Herr Rediger, darf man Sie als Witzkandidat bezeichnen?

Elia Rediger: Das wäre also schon ein bisschen harsch. Dafür ist der Aufwand, den ich betreibe, zu gross. Es ist ja wirklich ein persönliches Anliegen.

Was genau ist denn Ihr Anliegen?

Den Leuten unsere Regierung wieder schmackhaft zu machen, und das am eigenen Beispiel. Wählen ist etwas, das Spass machen soll. Es ist ein Privileg. Wir haben ein Luxusproblem in der Schweiz: Wir haben Wohlstand. Die Leute wollen gar nicht mehr mitbestimmen, weil sie sagen: «Uns geht es doch eigentlich gut.»

Sie wollen ja Guy Morin arbeitslos machen.

In dem Sinn: ja.

Was macht er denn falsch?

Nicht so viel. Mit ein paar Sachen, die Guy Morin macht, bin ich sogar sehr einverstanden.

Was würden Sie anders machen?

Mit mir hätte man noch mehr Action. Ich bin ein Versprechen für jene, die in dieser Stadt noch etwas reissen wollen. Ich möchte Basel mit kleinen Aktionen zu einer vibrierenden, lebendigen, pulsierenden Kulturstadt machen. Wir haben den Luxus einer grosszügigen Kulturförderung. Trotzdem ziehen viele super-kreative Leute nach Zürich, Berlin, New York. Der Grundglaube fehlt, dass diese Stadt ein Stern sein darf. Mit der Art Basel und all den Museen hätten wir das Potenzial dazu.

Sie leben aber auch in Berlin – zumindest teilweise.

Diese Stadt lebt davon, dass man mit einfachsten Mitteln etwas auf die Beine stellen kann. Ich möchte die Steine in Basel aus dem Weg räumen, sodass das auch bei uns möglich ist.

Also «arm, aber sexy», wie es der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit einmal ausdrückte?

Eher reich und sexy. Wir haben ja eine starke Kulturförderung. Geld und Förderung müssen nicht unsexy sein.

Ihr Wahlslogan ist «Dancing people are never wrong». Wird in Basel zu wenig getanzt?

Ich finde schon. Es geht mir nicht um Discos wie das Fame. Es geht darum, dass Basel das Selbstvertrauen hat, auf die Strasse zu gehen, um Spass zu haben.

Letztens hat man Ihrer Band The Bianca Story in der Lady-Bar den Strom abgedreht, weil Sie zu lange gespielt haben.

Das ist ein gutes Beispiel. Man stoppte unsere Party um halb elf. Dabei haben wir die Nachbarn doch eingeladen. Sie hätten uns auch sagen können, dass dieser Tag einfach ein schlechter Tag ist, weil sie Fieber haben oder so. Es gibt ein grosses Potenzial dafür, dass sich die Gesellschaft selber reguliert.

In zweieinhalb Wochen wird gewählt. Sie haben vor fünf Wochen entschieden, dass Sie kandidieren. Wie lebt es sich als Neo-Politiker?

Es ist ein Knochenjob. Ich kenne mich noch nicht in allen Belangen aus. Meine Kampagne stösst – auch zu Recht – auf Vorbehalte. Gerade wenn es um ernsthafte Themen oder meine Person geht. Das stört mich aber nicht, denn ich weiss: Würde ich gewählt, würde ich dieser Stadt Positivismus einhauchen. Für mich gibt es in dieser Kampagne nur ein Gewinnen, weil es darum geht, Spass zu haben. Ich möchte ein Signal setzen für jene, die positiv in die Zukunft blicken. Die gehen nämlich vergessen.

The Bianca Story - Dancing People are never wrong

Ist Basel einfach zu schlecht drauf?

Ich bin viel unterwegs. Die Leute, die die Schweiz kennen, sind schockiert, wie schlecht die Stimmung bei uns ist. Die fragen: «Warum habt ihr nicht mehr Spass? Euch gehts doch so gut.» Das ist paradox. Ich möchte denen Mut machen, die noch ans Gute glauben.

Was haben Sie denn für einen Eindruck von unseren Politikern?

Sie sind zwar selbstsicher, aber sie haben ständig Angst, etwas falsch zu machen. Sie können ihre Fehler nicht zugeben, weil sie fürchten, dass ihnen das der Kopf kostet. Dabei ist das doch etwas Unnatürliches. Da mutiert man ja fast automatisch zum Monster.

Sie sagen oft, dass sie von gewissen Themen keine Ahnung haben.

Ja, weil alles andere gelogen wäre. Dafür ist es menschlich. Politische Rhetorik erinnert mich manchmal an die Musik von Dieter Bohlen. Sie ist künstlich und hat kein Herz. So verlieren die Leute den Bezug dazu. Wir versuchen, Musik zu, machen, die Herz hat. Das ist mein Beruf.

Als Kunststudent haben Sie viele Performances gemacht. Ist Ihre Kandidatur auch eine?

Nein. Ich stelle das nicht in einen Kunstkontext.

Haben Sie sich immer schon mit Politik auseinandergesetzt?

Nein. Aber ich hatte schon immer einen gewissen Gerechtigkeitssinn. Da ist der Schritt zur Politik nicht mehr gross. Auch Kunst ist politisch. Da geht es ja fast immer um etwas Gesellschaftliches. Nehmen Sie die Lieder von Mani Matter. Die haben Einfluss bis heute.

Dann sollten Sie aber bei der Musik bleiben, wenn Sie etwas verändern wollen.

Das werde ich auch.

Sie bleiben auch als Regierungspräsident bei The Bianca Story?

Das sehen wir dann noch.

Von einem Künstler wie Ihnen hätte man eine grössere Show im Wahlkampf erwartet.

Der hat erst gerade angefangen. Ich finde es lustig, dass die Show erst losgeht, wenn die meisten ihre Wahlzettel schon verschickt haben. Das grosse Highlight kommt diesen Freitag. Da werden wir auf dem Marktplatz auf urdemokratische Weise zusammen mit dem Publikum einen Song schreiben (siehe Box). Es ist das erste Mal, dass so etwas geschieht und das darf man ruhig fett schreiben. In der Schweiz neigt man ja dazu, solche Ideen als herzigen Gag abzutun. Dabei wird uns das weltweit Beachtung schenken ...

... und ordentlich Promo für Ihre Band bringen.

Hoffentlich auch bei diesem Aufwand. Doch ich habe immer gesagt: In diesem Wahlkampf geht es nicht um The Bianca Story.

Den Job des Regierungspräsidenten hat man geschaffen, damit Basel besser repräsentiert wird. Das dürfte ihre Kernkompetenz sein?

Weisch wie (lacht)! Ich hätte wahrscheinlich immer einen Gitarrenkoffer dabei, wenn ich nach Moskau oder Schanghai fahre.