Es ist acht Uhr an einem kühlen Herbstabend im Oktober. Vor der Tür der Notschlafstelle für Frauen an der Rosentalstrasse warten drei Frauen darauf, dass die Mitarbeiterin der Sozialhilfe die Tür aufschliesst und sie ein Zimmer zugewiesen bekommen. Eine, die an solchen Abenden häufig vor der Tür der Rosentalstrasse wartet, ist Vivian*. Die zierliche Frau trägt Jeans und Lederjacke. Am Handgelenk blinkt eine Apple-Watch.

Bevor die Notschlafstelle für Frauen Anfang September eröffnete, übernachteten die Frauen und Männer gemeinsam in der Notschlafstelle an der Alemannengasse. Dort verlief das Anstehen vor der Türöffnung lange nicht so ruhig und konfliktfrei wie heute an der Rosentalstrasse. «Es war extrem unangenehm», erzählt Vivian. «Als Frau wurde man dort ständig angemacht.

Öfter mal kam es auch zu handgreiflichen Auseinandersetzungen.» Frauen und Männer wurden dort zwar in separaten Zimmern untergebracht. Die Gemeinschaftsräume teilten sie sich aber. Für die Frauen bestand dort immer die Gefahr, mit unangenehmen Sprüchen und Belästigung konfrontiert zu werden. «Es kam öfter mal vor, dass ich am Fernsehen war und plötzlich die Hand eines Fremden auf meinem Oberschenkel hatte, obwohl ich das gar nicht wollte», sagt Vivian.

Von all diesen Erfahrungen erzählt Vivian an einem lauen Herbstabend in der Frauenoase. Die Frauenoase ist im Gegensatz zur Notschlafstelle eine private Organisation. Entstanden ist sie bereits 1994 als Anlaufstelle für Frauen mit Suchtproblemen und Sexarbeiterinnen. Mittlerweile ist sie ein Ort für Frauen, die tagsüber eine kleine Auszeit von der Strasse brauchen, hier ihre Kleider waschen oder Hilfe beim Ausfüllen von Formularen brauchen. In der Mitte des Raumes steht ein grosser Tisch. Auf einem Sofa schläft eine Frau. In der Ecke stehen zwei Schränke. Ein Schild darauf erklärt, dass die Frauen hier Kleider tauschen können. Im Fernsehen läuft die Tagesschau.

«Die Frauenoase ist ein Ort, an dem man sich erholen kann, ohne sich erklären zu müssen. Manche Frauen kommen nur rein, holen Spritzen und Kondome und gehen wieder. Andere kommen um zu reden und sich auszutauschen», erzählt die Mitarbeiterin Ezgi Harcin. Zudem ist die Frauenoase offener: Als Journalistin ist es hier erlaubt, mit den Besucherinnen Kontakt aufzunehmen. In der Notschlafstelle ist dies nicht erwünscht. «Als staatliche Institution ist es uns sehr wichtig», begründet Sozialhilfe-Chef Ruedi Illes, «die Anonymität unserer Klientinnen zu wahren. Aus diesem Grunde vermitteln wir von uns aus auch keine Klienten an Dritte.»

Ein Ort der Sicherheit

Der Wunsch einer Basler Notschlafstelle nur für Frauen ging von den Frauen selbst aus. Sie hatten genug von den blöden Anmachen und Handgreiflichkeiten. Die Sozialhilfe ging diesem Wunsch nach und lancierte ein zweijähriges Pilotprojekt. Seit der Eröffnung Anfang September stehen an der Rosentalstrasse nun 28 Betten zur Verfügung. Zurzeit werden im Durchschnitt rund elf der Betten besetzt. Bei der Anmeldung weisen die Frauen sich aus und bezahlen gleich bar oder per Kostengutsprache. Danach wird ihnen ein Zimmer zugeteilt.

