Wie können Migrantenströme aufgehalten oder geleitet werden? Grosse Frage, grosses Thema. Gerade hat Europa seine Grenze in die Wüste Afrikas verlegt, auf dass die Gestade des Mittelmeers für die Menschen unerreichbar bleiben. Im Osten sorgt ein autokratischer Schnauzträger dafür, dass der Menschenstrom vorläufig gestoppt ist.

Es gibt neben der Abschottung aber auch die gegenläufige Bewegung: die Förderung des globalen Austausches. Die ersten, die fremde Orte erschliessen, waren und sind die Händler. Sie wollen Waren tauschen. Ihnen folgen die Künstler und andere von Neugier Getriebene: Sie wollen Gedanken austauschen.

Institutionen, die diesen Austausch fördern, gibt es hierzulande viele. Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und das Bundesamt für Kultur investieren in den internationalen Austausch. Was aber bleibt von diesen Investitionen? Was bedeutet «Austausch»? Die Entstehungsgeschichte des chinesisch-schweizerischen Films «The Beekeeper and his Son» gibt darauf Antworten.

Zu Besuch in Peking

Die Stiftung Swiss Films mit Sitz in Zürich ist die Promotionsagentur des Schweizer Filmschaffens. Kernaufgaben der Stiftung sind Verbreitung, kulturelle Vermittlung und Vernetzung des Schweizer Filmschaffens. So beteiligte sich Swiss Films beispielsweise am von Pro Helvetia initiierten Kulturprogramm «Swiss Chinese Explorations». Teil dieses Austauschprogramms waren Dokumentarfilm-Workshops in Peking.

Schweizer Filmemacher reisten in die chinesische Hauptstadt um dort während ein, zwei Wochen jungen chinesischen Dokumentarfilmern beratend zur Seite zu stehen.

Stattgefunden haben diese Workshops in der DDC Workstation des chinesischen Filmemachers Wu Wenguang. Der international renommierte Regisseur animierte seine jungen Landsleute dazu, Filme über die eigene Geschichte zu drehen. Beispielsweise Menschen zu befragen, welche die grosse Hungersnot Ende der 1950er-Jahre erlebt haben. Oder Bauern auf dem Land eine Kamera in die Hand zu drücken und sie selbst ihr Leben dokumentieren zu lassen.

Der Basler Regisseur und Produzent Vadim Jendreyko beteiligte sich 2011 und 2012 an diesen Workshops. «Wir haben in diesem Zentrum in Peking mit allen Beteiligten während zwölf Tagen gewohnt und gearbeitet. Das war sehr intensiv», erzählt Jendreyko. Er habe den Ort eigentlich gar nie verlassen, aber durch die Filme der Chinesen Einblicke in das ganze Land erhalten.

Das Wagnis

Die junge Filmemacherin Diedie Weng zeigte bei einem Workshop Material aus einem Dorf in der nordchineschen Provinz Shanxi. Dort hatte sie einen alten Bienenzüchter und seine Familie kennengelernt. «Was mir an ihr sofort auffiel,war ihr Gespür für Menschen, ihr Taktgefühl und ihre Behutsamkeit», sagt Jendreyko.

Aus der ersten Begegnung entwickelte sich ein reger Kontakt. Der Schweizer Regisseur begann seine chinesische Kollegin zu beraten. Das Projekt gedieh weiter, sodass Jendreyko und seine Produktionsfirma Mira Film beschlossen, den Film zu produzieren.

Im Grunde ein Wagnis. Denn was hat der intime Einblick in eine chinesische Bauernfamilie mit der Schweiz zu tun? «Neben der Qualität der Regiearbeit interessierte mich das Thema», erklärt Jendreyko. «China ist ein Land, das bei uns quasi in jedem Geschäft, das wir betreten, präsent ist, als Produkt aus irgendeiner Fabrik.» Wir würden den Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Nummer Eins auf dem Planeten zwar wahrnehmen. Was diese Entwicklung jedoch vor Ort bedeute, darüber wüssten wir wenig.

«Der Film bietet eine Innensicht auf die chinesische Gesellschaft, wie wir sie nie sehen. Ein Schweizer Regisseur könnte diesen Film gar nicht machen», so Jendreyko. Gerade mit dem unspektakulären Blick auf eine Familie, wie es sie millionenfach gibt, gewinne man Einblick in Zusammenhänge, die uns ansonsten verborgen bleiben würden.

Zusammenprall der Welten

«The Beekeeper and his Son» erzählt, wie der 21-jährige Sohn des Bienenzüchters nach einem Jahr Arbeit und Studium in der Grossstadt auf den Hof des Vaters zurückkehrt. Wobei der Hof nur aus einem windschiefen Häuschen mit Wellblechdach, einigen Bäumen, einer Felsgrotte für die Muttersau und etwas Platz für die Bienenkästen besteht. Zwei Hunde, Hühner und eine kämpferische Gans. So leben seine Eltern. Ein Paar, das sich aus Not mit dem harten Leben abgefunden und sich im ewigen Streit eingerichtet hat.

Die Regisseurin Weng hat Monate an diesem unwirtlichen Ort verbracht und wurde Teil der Familie. In ruhigen Bildern dokumentiert sie ein Jahr, in dem Sohn und Vater vergebens versuchen, sich näherzukommen. Die knallharte, boomende Geschäftswelt Chinas prallt auf die archaische Welt des Bauernhofs. Der mürrische Vater hält den Sohn für einen verwöhnten Taugenichts. Der Sohn den Vater für einen streitsüchtigen Hinterwäldler.

In China, wo der Film gestreamt werden könne, sei diese Situation völlig normal, erzählt Jendreyko. Uns zeigt der Film eine fremde Welt, die gleichzeitig unheimlich vertraut ist. Wir sehen Menschen, die um ein klein wenig Glück ringen. Die Grossstadt kommt dem Sohn vor wie «ein gleichförmiger, endloser Regen». Die archaische Welt des Vaters ist für ihn kaum zugänglich.

Wir verstehen: Menschsein ist auch auf der anderen Seite des Planeten eine komplexe Angelegenheit. Trotz einer scharf gezeichneten Hoffnungslosigkeit, zeigt der Film, was uns am Leben hält: Der Versuch, einander zu verstehen. Angesichts der Grenzzäune, die überall hochgezogen werden eine wichtige Botschaft.

«The Beekeeper and his Son»:

Stadtkino Basel, ab 7. September.

Premiere: Donnerstag, 7.9., 18.30 Uhr,

in Anwesenheit von Diedie Weng

und Vadim Jendreyko.