Vor 20 Jahren wurden Zuzüger von Baslerinnen und Baslern noch gewarnt: Geht nach Einbruch der Dunkelheit nicht zum Rhein hinunter, dort ist es gefährlich! Und im Bach schwimmen? Das kam auch nur für Hartgesottene infrage. Inzwischen sind das Tempi passati: Mit der Aufwertung des Kleinbasler Uferbords kamen die Sonnenanbeter, die Djembéspieler, die Grillmeister, die Wickelfische, die Buvetten, die Zwischennutzungen. Und mit ihnen immer mehr Leute, mehr Lebensfreude, aber auch grössere Herausforderungen.

Dass der Rhein eine lebenswichtige Ader ist für diese Stadt manifestiert sich jetzt, im Sommer, am deutlichsten. An einem trockenen Samstagabend verwandeln Tausende das Rheinufer in ihr Wohnzimmer: Der Rhein ist im Sommer der grösste gemeinsame Nenner der Menschen, die hier leben.

Wie fühlt sich das an, eine Samstagnacht entlang des Kleinbasler Ufers? Wir, zwei Redaktorinnen und zwei Redaktoren der bz, sind vergangenen Samstag ausgeschwärmt, um Stimmen und Stimmungen einzufangen, zwischen dem Ufer des Solitude Parks bis zum Dreiländereck. Das Protokoll eines Abends am Bach beginnt mit ihrem Ende.

8 Uhr

Wettsteinbrücke: Christian Stampfler liest die Spuren rasch. Seine Hände in die Hüften gestützt, schaut der Teamleiter der Stadtreinigung Rhein aufwärts. Neben ihm überquillt ein Abfalleimer; auf den Treppenstufen sind leere Flaschen verstreut. Wodka, Coca-Cola, Prosecco, Bier. «Das ist noch gar nichts. Gestern war es eine ruhige Nacht», sagt er. Stampfler koordiniert die Einsätze am Morgen. Abends checkt er kurz den Wetterbericht. Ein erstes Indiz, was für ein Arbeitstag ihn erwartet.

Während seine Mitarbeiter noch die Innenstadt fegen, schreiten wir mit ihm das Rheinbord ab. Aus Rücksicht auf die Anwohner rumpeln hier erst nach acht Uhr die Überreste der Nacht aus den Containern.

Stampfler arbeitet seit 22 Jahren für die Stadtreinigung. Reichte damals ein Mitarbeiter, um das Rheinbord zu reinigen, stehen inzwischen sechs im Einsatz. Etwa zwei Stunden lang wischen sie; sammeln Flaschen, Essensreste, Grillkohle, Zigarettenstummel oder Verpackungen ein. Mit Zangen und Besen ausgerüstet, ist das Handarbeit. Auf den Treppen und dem Rheinbord lässt sich keine Maschine steuern. Dabei stehen die Männer unter Beobachtung: «Wir müssen immer gut Acht geben, dass aus Versehen nichts in den Rhein fällt. Sonst klingelt bestimmt das Telefon und jemand behauptet, die Stadtreinigung würde den Müll ins Wasser kippen», sagt Stampfler.

Nur wenige Jogger laufen vorbei; ein kleiner, brauner Hund zieht hechelnd an der Leine seines Herrchens. Ruhig ist die Arbeit der Stadtreinigung indes nicht immer. Stampfler sagt, anders als bei seinem Beginn habe die Aggressivität zugenommen. Die Mitarbeiter würden in den frühen Morgenstunden häufiger angepöbelt. Ihm zertrümmerte einmal ein junger Mann die Heckscheibe seines Fahrzeugs. Entlang des Rheins treffen die Stadtreiniger aber auch auf ganz andere Emotionen. Pärchen, die Sex haben, sind für sie keine Seltenheit. Und dann? «Fahren wir weiter und warten, bis sie fertig sind. Da kann man ja nicht stören», sagt Stampfler.

19:00

Tinguely Museum: Am Nachmittag stehen hier die Schwimmer an wie im Alpamare. An einem windigen Sommerabend sind es die etwas härter Gesottenen: Nun stürzen sich nicht mehr so viele farbige Punkte bei der Solitude in den Rhein.

Uferstrasse: Die Liegestühle stehen bereit auf dem Kleinhüninger «Sonnendeck», oberhalb der Wiese-Mündung. Nur gerade drei Menschen gönnen sich einen Drink mit Aussicht in der Abendsonne. Die erhöhte Bar, die seit dem vergangenen Jahr den Auftakt der Gastromeile an der Uferstrasse bildet, läuft an diesem Abend nicht. Dabei sind die Tapas ganz okay. Aber wer sich verpflegt, wählt offenbar lieber die Landestelle oder den Foodtruck bei der Marina. Vor dieser halten immer wieder Velofahrer auf dem Rückweg ihres Samstagausflugs. «Schau mal, hier hat es ja lustige Beizen!»

