Christian Egeler (43) sagte spontan Ja zu einem Gespräch. Dann zögert er. Er zweifelt, ob ein Medienauftritt kurz vor der Wahl geschickt sei. Am Mittwoch wird Egeler vom Basler Parlament zum neuen Grossratspräsidenten gewählt.

Die Wahl ist Formsache. Es gilt eigentlich auch als Formsache, sich in dieser Situation vornehm zurückzuhalten. Egeler sucht einen argumentativen Ausweg: Da er sich im ersten Jahr der Legislatur als Statthalter politisch zurückhalten musste, würden ihn einige der neuen Grossräte noch nicht richtig kennen.

Deshalb sei es vielleicht doch nicht falsch, sich ausnahmsweise im Vorfeld öffentlich zu äussern, rechtfertigt er sich. Nicht nur die neuen Grossräte kennen ihn kaum: Egeler sitzt zwar bereits seit 2004 im Parlament, hält sich aber meistens im Hintergrund. Mit brisanten Vorschlägen fällt er nicht auf. Er ist der Mann der Kompromisse.

U-Abo und GA sind falsche Anreize

Egelers bekanntester Kompromiss ist der in der Umwelt-, Verkehrs- und Energiekommission (Uvek) ausgehandelte Deal, dass die Bürgerlichen Ja sagen zur autofreien Mittleren Brücke und die Linken im Gegenzug ein neues Parking beim Kunstmuseum gutheissen.

«Das ist auch meine Arbeit», sagt Egeler. Er gerät ins Schwärmen, wenn er von der heute verkehrsverstopften Eisengasse spricht, die zur Fussgängerzone werden könnte.

Andere Anliegen des Bau- und Verkehrsingenieurs hingegen sind nicht mehrheitsfähig. Egeler fordert, dass sich der Verkehr selber finanziert. Für eine Auto- wie für eine Zugfahrt sollten die Verkehrsteilnehmer aus seiner Sicht die vollen Kosten bezahlen.

Er befürwortet flächendeckendes Road Pricing: Ihm schwebt vor, dass jeder Autofahrer fünf bis zehn Rappen pro Kilometer bezahlen muss. Andere Abgaben sollten dafür reduziert werden. Analog dazu bezeichnet Egeler das U-Abo und das GA als falsche Anreize: Jede Fahrt solle kosten.

Mehrere Parteiprogramme studiert

Politisiert wurde Egeler durch seine Arbeit als Verkehrsingenieur bei der Firma Rapp. Diese leistete die Vorarbeit für die Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe, die 1998 vom Schweizer Stimmvolk angenommen wurde.

Als Spezialist für Gebührenerhebung im Strassenverkehr merkte Egeler damals: «Bei diesem Thema hätte ich in der ‹Arena› mitdiskutieren können.» So entschied sich Egeler für einen Einstieg in die Politik.

In welche Partei er wollte, wusste er nicht auf Anhieb. Er studierte mehrere Parteiprogramme. Jenes der aus seiner Sicht zu linken SP nur aus Neugier, weil ihm deren Kulturpolitik in seiner Jugend sympathisch war.

Auch das Programm der CVP kam nicht ernsthaft nicht infrage. Er sei zwar gläubig, möchte Religion und Politik aber strikt trennen, begründet er. Die Umweltpolitik der Grünen sagte ihm hingegen zu, doch gesellschaftspolitisch war ihm die in Basel mit der Basta kooperierende Partei zu links.

Das Programm der SVP zog Egeler gar nicht erst in Betracht. Also blieben noch LDP und FDP. Nach einem Mittagessen mit dem damaligen Quartiervereinspräsidenten Daniel Stolz entschied er sich aus Sympathiegründen für den Freisinn.

Hätte es damals die Grünliberalen schon gegeben, wäre Egeler vermutlich dort gelandet. Heute zieht er dies nicht in Betracht: Die GLP bezeichnet er als überflüssig, da das Spektrum der FDP breit sei. Egeler ist der grüne Punkt am linken Rand der FDP.

Feinde wegen grüner Haltung

Grünen-Grossrat Michael Wüthrich arbeitete mit Egeler in der Uvek zusammen. In vielen Verkehrs- und Energiefragen sei Egeler grün, sagt Wüthrich. Trotzdem würde er ihn nicht bei den Grünen sehen: «Als Verkehrsplaner steht er mit beiden Füssen auf dem Boden der Realität. Grüne hingegen dürfen Visionen haben.»

Für die Grünen wäre Egeler folglich zu realistisch – ein dickes Kompliment aus dem Mund des ansonsten scharfzüngigen Wüthrichs. Es sei gut, dass es solche Leute auch auf bürgerlicher Seite gebe, lobt Wüthrich.

In seiner eigenen Partei macht sich Egeler dafür mit seiner grünen Haltung manchmal Feinde. Ein Aussenseiter sei er deswegen aber nicht, sagt er. Als Vertrauensbeweis deutet er, dass er von seiner FDP in die Uvek delegiert wurde.

Um genügend Zeit für das Grossratspräsidentenjahr und die Arbeit im Ratsbüro zu haben, verliess er die Uvek vor einem Jahr. Er setzt seine politischen Kräfte dosiert ein.

Veloaktion nach Zürich  für FCB-Fans

Seinen Schwerpunkt setzt Egeler bei seiner Familie mit vier Kindern im Alter zwischen drei und elf Jahren: «In diesem Alter möchte ich möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen, auch wenn mich das vielleicht etwas in der politischen Karriere bremst.»

Für das eine Jahr als Grossratspräsident sei er aber bereit, Abstriche am Familienleben zu machen. Auch modisch wird es sich anpassen: «Ich werde meine Garderobe mit ein paar zusätzlichen Krawatten auffrischen.»

Im Gegensatz zum abtretenden Grossratspräsidenten Conradin Cramer (LDP) ist Egeler nicht der Mann des vornehmen Auftritts. Er fühle sich mittlerweile aber auch nicht mehr unwohl in Anzug und Krawatte.

Früher gefiel er sich im lockeren Partytenue am besten. Als ETH-Student gründete er mit WG-Kollegen das legendäre «Basler Fest» in Zürich, das zu den Spitzenzeiten bis zu 3000 Leute anzog.

Ein Grosserfolg war auch Egelers FCB-Aktion. Nachdem die Zürcher Polizei im Jahr 2004 Hunderte FCB-Fans eines Sonderzugs festnahm, organisierte Egeler für das nächste Spiel eine Velofahrt von Basel nach Zürich.

Mehrere Hundert Fussballfans radelten mit. Zweimal wurde die Protestaktion wiederholt. Sie ist typisch Egeler; etwas schräg, umweltfreundlich und humorvoll.

Mit seiner unbeschwerten Art erweckt Egeler bisweilen den Eindruck, keine weiteren politischen Ambitionen zu hegen. Auf Anfrage macht er aber bereits jetzt eine Ankündigung: Bei den Nationalratswahlen 2015 aspiriert er für eine Kandidatur auf der Hauptliste der FDP.

Die Zeit in Basel neigt sich dem Ende zu: Egeler befindet sich wegen der Amtszeitbeschränkung in seiner letzten Legislatur. Das Problem, dass er in Basel zu wenig bekannt ist, wird sich dank des Amts als Grossratspräsident erübrigen.