«Ulrich Rasches eigenwillig strenges und über Jahre verfeinertes Chortheater ist das Kunstwerk der Stunde.» So formulierte die Jury des Berliner Theatertreffens 2017 die Begründung zur Einladung seiner «Räuber». In einer Epoche, in der sich Demokratiefeinde auf Marktplätzen wie auf Social-Media-Plattformen gegen die offene Gesellschaft formierten, treffe der Regisseur den Nerv der Zeit.

Dumm nur, dass die, so «Der Spiegel», «archaische, ans Theater der alten Griechen anknüpfende Jahrmarktsensation» in Berlin gar nicht gezeigt werden konnte. Der Aufbau der spektakulären Bühnenmaschinerie hätte den Spielplan der Volksbühne am Rosa Luxenburg Platz eine Woche lahmgelegt.

Nun kommt jedoch das Basler Publikum in den Genuss einer Uraufführung des 48-jährigen Deutschen. Am Freitag eröffnet Rasche mit Georg Büchners «Woyzeck» die Saison am Schauspielhaus. Und so viel vorneweg: Auch in Basel wird sich das Ensemble an einer sich drehenden, komplex konstruierten Maschine abkämpfen, für die Rasche bekannt geworden ist. Entworfen hat sie der Regisseur selbst, wie schon für seine Inszenierungen von «Das Erdbeben von Chili» am Konzerttheater Bern, «Dantons Tod» am Schauspiel Frankfurt und eben den «Räubern» am Residenztheater München.

Im Mahlwerk der Geschichte

Wie aber kam der Mann zur Maschine? Eine Junggesellenmaschine im Sinne Marcel Duchamps sei es nicht, sagt er während einer Probepause am Schauspielhaus Basel. Die erste Bühnenmaschine, auf der sich Schauspielerinnen und Schauspielern abstrampelten, hat er 2012 für «Michael Kohlhaas» an den Kammerspielen Bonn entworfen.

«Kohlhaas war eine Initialzündung», so Rasche. Für diese Inszenierung erfand er die erste Maschine, die es ihm erlaubt habe, repetitive Vorgänge zu zeigen, wo etwas voranschreite und trotzdem im Zustand bleibe. «Ich hab mir überlegt, dass Kohlhaas in einem grossen Getriebe gefangen ist, in einem Mahlwerk, gegen das er angehen muss.»

Über Büchners «Dantons Tod» und Schillers «Räuber» festigte sich seine Auffassung der Maschine als Sinnbild für die Geschichte, die vom Menschen letztlich nicht beherrschbar sei. Auf seinen Laufbändern oder sich drehenden Zylindern mühen sich die Menschen ab. Sie begehren auf gegen den Lauf der Welt, obwohl diese sich um ihren Aufschrei nicht schert. Sisyphos sei für ihn ein wichtiges Stichwort. Albert Camus hat seinen revoltierenden Menschen ja als glücklichen Menschen gesehen. Jenen Mann, der dazu verdammt wurde, einen Stein immer wieder einen Berg hoch zu rollen, im Wissen darum, dass er, kaum oben angekommen, wieder runterrollen wird.

«Die Maschine ist für mich eine Übersetzung dieser Kräfte, denen der Mensch ausgeliefert ist», sagt Rasche. Er inszeniert den Menschen in diesem Räderwerk, formt seine Ensembles zu Chören, die Texte in wiederkehrenden Schlaufen repetieren. Dies alles zum Takt und Wummern live eingespielter Musik. Die Bühne wird zur Installation, das klassische Schauspielerstück zum chorischen Musiktheater. Wie fand der 48-Jährige zu dieser düsteren, wuchtigen Formensprache?

Pina Bausch und Robert Wilson

Er habe bereits früh gewusst, dass er Theatermachen wolle. Angefixt haben ihn die Inszenierungen am berühmten Bochumer Schauspielhaus und jene von Pina Bausch im nahe gelegenen Wuppertal. «Starke Einflüsse kamen vom Tanztheater», sagt er, «von William Forsythe und der Brüsseler Schule.» Studiert hat er dann aber nicht Regie oder Schauspiel, sondern Kunst und angewandte Literatur. Die zweijährige Assistenz an der Berliner Schaubühne sei seine grosse Schule in Sachen Schauspieler, Sprache, Individuum und Text-Exegese gewesen. Der Einsatz von Chören wurde von Einar Schleef inspiriert. Theater konsequent als Gesamtkunstwerk zu denken, dafür erhielt er wichtige Impulse während seiner Zeit bei Bob Wilson in New York. Seine ersten Chorprojekte realisierte er gemeinsam mit der italienischen Künstlerin Monica Bonvicini zu Beginn der Nullerjahre in Berlin, damals noch als freier Produzent.

Die Partitur seiner Stücke entwickelt Rasche gemeinsam mit Komponisten, für Basels «Woyzeck» mit Monika Roscher. «Wir entwerfen gemeinsam eine Dramaturgie, bestimmen Spannungsverläufe und die Dynamik des Stücks», so Rasche. Daraus resultiere jeweils ein zusammengeheftetes, meterlanges Band aus A4-Blättern, auf dem in Feinarbeit der Charakter der einzelnen Szenen bestimmt werde. Damit gehe es dann an die Proben.

Nicht zu bändigen

Und was interessiert Rasche speziell an «Woyzeck»? «Er ist ein aussergewöhnlich sensibler, unglaublich liebesfähiger Mensch. Mich interessiert nicht, ihn als jemanden zu zeigen, in dem der Wahnsinn von Beginn weg angelegt ist», erklärt der Künstler. Einerseits werde Woyzeck zu einem Opfer der Gesellschaft, die ihn zum Tier, zum Versuchsobjekt degradiere. Andererseits scheitere er an der Natur schlechthin.

«Dass ist für mich die grösste Tragik, dass er und seine Frau nicht zusammenleben können. Dass es eine Kraft gibt, die auf die Möglichkeit einer lebenslangen Liebe zerstörerisch wirkt.»
Für diese unkontrollierbaren Kräfte, von denen wir glauben, sie zivilisiert und gebändigt zu haben, steht die Maschine. Rasche bleibt ihr treu. In Dresden wird er dieses Jahr Ágota Kristófs «Grosses Heft», in Frankfurt «Die Perser» von Aischylos inszenieren.

Er könne sich gar nicht vorstellen, ein konventionelles Bühnenbild zu entwerfen. Ihn interessiere die Kontinuität, die Repetition. Das habe er von den amerikanischen Minimalkünstlern gelernt: Durch Reduktion und Variation derselben Mittel der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen. «Ich werde nicht zu jenen gehören, die sich dauernd neu erfinden.»

«Woyzeck»: Premiere am Freitag, 15. September. Theater Basel.

Weitere Informationen unter: www.theaterbasel.ch