Forschern der Universität Basel ist es gelungen, in akribischer Kleinarbeit einen mysteriösen Papyrus zu entschlüsseln. Das Dokument befindet sich seit dem Jahr 1900 im Besitz der Universität. Diese hatte sich damals für 500 Franken eine Papyrussammlung zugelegt. Heute würde der Wert im sechsstelligen Bereich legen.

Nach ein paar wissenschaftlichen Untersuchungen stellte die Uni die Spezialdisziplin Papyrologie ein. Die Sammlung ging in den Tiefen der Universitätsbibliothek vergessen. Bis vor ein paar Jahren die neu berufene Professorin Sabine Huebner die insgesamt 65 Schriftstücke aus ptolemäischer, römischer und spätantiker Zeit wieder ausgrub und unter die Lupe nahm.

Während die meisten Papyri schnell zugeordnet werden konnten, blieb das Dokument, das etwa halb so gross wie eine Postkarte ist, ein Rätsel. Nur einzelne Worte des in altgriechisch verfassten Textes konnten entziffert werden. Die Forscher gingen davon aus, dass es sich um einen christlichen Text aus dem vierten oder fünften Jahrhundert handelt. Erschwerend dazu kam: Der Papyrus war auf beiden Seiten in Spiegelschrift beschrieben – weltweit einzigartig. «Man hat sich immer gefragt, warum das so ist», sagt Huebner. Lange vermutete man eine geheime Botschaft.

Römische Medizin

Erst durch Ultraviolett- und Infrarotaufnahmen konnte festgestellt werden, dass es sich bei dem 2000 Jahre alten Dokument um mehrere Papyrusschichten handelt, die miteinander verklebt wurden. Offenbar wurde die als überflüssig erachtete antike Schrift im Mittelalter als Bucheinband recycelt. Die mysteriöse Spiegelschrift war Tinte, welche durch die Feuchtigkeit des Leims durchs Papier drückte.

Für die Trennung der Lagen wurde ein spezialisierter Restaurator nach Basel geholt, der sich mit Pinzette und Skalpell an die Arbeit machte. Anschliessend konnte der Papyrus erstmalig entziffert werden. Die rund 40 Zeilen lösten Begeisterung bei den Althistorikern aus. Es handelt sich um eine medizinische Schrift aus der Spätantike. «Bei der Mehrheit aller Papyri handelt es sich um dokumentarische Schriftstücke wie Briefe, Verträge oder Quittungen», sagt Huebner, die vor allem den Alltag dokumentieren. «Ein literarischer Text ist ungleich wertvoller.»

Auf dem Papyrus wird das Phänomen des «hysterischen Atemstillstands» beschrieben. Hysterie war eine früher gebräuchliche medizinische Diagnose, die ausschliesslich Frauen gestellt wurde. «Wir gehen davon aus, dass es sich entweder um einen Text des römischen Arztes Galen handelt oder aber um einen unbekannten Kommentar zu dessen Werk», sagt Huebner. Galen gilt nach Hippokrates als der bedeutendste Arzt des Mittelalters. Und er hat sich intensiv mit der weiblichen Hysterie beschäftigt. Seiner Auffassung nach werde die Krankheit durch sexuelle Entbehrung bei besonders leidenschaftlichen Frauen verursacht: So wurde Hysterie auch oft bei Jungfrauen, Nonnen, Witwen und gelegentlich auch bei verheirateten Frauen diagnostiziert.

Als Kuriosität gehandelt

Der Papyrus stammt vermutlich aus dem Fundus des Basler Juristen und Kunstsammlers Basilius Amerbach (1533-1591). Ursprünglich dürfte das Schriftstück aus der Erzdiözese Ravenna in der italienischen Region Emilia-Romagna stammen. Dort wurde der Papyrus wohl auch als Buchumschlag zweckentfremdet. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Papyri in Ravenna entwendet und als Kuriositäten gehandelt.

Insgesamt sind nur wenige Dutzende Papyri aus Europa erhalten. Alle anderen antiken Schriftstücke stammen aus Ägypten, welche aufgrund der besseren klimatischen Bedingungen besser erhalten blieben. Auch der zweite vorhandene Amerbach-Papyrus entpuppte sich als hochinteressant: Es handelt sich um den weltweit ältesten christlichen Brief. Ein Mann, der im Jahre 230 seinem Bruder aus Ägypten schreibt.

Nach dem Abschluss des Editionsprojekts will die Universität die Forschung zu den Basler Papyri nun international ausbauen. Geplant ist, die digitalisierten Dokumente international zur Verfügung zu stellen. Dadurch erhofft sich Huebner einen weiteren Schub für die Papyrusforschung. Da Papyri vielfach nur in Bruchstücken oder Fragmenten überliefert sind, sei der Austausch mit anderen Sammlungen zentral. «Die Papyri gehören alle zu einem grösseren Kontext.» Oft würden Personen aus den Basler Papyri auch in anderen Schriftstücken im Ausland auftauchen. «Mit den digitalen Möglichkeiten können wir diese Mosaiksteine wieder zu einem Gesamtbild zusammenfügen», so Huebner.