20:00

Blüttlerstrand: Die Sonne ist inzwischen um die Ecke gebogen, das obere Kleinbasel liegt im Schatten. Am Strand der blutten Männer liegen nur zwei, beide haben Hosen an. Einer heisst Ivan. Seit sieben Jahren lebt er genau dort, Sommer und Winter, wie er sagt. Er schläft auf einer dünnen Matratze und unter einer dreckigen Decke.

«Ich bin aus Moldawien geflüchtet, vor dem Krieg, ich habe Menschen getötet», schreit er ungefragt. Sein Oberkörper ist übersät mit ausgebleichten Tattoos. Auf dem Oberarm trägt er eine Maria, eine Narbe verrät: Auf Jesu Mutter wurde schon geschossen. Die Polizei dulde ihn und er sammle seinen Abfall jeweils säuberlich auf. «Das ist mein Zuhause.» Er legt sich hin, morgen geht er zur Kirche.

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Das Taxi auf dem Bach: René Didden hat zu tun.

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Auf dem Wasser: René Didden fährt mit seinem Rhytaxi in Richtung Mittlere Brücke. Das Rheinbord zieht als stumme Kulisse an ihm vorbei. Didden hat 2001 mit einem Boot angefangen, inzwischen besitzt er vier Schiffe. Wobei er inzwischen auch in den Wintermonaten gut ausgelastet sei. Dass er auch Fondue- und Raclettefahrten anbietet, habe sich herumgesprochen. Und sie werden nicht nur im Winter gebucht, sondern auch jetzt, im August.

Mittlere Brücke: Die nächsten Gäste stehen am Brückenkopf beim Anlegesteg breit. Es ist eine kurze Strecke, die sie zurücklegen wollen, ein klassischer Transport von A nach B. Oft weiss Didden im Voraus, was auf ihn zukommt. «Für den übernächsten Kunden habe ich Champagner kaltgestellt. Er wird seiner Freundin einen Heiratsantrag machen, als Überraschung natürlich.» Angst, der Mann könnte scheitern, hat Didden nicht: «Etwa vierzig Heiratsanträge jährlich werden auf dem Rhytaxi gemacht. Bisher hat niemand Nein gesagt.» Er begleitet aber auch immer öfters «das Gegenteil», wie er sagt. Mittlerweise lässt er die traurigen Momente auf den Bestattungsfahrten nicht mehr so nah an sich heran. «Es sind Fahrten wie alle anderen.» Bloss wenn ein junger Mensch auf diese Weise verabschiedet werde, tue es noch weh.

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Das mediterrane Flair ist erst wenige Jahre alt.

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Vor der Kaserne: Seifenblasen schweben in der Grösse eines Fussballs. Die Kinder beobachten den Clown, der die Promenade mit diesem flüchtigen Glanz schmückt. Weiter oben erklingt Gitarrenmusik, Gesang. Der Abschnitt vor der Rhyschänzli-Buvette ist bei Strassenkünstlern beliebt: Die Strasse ist breit und die Portmonees hier dicker als anderswo.
Rund um die Johanniterbrücke: Noch wärmt hier die Sonne. Auf den Treppen perlt Wasser an Bierdosen und Rheinschwimmern. Chipstüten werden aufgerissen, Tupperwares mit geschnittenem Gemüse oder Guacamole herumgereicht. Auf einer Bank treffen sich sorgfältig geschminkte Thailänderinnen; von einer türkischen Familie versammeln sich drei Generationen; spanische, portugiesische Gesprächsfetzen hallen in der Luft. Eltern schieben ihre Babys in den Schlaf, junge Erwachsene flitzen auf ihren Velo Richtung Hafen; aus einem Rucksack dröhnt der Bass. Zwischen Badetüchern und Snacks kurvt ein Mann auf seinem Velo über das Rheinbord. Sein linkes Bein steckt in einem Gips, seine Krücken sind am Rucksack festgezurrt. Zwei blonde Teenagermädchen unterbrechen ihr Staccato-Gespräch, starren ihn an. Kichern, ihr McFlurry tropft.

Ein paar Meter weiter sitzt Numa mit Freunden im Schatten, auf einer Rasenfläche. Er ist ein Heimweh-Basler, hat hier studiert, lebt nun in Baden. Kehrt er zurück, geht’s an den Fluss: «Diese ‹Rhykultur› in Basel ist genial.» Neben ihm steht ein Velo-Anhänger, der an die Strassenküchen Ostasiens erinnert. Numa hebt den roten Deckel an; unter dem leeren Grillrost glüht Kohle. Wer will, darf bei ihnen ihr Fleisch, Tofu oder Gemüse brutzeln. «Viele flüchtige Bekanntschaften entstanden dadurch, aber auch Freundschaften.»

