Am 16. April 2016 entscheidet sich Conradin Cramer, ein Twitter-Konto zu eröffnen. Er steckt mitten im Wahlkampf um einen Posten als Basler Regierungsrat. Der Kurznachrichtendienst erscheint als probates Mittel, um sich in aktuelle Debatten einzubringen und sich die Aufmerksamkeit der Journalisten zu sichern. Der Plan geht voll auf: Schon mit seinem zweiten Beitrag erzeugt der Liberale genug Wirbel, damit «SRF», «BaZ» und die bz aufspringen. Auf die bz-Recherche, die Universität forciere einen Umzug von zwei Fakultäten aufs Land, reagiert Cramer: «Fakultäten kann man nicht einfach verpflanzen. Die Uni ist für
die Studierenden da, nicht zur Befriedigung der Politik.»

In darauf folgenden Interviews festigt Cramer sein Image als Ur-Städter. Er doppelt nach: «Man darf nicht auf dem politischen Altar gewisse Sachen opfern, nur damit es ein paar Leuten im Baselbiet etwas besser geht.» Man könne schon über die vertraglichen Grundlagen der Uni diskutieren, auch über räumliche Aspekte. Als Beispiel nennt er etwa das Tropenhaus. «Was aber nicht geht, ist, wenn man bestehende, traditionelle Fakultäten verfrachtet, aus der Stadt und dem Uni-Ganzen herausbricht.» Und, um letzte Zweifel an seiner Haltung auszuräumen: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich meine Meinung ändere, sollte ich Erziehungsdirektor werden.»

Ohnehin spielt die LDP den Sommer und Herbst hindurch mächtig auf der Klaviatur des Basler Lokalpatriotismus’. Cramer, der damalige Regierungsrat Christoph Eymann und Parteipräsidentin Patricia von Falkenstein mimen die empörten Städter, welche die undankbaren Baselbieter mit Zentrumsleistungen alimentieren, während diese überall nur sparen wollen. Das kommt gut an im Volk: Cramer und die LDP erzielen im Herbst ausgezeichnete Wahlresultate, Cramer wird Erziehungsdirektor.

Cramer: kein Widerspruch

Inzwischen muss der pointierte Grossrat von damals die politisch heiklen Uni-Geschäfte und die diplomatisch schwierigen Verhandlungen mit dem Baselbiet führen. Zweieinhalb Jahre nach jenem Tweet war es am Donnerstag Erziehungsdirektor Cramer, der im Beisein seiner Regierungskollegen den Umzug der Juristischen und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät auf Baselbieter Boden als «historisch» präsentierte. Geändert hat sich an der Ausgangslage nur, dass Münchenstein und nicht wie ursprünglich angedacht Liestal zum Handkuss kam.

Die «Schweiz am Wochenende» wollte wissen, wie es zum Gesinnungswandel gekommen ist. Auf eine Anfrage antwortet Cramer ausweichend. Seine Aussagen hätten sich auf einen möglichen Standort in Liestal bezogen. «Der Standort Münchenstein-Dreispitz hingegen ist geeignet.»

Die Uni würde nicht auseinandergezerrt. «Die Politik hat nicht mit der Universität ‹gespielt›, sondern gemeinsam mit allen Beteiligten wurde ein Entscheid gefällt.» Als Regierungsrat könne er dazu stehen, «dass unter anderem mit diesem Entscheid die Grundlage für eine zukunftsträchtige Weiterentwicklung der Universität gelegt worden ist.» Einen klaren Widerspruch, das wird deutlich, kann Cramer zu seinen früheren Aussagen nicht erkennen.

Ausgerechnet sein Vorgänger und Parteikollege Christoph Eymann hat dazu eine andere Meinung: «Ich kann mich gut daran erinnern, dass Conradin Cramer damals noch eine andere Haltung als die Regierung eingenommen hat.» Diese habe ja einen Standort im Baselbiet zumindest ernsthaft prüfen wollen, worauf umgehend Cramers Kritik folgte. «Jetzt aber hat er eine andere Rolle als damals. Das muss man ihm zugestehen», zeigt sich Eymann im Nachhinein versöhnlich.