Das Schweizer Architekturmuseum ist in einer kritischen Situation. Ab 2019 erhält es keine Beiträge vom Bundesamt für Kultur mehr. Das laufende Jahr gilt als Übergangsfrist. Anstatt 300'000 Franken gibt es nur noch 210'000 aus Bern. Der Beitrag des Bundes hat bisher rund einen Viertel des Budgets ausgemacht. Eine grosszügige Spende von privater Hand hilft, die gröbsten Löcher zu stopfen. Diese Reserve reicht beim heutigen Finanzierungsstand jedoch nur vier Jahre. Dann wäre Schluss.

Verschiedene Massnahmen sollen nun den Weg ebnen, damit das einzige Architekturmuseum der Schweiz bestehen bleibt. Mit Michèle Thüring wurde die Museumsleitung verstärkt. Die Kulturmanagerin, die vom Bernischen Historischen Museum und vom Berner Kunstmuseum kommt, ist neu Geschäftsleitungsmitglied. Mit welchen Mitteln das Museum die Krise überwinden will, sagt Direktor Andreas Ruby. Der Kunsthistoriker leitet das Museum seit eineinhalb Jahren. Zuvor hat er als Architekturjournalist, Verlagsgründer und Kurator gearbeitet. Die von ihm konzipierte Ausstellung zur aktuellen helvetischen Architekturszene mit dem Titel «Schweizweit» fand international Beachtung und tourt durch verschiedene Länder.

Herr Ruby, warum braucht die Schweiz ein Architekturmuseum?

Andreas Ruby: Weil dieses Land eine der besten Architekturszenen der Welt hat. Diese ist nicht von selbst entstanden. Es handelt sich um eine Kultur, die wir pflegen müssen. Gute Baukultur herzustellen, ist immer ein kulturelles Engagement. Diese Qualität muss durch Institutionen wie das Architekturmuseum gefördert werden. Sie entsteht nicht von allein.

Das Museum gibt es seit 30 Jahren. Nun kam die Klatsche vom Bundesamt, das sämtliche Förderung streicht. Wurde etwas falsch gemacht?

Das kann ich schwer beurteilen. Wir sind jedenfalls daran, die Notwendigkeit des Museums verstärkt zu kommunizieren. Das heisst, sowohl im Milieu der Wirtschaft wie auch in demjenigen der Politik zu erklären, warum dieses Haus wichtig ist. Ich seh uns da auf dem richtigen Weg.

Durch eine Spende haben Sie eine Galgenfrist erhalten. Sie müssen in Zukunft vor allem auf die Förderung vor Ort setzen. Warum sollte sich Basel verstärkt für das Museum engagieren?

Das Schweizerische Architekturmuseum ist für Basel zentral wichtig, wenn die Stadt ihre Reputation als wichtigste Architekturstadt der Schweiz weiterpflegen und -entwickeln will. Ein solches Museum ist ein Kristallisationspunkt für alle Leute, die sich für Architektur interessieren. Und es kommen ja Viele nach Basel, um sich die hiesige Architektur anzuschauen. Im Museum können sie das vertieft tun. Und unsere Angebote ausserhalb der Museumsmauern, helfen, die Architekturstadt Basel zu entdecken und zu begreifen.

Wie machen Sie das?

Wir sind dabei, Stadt- und Fahrradführungen zu unterschiedlichen Themen zu entwickeln. Und wir sorgen für Diskussionen über Architektur in der Stadt. Wir schaffen Plattformen, die anderswo Architekturforen gewährleisten. Dieser immens wichtige Diskurs über die architektonische Entwicklung der Stadt würde ohne das Museum wegfallen.

Mit welchen finanziellen Strategien versuchen Sie, das Museum zu retten?

Ich versuche, mit so vielen unterschiedlichen Menschen wie möglich zu kommunizieren. Wir versuchen, ein Publikum anzusprechen, das aus ganz verschiedenen, heterogenen Schichten besteht. Wir wollen eine Form der Kommunikation entwickeln, die es für eine Rentnergruppe ebenso interessant macht, uns zu besuchen, wie die Schülergruppe.

Aber werden Sie nicht vor allem als Museum für ein Fachpublikum wahrgenommen?

Das ist sicher eine Schwierigkeit. Und genau diese möchte ich überwinden. Ich möchte gerne zeigen, dass Architektur viel zu wichtig für die gesamte Bevölkerung ist, als dass wir sie auf ein Fachpublikum beschränken sollten.

Wie machen Sie das?

Wenn mir Besucher sagen, dass sie die Ausstellung interessant finden, obwohl sie sich nicht intensiv mit Architektur beschäftigen, dann bestätigt das unsere Arbeit. Da ich selbst nicht aus der Architektur komme, sondern im Grunde auch ein passionierter Laie bin, fällt es mir vielleicht leichter, meine Begeisterung zu vermitteln. Es geht immer darum, den Besuchern das Gefühl zu nehmen, dass sie viel Vorwissen brauchen. Wir laden sie in ein schwellenloses Universum ein, in welchem sie merken, dass vieles im Grunde ihren Alltag betrifft.

Aber das breite Publikum beschäftigt sich ja wenig mit beispielsweise Städtebau?

Da muss ich Ihnen widersprechen. Gerade in der Schweiz wird ja immer wieder über solche Themen abgestimmt. Die Leute, gerade hier in Basel, merken doch, dass so viel gebaut wird. Sie wollen wissen, was da genau passiert und wie sich die Stadt verändert. Deshalb greifen wir solche Themen auf, beispielsweise in der Ausstellung «Dichtelust».

Die Ausstellung kommt im Herbst. Was wird sie vermitteln?

Wir nehmen die Vorurteile über Dichtestress ernst, versuchen sie aber zu widerlegen. Es geht ja nicht nur um grosse und hohe Gebäude, sondern vielmehr um die kluge Ausnutzung des vorhandenen Platzes. Es geht darum, zu fragen, wie viel Platz steht pro Person zur Verfügung?Welche Funktionen soll ein Quartier erfüllen, in dem ich lebe? Habe ich im Radius von fünf Minuten alles, was ich brauche? Ist es nicht klüger, zu versuchen, Menschen in der Stadt anzusiedeln, anstatt sie zu Pendlern zu machen?

Können die Bürger da überhaupt mitreden? Das Meiste wird doch von den Investoren bestimmt.

Eben nicht. Die Politik hat da immer ein Wort mitzureden. Sie kann und muss sinnvolle Weichen stellen. Dafür müssen wir aber die Diskussion in die Bevölkerung tragen. Damit die Menschen beurteilen können, ob das, was passiert, überhaupt in ihrem Interesse ist.

Fehlt da etwas in der Schweiz?

Ich glaube schon. Es fehlt eine Diskussion über den Städtebau, welche die Bedürfnisse der Bevölkerung gegenüber der Wirtschaft prononciert vertritt. Es kann nicht sein, dass der Markt alles regelt und nur das Kriterium der Profitabilität bestimmt, wie Städte letztendlich aussehen.

Geben Sie ein Beispiel.

Nehmen wir das Hochhaus. Ich persönlich bin für Hochhäuser. Nur müssen sie so gestaltet sein, dass nicht nur der Bauherr davon profitiert, sondern auch die Stadt. Deshalb müssten Hochhäuser im Haus selbst öffentlich zugänglichen, unkommerzialisierten Platz anbieten. Beispielsweise im 14. Stock, von wo aus die ganze Stadt zu sehen ist.