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Numa ist ein Heimweh-Basler, hat hier studiert, lebt nun in Baden. Mit dabei hat er einen Grill, den alle nutzen dürfen.

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21:00

Eine 30-jährige Frau guckt in Richtung des Hotels Drei Könige, zieht die Schultern hoch, legt die Stirnen in Falten. «Heute Abend fegt ein Orkan über Basel.» Dunkelgraue Wolken verkleben den Himmel, türmen sich auf. Wer am Rhein promeniert, muss mit allem rechnen. Auch mit einem Platzregen. Reihen sich die Menschen bei einem schönen Sommerabend wie zu einer kilometerlangen Perlenkette auf, gähnt an diesem Samstag zwischen den Gruppen immer wieder Leere.

Dreirosen-Buvette: Ab etwa acht Uhr sind an den Buvetten Stühle und Tische leer. Ihre Betreiber sind den Launen des Himmels ausgeliefert. Auch Dana Poeschel von der Dreirosen-
Buvette. Sie führt diese in der 12. Saison. Niemand sonst kann das von sich behaupten. Was hat sich geändert in dieser Zeit? «In den ersten Jahren kamen vor allem Leute aus dem Quartier und von der Novartis.» Mittlerweile bewirtet sie Gäste aus der ganzen Region: «Auch in Deutschland und Frankreich hat es sich herumgesprochen, dass man im Rhein baden kann», sagt Poeschel. Dass es vermehrt Menschen an den Fluss zog, habe mit der Verbreiterung des Rheinbords angefangen. Herrschte vor zwölf Jahren noch Verwirrung mit dem Depotsystem, habe sich das nun durchgesetzt.

Dreiländereck: Dunkle Wolken zwingen den Tag in die Versenkung. Am Steg sitzen Jugendliche, die Wickelfische verraten, dass sie sich nicht an die Empfehlung für Rheinschwimmer gehalten haben –und sich im Hafen an Passagierschiffen wie dem «Lällekönig» vorbeitreiben liessen. Eine Etage höher verlängert ein bunt durchmischtes Publikum seine Ferien: «Sandoase» heisst die Bar: Aus den Boxen rieselt Latinpop und R&B, durch die Zehen feiner Sand. Ein Wegweiser listet die Distanzen zu weltbekannten Stränden auf: Zur Copacabana sind es nur 9317 Kilometer. Das färbt ab.

Auffallend viele Migrantinnen lassen hier den Tag mit einem Drink ausklingen: In einem Sandkasten spielen italienischsprachige Kinder. Junge Musliminnen unterhalten sich daneben, deutsche Expats sprechen übers Geschäft. Immer mehr Teenies und Twens strömen hinein, die Vorfreude auf den Ausgang steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Manche überbrücken die Zeit, bis der Technoclub Nordstern sein Deck auf dem Rhein öffnet: Der amerikanische DJ Seth Troxler wird spätnachts das Clubschiff zum Schaukeln bringen. Bis dahin röhren die Motoren: Twens demonstrieren, was sie unter den Hauben ihrer getunten Sportwagen haben. Ein BMW mit Solothurner Kennzeichen beschleunigt bedrohlich – und bremst gleich wieder ab. Die Stadt hat hier Bodenwellen installieren lassen - aus guten Gründen: Testosterongesteuerte haben sich am Westquai Strassenrennen geliefert.

22:00

Dreirosenbrücke: Der Einsatzzug aus dem Polizei-Stützpunkt Horburg rückt zur Dreirosenanlage aus, einem Hotspot für kleine Gewaltdelikte und Drogenumschlag. Beliebt ist die Schicht nicht, die Zeiten sind familien- und hobbyfeindlich: Freitag, Samstag, Sonntag. Sechs Polizisten schlendern die Rheinpromenade entlang zur Mittleren Brücke. Unterwegs machen sie bei ein paar Kiffern Halt, die einen Joint drehen. Das Tütchen wird eingezogen, der junge Mann wird für die Vernichtung aufkommen müssen. Eine Busse gibt es nicht. «Natürlich hätten wir warten können, bis er ihn angezündet hat. Aber das wär schon ein bisschen gemein gewesen», sagt der Chef der Truppe. Obwohl die Fluktuation bei dieser Einheit gross ist: Die Polizisten haben Erfahrung, wissen, wann sie Augenmass anlegen müssen. So auch bei den unzähligen kleinen Musik-Boxen, welche die Anwohner stören und beschlagnahmt werden. «Eigentlich müssten wir diese an das Gericht geben, dort blieben sie dann drei Jahre. Das ist aber nicht verhältnismässig, meist können sie die Jugendlichen am nächsten Tag auf dem Posten abholen.» Das Rheinbord hat sich aus ihrer Sicht stark verändert: Es gibt nicht mehr einzelne Hotspots, die Einsätze betreffen die gesamte Länge von Solitude bis Hafen.

