wilder Rollentausch-Reigen

Die Rolle wird wie viele weitere sprunghaft von einem Darsteller zum nächsten weitergegeben und zuweilen auch von einem mehrstimmigen Chor aufgegriffen. Hauptsächlich ist es aber Pia Händler, die diesen Part übernimmt. Und wie sie das tut, wie sie die Frustration, die Wut, den Hohn und Zynismus dieser Figur ausdrückt, herausschreit oder auch mal nur haucht, ist schlicht überwältigend.

Händler sei hier stellvertretend erwähnt für ein Ensemble, das durchs Band mit Höchstleistungen aufwartet: Mario Fuchs, Vinzent Glander, Urs Peter Halter, Nicola Kirsch, Thomas Reisinger, Lisa Stiegler und Nicola Mastroberardino, der als intriganter Einflüsterer in einer Szene auch mal zu einem hinreissend-grotesken Puppenspiel ausholt.

Sie alle sorgen mit der Zeit dafür, dass die klinisch weisse und blitzblank saubere Umgebung (Bühne: Wolfgang Menardi) mehr und mehr zum blut- und dreckverschmierten Schlachtfeld wird. Am Schluss liegt alles in Trümmern, die Wände sind mit Grabkreuzen übersät.

Es gibt Szenen, die unter die Haut gehen wie etwa ein rauschhafter Massenmord-Reigen. Andere Einfälle lassen das Publikum eher ratlos zurück. Doch unter dem Strich kann man darüber hinwegsehen. Zumindest – und hier folgt zum Schluss doch noch ein gewichtiger Einwand –, wenn man mit der Handlung der «Räuber» vor dem Besuch der Vorstellung vertraut ist. Wenn nicht, bleiben am Schluss doch ziemlich viele Fragen offen.

   

Weitere Vorstellungen: Ab 2. April. Schauspielhaus, Theater Basel.