Mit seiner Herzlichkeit hat er die Basler Beizen erobert: Der elsässische Künstler René Noël spricht kein Deutsch, ist in Basel aber so gut vernetzt wie nur wenige Einheimische. Heute feiert er im «Manger & Boire» die Vernissage seines neusten Kunstwerks.

Im Restaurant mitten in der Innenstadt gehört der 71-Jährige zur Ausstattung. Seit 21 Jahren bemalt er die Wand frei nach seinem Gusto. Vor zwei Jahren sorgte er mit seinem Bild des toten Christus im Grab für Empörung. Noël malte es in Anlehnung an Holbein nach dem Tod des langjährigen Beizers Adrian Bühler, mit dem er eng befreundet war.

René Noël malt Holbeins toten Jesus an die Wand.

  

Mit seinem neusten Kunstwerk dürfte Noël weniger polarisieren. Sein Bild ist eine Hommage an Henri Rousseau: Auf der Wand ranken Blätter und rosa Blumen, wie sie in Rousseaus Gemälde «Le Rêve» zu finden sind. Auch sein Lieblingsmotiv, den Frosch, hat Noël in sein Wandbild eingebaut.

Bereits im September hat er mit der Arbeit begonnen; nun ist das Werk vollendet. «Es ist wohl das wichtigste Bild, das ich je gemalt habe», sagt er. Ob er es in einem Jahr wieder übermalen will, hat er noch nicht entschieden.

Der Künstler ist bescheiden. Lieber als über sein eigenes Schaffen redet er über andere Maler, die er bewundert. Rousseau ist einer von ihnen, aber bei weitem nicht der Einzige. Delacroix, Picasso, Courbet, Balthus, Arcimboldo: Spricht der Franzose einmal über seine Vorbilder, ist er kaum mehr zu bremsen.

Es ist die hiesige Museumslandschaft, die den Elsässer nach Basel gebracht hat. Er liebt und kennt sie alle; die aktuelle Füssli-Ausstellung im Kunstmuseum hat er seit der Eröffnung Ende Oktober bereits viermal besucht. Ist er nicht als Besucher im Museum, malt er selbst. Er zeichnet überall, auch im Tram. «Sehe ich ein interessantes Gesicht, dann entwerfe ich rasch eine Skizze.»

Ein Sprachkurs für die Liebe

Der Künstler ist in Basel zu Hause, obwohl er in Hegenheim wohnt. Zahlreiche Türen stehen ihm hier offen, allen voran jene der Beizen. Fast täglich geht er ins «Manger & Boire». Nicht nur die Gäste, auch der Beizer Ben Blarer schätzt seinen Stammkunden. «Ich mag den Schalk, mit dem René seine Geschichten erzählt.»

Für sein zweites Stammlokal, den «Schmalen Wurf», gestaltet Noël demnächst die Fasnachtslaterne. Er ist einer, der überall Freunde findet. Und einer, der das Leben geniesst: Auf den Espresso um zehn Uhr morgens folgt das erste Glas Rotwein um elf. Innerhalb eines Tages raucht er zwei Schachteln Zigaretten. «Das ist zu viel», sagt er. «Aber mit meinen 71 Jahren bin ich eben unverbesserlich.»

Noël ist glücklich. Das sagt er nicht nur, er strahlt es auch aus. Blicke er auf sein Leben zurück, bereue er nichts. Überkommt ihn doch einmal die Wehmut, dann wird er theatralisch, verwirft die Hände: «Die Zeit geht zu schnell vorbei!», klagt er mit rauchigem Lachen und hustet. Er schätzt, was er hat: ein Atelier auf dem Bruderholz und eine Wohnung im Elsass. Für viel mehr als für die Miete reicht seine Rente nicht.

Schlimm sei das nicht. Mehr als das Geld fehlt ihm eine Frau an seiner Seite. Verheiratet war Noël nie, auch Kinder hat er keine. «Es hat sich einfach nicht ergeben.» Die Hoffnung, eines Tages die grosse Liebe zu finden, hat er nicht aufgegeben, wie er mit verlegenem Grinsen erklärt. «Würde ich mich in eine schöne Baslerin verlieben, würde ich für sie in der Migros-Klubschule einen Deutschkurs belegen», so die Antwort, die er auch seinen Freunden gibt, wenn sie ihn für seine mangelnden Deutschkenntnisse aufziehen.

Auch ohne Frau: Einsam ist René Noël nie. Und eigentlich hat er auch sein Herz schon verschenkt. Die Kunst bleibt seine ständige Begleiterin. «Um zu zeichnen, muss man viel träumen», sagt er. Für den Bonvivant eine Selbstverständlichkeit.