Die Räume der Notschlafstelle wurden früher als Altersheim genutzt. Die Einrichtung ist schlicht. In den Zimmern stehen schwarze Betten mit heller Bettwäsche. Der lange Gang ist hell und sauber. Im Gemeinschaftsraum steht ein grosser Tisch. An der Wand, in der oberen Ecke hängt ein Fernseher, die Snackautomaten sind noch leer. Das einzige ästhetische Element ist eine Rose in einer leeren PET-Flasche auf dem Anmeldetresen. Aber auch die ist schon verwelkt. Man sieht dem Ort an, dass hier nicht gewohnt, sondern zweckmässig geschlafen werden soll. Vor dem Einzug der Notschlafstelle hat die Sozialhilfe die Räume entsprechend renovieren lassen. «Wichtig war vor allem, dass es hell ist. Deshalb haben wir die Wände neu gestrichen und für mehr Licht im Gang gesorgt», sagt Ines Toggenburger, Leiterin der Wohnbewirtschaftung beim Rundgang mit der «Schweiz am Wochenende».

Vivian stört die sterile Atmosphäre an der Rosentalstrasse überhaupt nicht. Sie ist froh, dass es «hell und hygienisch» ist. Über die Frage, ob eine warme wohnliche Atmosphäre nicht fehlt, lacht sie nur: «Bilder und Dekoration, das würde überhaupt nicht funktionieren. Sie steht auf, nimmt einen Stuhl in die Hand und läuft davon. «Das ist, was passieren würde, wenn man da mehr Dinge reinstellen würde. Es würde einfach alles mitgenommen.»

Unerkannt auf der Strasse

Zurück in der Frauenoase. Am grossen Tisch im Wohnzimmer sitzt Susanna* und trinkt Tee. Sie hat bisher ruhig zugehört, möchte sich nun aber auch noch zu den Umständen äussern. Die neue Notschlafstelle kennt sie zwar nicht, aber in der alten hat auch sie Erfahrungen gemacht. Susanna ist gross und schlank. Über ihr hellgraues Haar hat sie einen blauen Schal gelegt.
 

«Es gibt Intimitäten, die kann man sich nicht einfach so nehmen. Manche Leute berücksichtigen das aber nicht und fassen einen an, ohne dass man es will», sagt sie. Wenn Susanna von Belästigung spricht, geht es allerdings nicht nur um Männer. Auch Frauen kamen ihr in der Notschlafstelle an der Alemannengasse schon näher, als ihr recht war: «Dass sich eine Frau vor mir nackt auszieht, um duschen zu gehen finde ich ganz normal. Wenn sie sich dann aber so auf einem Stuhl abstützt und mir ihren Hintern entgegenstreckt, ist mir das zu viel.»

Vivian sitzt mit ihrem Teller auf einem der Sofas, isst Gschwellti. Ihrer Meinung nach ist die Notschlafstelle für Frauen «das Beste was passieren konnte». Für diese Einschätzung hat sie klare Argumente: Die Zimmer liegen alle auf einer Etage. «Das ist gut, weil das Personal so schneller vor Ort sein kann, wenn es nötig ist», sagt sie. Ausserdem würde durch die neue Situation die Sicherheit der Frauen auch ausserhalb der Notschlafstelle verbessert. «Wenn dich die Männer durch die Notschlafstelle kennen, sprechen sie dich auf der Strasse ständig an. Viele versuchen auch, über eine Schweizer Frau an eine Aufenthaltsbewilligung zu kommen. Durch die getrennten Notschlafstellen ist die Anonymität auf der Strasse jetzt grösser. Das ist sehr wichtig.»

Wenn Vivian von der Notschlafstelle erzählt, ist sie sehr klar. Sie hat dort viel erlebt, kennt die Regeln und die Menschen, die dort ein und ausgehen. Dazwischen kommt sie aber immer wieder auf ganz andere Themen zu sprechen. Sie erzählt von Verschwörungen in Russland, von geheimen Dokumenten in Lausanne und von Anschlägen auf ihre Wohnung. Eine klare Geschichte scheint sich daraus nicht zu ergeben. Was davon wahr ist und was erfunden, lässt sich nicht erkennen. Trotzdem findet sie immer wieder zum Thema zurück. Es ist ihr wichtig, dass die Medien kein falsches Bild vermitteln, und die Notschlafstelle womöglich nach der Pilotphase wieder geschlossen wird.