Als Staatsschreiberin Barbara Schüpbach-Guggenbühl am Sonntag im Kongresszentrum die Zwischenresultate der Wahlen verlas, leuchteten drei rote Balken auf. Diese hätten bedeutet, dass Grossrat Mustafa Atici für die Sozialdemokraten den dritten Nationalratssitz erobert hätte. 15 771 Stimmen konnte er auf sich vereinen, das ist deutlich weniger als die Bisherigen Silvia Schenker (20 779) und Beat Jans (23 149) aber auch einiges mehr als Kerstin Wenk (13 672) und Sarah Wyss (13 710).

Atici dürfte, wie auch Neo-Nationalrätin Sibel Arslan, von zahlreichen Stimmen aus der Bevölkerungsgruppe der Migranten profitiert haben. Zudem ist der Ökonom aufgrund seiner liberalen Positionen in der Wirtschaftspolitik auch für Stimmen aus der Mitte eine Option. Es ist ein solider dritter Platz. Das sieht auch Atici so: «Ich bin sehr zufrieden, auch wenn es gefühlsmässig ein intensiver Nachmittag war.»

Sein gutes Abschneiden weckt allerdings auch Begehrlichkeiten. «Natürlich rechne ich mir leise Chancen aus, in den Nationalrat einzuziehen», sagt der türkischstämmige Migrant, der in Basel KMU berät. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Dass Silvia Schenker bereits zum vierten Mal antrat, führte parteiintern zu Diskussionen. Für ihre erneute Kandidatur sowie auch aufgrund von Anita Fetz vierter Legislatur als Ständerätin musste die von der Partei selbst auferlegte Altersguillotine neu definiert werden.

Nicht erst seit gestern pfeifen es die Spatzen von den Dächern des Kongresszentrums: Es ist möglich, dass Schenker nicht die gesamte Legislatur als Nationalrätin amtieren wird, sondern innerhalb der nächsten vier Jahre zurücktritt. Damit würde sie Platz machen für einen Neuling, den wiederum bei den nächsten Wahlen den Bonus des Bisherigen begleiten würde. Aticis Resultat gibt diesen Spekulationen zusätzlichen Aufwind.

Erfahrung in Bern

Schenker denkt selbstverständlich einen Tag nach ihrem Erfolg nicht an einen möglichen Rücktritt. Als erfahrene Volksvertreterin sieht sie einer schwierigen Zeit entgegen: «Ich glaube, das wird meine schwierigste Legislatur», sagt sie. Die profilierte Sozialpolitikerin sieht insbesondere die Rentenreform als eines ihrer Steckenpferde durch den Rechtsrutsch im Parlament bedroht. «Gerade deshalb braucht es nun dezidiert linke Stimmen in Bern».

«Schwung nützen»

Und natürlich ist der Gedanke, Atici könnte dereinst Schenker ersetzen, zum jetzigen Zeitpunkt weit vorgegriffen. Bevor die Parteistrategen sich mit den Manövern auf dem nationalen Schachbrett beschäftigen, stehen zuerst die Grossrats- und Regierungsratswahlen an.

Dies sind auch die dominierenden Themen für Parteipräsidentin Brigitte Hollinger: «Nach der Freude über das tolle Resultat gilt es nun, diesen Schwung für die Zukunft zu nützen.» Die SP verstehe den Wahlerfolg als Auftrag, sich für eine konstruktive Politik einzusetzen. «Wir beginnen jetzt damit, die Wahlen für den Grossen Rat im nächsten Jahr aufzugleisen», sagt Hollinger.

Bezüglich der Hoffnungen von Atici gibt sie sich gewohnt diplomatisch: «Wir können davon profitieren, dass wir sehr gutes Personal aufstellen können.» Hollinger sagt aber auch: «Personalförderung betreibt jeder, wenn er klug ist.»