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Ein ungewohnter Blick vom Rheintaxi aus auf die schwimmende Konzertbühne.

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Beim Floss: Die Matrosen wuseln durch die Menge und fischen nach Geld. Prominentester Beifang dieses Abends: Matias Delgado, seit zwei Wochen Legende im Ruhestand. Jetzt kann auch er sich ein Bier in der Öffentlichkeit gönnen. Unweit von dieser Szenerie lebt Roland Bucher (51). Er gehört zu den Anwohnern des Oberen Rheinweges, die sich über die Entwicklung vor ihrer Haustür freuen. «Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, fühle ich mich, als wäre ich in den Ferien», sagt er. Was er als Gewinn betrachtet, ist für viele seiner Nachbarn eine Belastung. Grill-Rauch, Sound, Lärm. Manche sind gar weggezogen, seit das Rheinbord zur Ausgehmeile geworden ist. Für Roland Bucher käme ein Umzug nicht infrage: «Ich bin sogar der Meinung, dass es noch mehr vertragen würde. Es gibt nichts Schöneres für mich, als am Fenster zu sitzen, ein Glas Wein zu trinken und dem Treiben am Rhein zuzusehen», sagt er.

22:30

Uferstrasse: Patschifig heisst eine bunt beleuchtete Bar an der Uferstrasse. Der Bündner Begriff steht für Gemütlichkeit, mit dieser aber ist es für den Arealverwalter Tom Brunner vorbei. Die Musikanlage steigt immer wieder aus, irgendwo gab es einen Kurzen. Brunner steigt auf eine Leiter, die Werkzeugtasche umgehängt, schraubt rum und findet die Ursache bei einer Lampenfassung. Geschafft. Kein Flackern mehr, sondern wieder Funk. Erste Beine zucken zu den Tanzrhythmen. 

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Am Hafen pulsiert das Freizeitleben bis zuletzt.

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Eine Bar weiter, an der Landestelle, untermalen Ukulele-Klänge und spanische Gesänge die Gespräche. Nebenan, in der Sommerresidenz, wird man in die Vergangenheit zurückgeworfen: Aus den Boxen erklingt Fifties-Musik, auf der Holzbühne tanzen Paare. «Buonasera» plätschert es im Evergreen aus den Lautsprechern. Auffallend durchmischt, die Klientel hier. Das bestätigt auch Jonas Berner, der die Kulturbar Sommerresidenz schon auf dem nt/Areal betrieben hat. «Das Publikum ist sogar deutlich internationaler als auf dem nt», sagt er. Die Expats, das vernimmt man überall, lieben die Bars am Rheinufer. Hier wird Basel zu Berlin: Die belebte Industriebrache versprüht alternativen Charme und Hipness, die Nähe zum Hafen Weltoffenheit. Trotzdem herrscht Stil: Das Bier schwappt nicht wie bei den Buvetten in Plastikbecher. Hier wird es aus den Flaschen getrunken.

00:30

Ein Polizeiwagen wird zum Hafen gerufen. Die Securitas hat um Hilfe gebeten: Einige Personen wollen das Areal der Schweizerischen Rheinhäfen nicht verlassen. Immer mehr Fahrzeuge treffen ein, schliesslich sind es rund 25 Uniformierte, welche die Lage besprechen. Der Ranghöchste ärgert sich, das Aufgebot sei zu gross. Tatsächlich ist es nur eine Handvoll Jugendlicher, welche auf einer Plattform sitzen. Die Polizisten bitten sie ruhig, das schlecht als Privatareal ausgeschilderte Hafenstück zu verlassen. Die Securitas stehen daneben. Die Jugendlichen diskutieren, währenddessen sammelt sich hinten eine kleine Menschenmenge, die das Ganze filmt und irgendwann damit beginnt, die Polizei mit Schmäh einzudecken. Auf dem Rückweg zum Auto fallen den Ordnungshütern die vielen Autofahrer auf: «Denen könnten wir allen eine Busse geben.»

Den Abend lassen auch wir im Hafen auslaufen. Hier ist der einzige Ort, an dem das Leben am Rhein die Nacht überdauert. Wer dann den Heimweg aufsucht, hat gute Chancen, auf einen Spurenbeseitiger zu treffen.