Sein Leben hat sich von einem Moment auf den ¨nächsten verändert. Zum Guten. Bei einem Nein hätte Humberto «Beto» Revoredo die Schweiz verlassen müssen. Er wäre ausgeschafft worden nach Peru, in seine alte Heimat. Dort war er seit 16 Jahren nicht mehr.

Aber es hat ein Ja gegeben. Das Staatssekretariat für Migration hat Ende Dezember sein Härtefallgesuch und das von zwei weiteren Sans-Papiers aus dem Kanton Basel-Stadt gutgeheissen. Sie haben die Aufenthaltsbewilligung B erhalten und dürfen jetzt offiziell hier sein, nachdem sie alle während Jahren mitten unter uns gelebt und gearbeitet haben. Illegal. Im Versteckten.

Möglichst nicht auffallen. Möglichst in der Masse verschwinden. Das war über Jahre Betos Strategie. «Ich bin immer sehr schnell gegangen, habe nicht gross nach rechts und links geschaut», sagt er. Seit er nicht mehr Sans-Papiers ist, schenkt er seiner Umgebung mehr Aufmerksamkeit: «Mir ist aufgefallen, dass ich die Bäume anschaue, ihre Blätter sehe, wenn ich in der Stadt spaziere.»

Die Angst sitzt tief

Seit er eine Aufenthaltsbewilligung hat, muss sich Beto nicht mehr vor Polizeikontrollen fürchten, darf sich legal anstellen lassen, eine Wohnung auf seinen Namen mieten, einen Natelvertrag abschliessen. Endlich kann er das Leben führen, das all die Jahre zu riskant war.
Die Erleichterung muss riesig sein, die Freude, der Tatendrang.

«So einfach ist das alles nicht», sagt Beto. «Das geht nur langsam. Ein Leben als Sans-Papiers ist traumatisch.» Diese Vergangenheit, die ständige Angst und Anspannung von heute auf morgen abzulegen sei schwer.

Er fühle sich zwar sicherer, wenn er unterwegs sei und traue sich endlich auch ins Kleinbasel. Als Sans-Papiers war er dort praktisch nie. «Es hat viele Polizisten und Ausländer, die kontrolliert werden. Das Risiko war zu gross für mich.»

Beto ist 66 Jahre alt. In seinem Alter überlegen sich Menschen, wie sie ihr Leben als Rentner gestalten sollen oder haben sich sogar schon frühpensionieren lassen. Beto hingegen sagt: «Vielleicht wechsle ich die Stelle.»

Plötzlich scheint alles möglich

Er erzählt, dass er nicht so gerne putze und Gärtnern – sein zweiter Job – im Winter etwas schwierig sei. Viel lieber würde er als Koch oder Elektromechaniker arbeiten, möchte Kurse besuchen und sein Wissen auffrischen, den peruanischen Fahrausweis in der Schweiz anerkennen lassen. Lastwagen sei er in Peru nämlich auch gefahren. Seine Freude über die vielen neuen Perspektiven, die sich ihm auftun, ist ansteckend.

Er muss nicht mehr schwarz arbeiten, schliesst Arbeitsverträge ab und hat sich bei der AHV angemeldet, wo er mit 66 Jahren zum ersten Mal in seinem Leben Geld einzahlen wird. «Ich dachte, das alles wäre für mich nicht möglich. Schätzte meine Chancen für ein Ja auf etwa 60 Prozent», sagt Beto.

Er hat im Büro der Anlaufstelle für Sans-Papiers vom positiven Entscheid des Staatssekretariats für Migration erfahren. Die Erleichterung war riesig. Seit er zusammen mit anderen Sans-Papiers sein anonymes Dossier beim Kanton eingereicht hat, sind über zwei Jahre vergangen.

«Ich bin den Menschen von der Anlaufstelle für Sans-Papiers sehr dankbar für ihre Hilfe», sagt Beto. Als Erstes hat er seine drei Töchter in Peru angerufen. Er hat sie seit Jahren nicht mehr gesehen, die vier Enkel kennt er nur von Fotos. Ohne Papiere konnte er die Schweiz nicht verlassen. «Wann kommst du uns besuchen?», war ihre erste Frage. Sie vermissen ihren Vater.

Praxis soll Schule machen

Die Anlaufstelle für Sans-Papiers wird Beto weiterhin unterstützen, sollte er Hilfe brauchen. «Es ist nicht einfach vorbei, weil jetzt die Bewilligung da ist», sagt Fabrice Mangold von der Anlaufstelle. «Aber natürlich kann er jetzt auch Hilfsangebote in Anspruch nehmen, die für Sans-Papiers nicht zugänglich sind.»

Zusätzlich sucht die Anlaufstelle das Gespräch mit dem kantonalen Migrationsamt und dem zuständigen Justiz- und Sicherheitsdepartement.

Die Gutheissung der Fälle durch das Staatssekretariat für Migration sei ein Zeichen, dass die Härtefallpraxis im Kanton Basel-Stadt geändert werden muss: «Der Entscheid zeigt, dass auch Einzelpersonen ohne Gesundheitsprobleme Härtefälle sein können und man bei jedem einzelnen Fall die Gesamtumstände der Menschen anschauen muss», sagt Mangold.

Er hofft, dass dies auch der Kanton Basel-Stadt erkennt und die Praxis in Zukunft Schule macht.

Für das Foto hat sich Beto einen Platz am Rhein ausgesucht. Selbstsicher steht er neben die Helvetia-Statue. Vor ein paar Jahren wäre das unmöglich gewesen. Zu riskant.