Die Zukunft wird weiblicher, sagt die Trendforschung. Was bedeutet das?

Sibylle von Heydebrand: Das heisst, dass Frauen weltweit immer mehr Einkommen und Vermögen kontrollieren. Denn immer mehr Frauen beteiligen sich am wirtschaftlichen Prozess. In vielen Ländern machen Frauen bereits die Hälfte der Arbeitnehmenden aus; in der Schweiz sind es 45 Prozent. Der ökonomische Aufstieg der Frauen wird als grösste Revolution der letzten 50 Jahre bezeichnet. Die Frauen sind aktuell der grösste aufstrebende Markt, noch vor Indien und China.

Frauenfiguren kennt man allerdings vorwiegend aus der Politik – in der Wirtschaft haben Frauen in Top-Positionen Seltenheitswert.

In der Tat: Dort, wo der Franken rollt und die einträglichen Geschäfte blühen, mischen Frauen in Spitzenpositionen nur selten mit. Frauen sind noch vor allem in Bereichen wie Freiwilligenarbeit und Engagements für die Gesellschaft auf dem Vormarsch, etwa in der Pfadi, im Verein oder eben in der Politik.

Wo harzt es beim Aufstieg der Frauen in die Wirtschaftswelt?

Es beginnt bereits mit der Berufswahl: Mädchen setzen ihre schulischen Leistungen bei der Wahl ihrer Ausbildung wenig um. Sie wählen meist Berufe, die ihnen die Möglichkeit bieten, Berufs- und Familienarbeit zu vereinbaren. Knaben planen ihre Zukunft eher berufsorientiert; Karrieremöglichkeiten haben Priorität. Auch die Wahl des Schwerpunktfaches am Gymnasium ist bezeichnend. Die für die Karriere am meisten Erfolg versprechenden Fächer wie Physik, Mathematik oder Wirtschaft und Recht werden von Frauen unterdurchschnittlich häufig gewählt. Dieses Verhalten setzt sich bei der Studienwahl an der Universität fort.

Was bringen Frauen der Wirtschaft?

Gemischte Führungsteams erzielen besonders bei komplexen Problemen bessere Resultate als jene von Unternehmen, in denen die Frauen auf der Karriereleiter stehen bleiben. Das beweisen verschiedene Studien immer wieder. Die Förderung der Frauen lohnt sich also.

In welchen Bereichen fehlt es besonders an Frauen?

Vor allem in den Führungspositionen. Zurzeit machen Frauen im obersten Management etwa vier Prozent aus. Das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco stellte fest, dass sich die Situation seit zehn Jahren kaum verändert hat. Markant untervertreten sind Frauen in den Bereichen Technik, Naturwissenschaft und Forschung.

Welche Folgen hat diese Untervertretung?

In den nächsten Jahrzehnten werden am Schweizer Arbeitsmarkt weniger Männer verfügbar sein. Unser Lebensstandard und das Pro-Kopf-Einkommen können aber nur aufrechterhalten werden, wenn qualifizierte Frauen den Arbeitsmarkt verstärken. Für die Schweiz ist dies wichtig, weil sich in vielen anderen Ländern, beispielsweise im asiatischen Raum, viel tut in diesem Bereich. Wir riskieren, in Sachen Wettbewerbsfähigkeit schnell überholt zu werden.

Ist es auch ein Problem, dass Frauen weniger vernetzt sind als Männer?

Ja. Frauen pflegen ihre Netzwerke ungenügend, planen ihre Karriere zu wenig proaktiv und kommunizieren diesbezüglich zu wenig. Das heisst: Anders als Männer bringen sie sich nicht in Position, sondern warten ab, dass ihre Fähigkeiten erkannt und sie eingeladen werden, die Karriereleiter aufzusteigen. Leistung, Präsenz und Co. setzen sich aber nicht allein durch. Generell unternehmen Frauen zu wenig, um in der Gesellschaft sichtbarer zu sein. Netzwerke könnten hier Abhilfe schaffen.

Und aus diesem Grund organisieren Sie heute ein «Get together» von 19 Frauenorganisationen.

Genau. Es ist eine Plattform für Aufbau und Pflege der Netzwerke unter Frauen. Nicht nur im Beruf, auch in Wissenschaft, Politik, Bildung und in karitativen Organisationen bieten Frauen Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Fragen. Netzwerke helfen, die Position in der Gesellschaft gezielt zu verbessern und den Anliegen Gehör zu verschaffen.

Solche Anlässe gibts doch viele.

Nein. Speziell am Anlass «Neujahr 2012 Get Together» ist, dass sich erstmals in der Region Basel mehrere Frauennetzwerke an einem gemeinsamen Neujahrsanlass vernetzen. Diese Frauenorganisationen spiegeln die grosse Vielfalt der Bereiche wider, in denen sich Frauen engagieren.

Die 51-jährige Sibylle von Heydebrand ist Vizepräsidentin der Akademikerinnen Vereinigung Basel (AVB) und Initiantin des «Neujahr 2012 Get Together».