Tote in Binningen und in Basel. Eine Bombe detonierte am Binninger Höhenweg, wo sie eine Grossmutter samt Tochter und Enkelin in den Tod riss. Eine weitere Frau wurde auf dem Basler Winkelriedplatz Opfer des Bombardements der Royal Air Force. Eigentlich hätten die Briten Mannheim angreifen sollen. Eine folgenschwere Verwechslung. Am 17. Dezember jähren sich diese Ereignisse zum 75. Mal.

Patrick Schlenker erzählt von dieser schauerlichen Episode aus dem 2. Weltkrieg, als hätte die «Tagesschau» gestern erst darüber berichtet. Schlenker kramt Schwarz-Weiss-Fotografien hervor, die ein getroffenes Haus zeigen. «Das Haus nebenan steht noch heute», wirft er ein. Auch einen stählernen Bombensplitter vom Winkelriedplatz nennt Schlenker sein eigen. Ein Geschenk.

Dialog mit dem «Museum»

Patrick Schlenker ist Teil einer achtköpfigen Interessengemeinschaft, die unter dem Namen «The Royal Air Force over Switzerland 1940–45» seit elf Jahren eine Art wanderndes Museum betreibt. «Eines, das mit allen Sinnen erlebt werden kann», sagt er. Wer möchte, darf schon mal in die 18 Kilogramm schwere Flakweste schlüpfen. Ein Utensil, das die Interessengemeinschaft mit sich führt, wenn sie ihre originalen Zelte an Airshows aufschlägt.

Beinahe alles, was mitgeführt wird, ist ein Original. Die Uniform, das Grammophon und die Schreibmaschine. Das Publikum der Airshows interessiere sich eher für die allgemeinen, die zivilen Aspekte der Royal Air Force, während an militärhistorischen Veranstaltungen der militärische Zweck im Vordergrund stehe.

Geschichte der Randnotizen

Mit Patrick Schlenker und seinen Kollegen kommt man ins Gespräch. Debattiert über historische Ereignisse. Der 42-Jährige ist seit Teenager-Tagen hinter den Geschichten der Geschichte her. Kein Buch ist vor ihm sicher. Auch nicht ein Haushaltsbuch von 1918. Daraus lernt er gerade, wie sich ein Hemdkragen am besten stärken lässt. Fachgerecht wird er schliesslich durch die Mangel gedreht.

«The Royal Air Force over Switzerland» ist eine andere, ungewohnte Auseinandersetzung mit der Historie. Im Zentrum stehen jene Briten, die während des 2. Weltkriegs in der Schweiz abstürzten oder notlanden mussten. Am 1. August 1944 befanden sich 3558 englische Soldaten in Schweizer Hand. «In Adelboden wurden die Gefangenen auf Ehrenwort in Hotels interniert, nicht eingeschlossen», erzählt Schlenker, «nie zuvor und danach soll der Whisky-Absatz besser gewesen sein.»

Es sind nicht nur die Schlachten, die Eroberungen und Krönungen dieser Welt, welche einen die Vergangenheit verstehen lassen. Viele Randnotizen tragen gebündelt genauso zu einem plastischen Bild bei. «Es lohnt sich, nicht nur die Bücher der Sieger zu lesen, um zu verstehen», sagt Patrick Schlenker, «Geschichte muss man von einem neutralen Standpunkt aus betrachten.» Viel hat er zusammengetragen, das den Alltag dokumentiert. Eine Frauenzeitschrift offenbart, was die Damen in diesen düsteren Zeiten bewegte. So etwa eine Ausgabe der Zeitschrift «Picture Post», von deren Titelblatt Winston Churchills Tochter Diana lächelt.

Liebesbriefe und Benimmkurse

Berührend: Ein richtig dicker Stapel Liebesbriefe, die Pilot Keith Dann mit seiner Frau, einer Krankenschwester, austauschte. «Manchmal sind mehrere Seiten nur mit Herzen gefüllt», erzählt Schlenker über die in Indien stationierten Liebenden. Aber auch die Angst, sich nicht mehr wiederzusehen, klebt an den Zeitdokumenten. Gefunden hat Patrick Schlenker diesen Schatz – so ganz nebenbei – auf Ebay. Darüber, wie viel er sich solche Trouvaillen kosten lässt, breitet er den Mantel des Schweigens.

Vieles finde sich auf riesigen Militariabörsen, die er früher in England und Belgien oft besucht habe. «Auf einer Fläche von mehreren Fussballfeldern, mit einem Spektrum von der Napoleonik bis zur Moderne, sind Originale, aber auch viele Reproduktionen erhältlich.» Zu Hause ist Schlenker in vielen Epochen. Das Abenteuer Royal Air Force begann für den dreifachen Vater mit der Uniform von Corporal William Walton. Sie passt ihm wie angegossen. Natürlich besitzt Schlenker ein Foto von Walton.

Auch eines von Sabine Dahinden. Die Moderatorin des Schweizer Fernsehens ist in einem Kleid von 1914 zu sehen, die Widmung datiert von 2014. Patrick Schlenker ist in der Szene zu einem Tipp geworden. Er wird gebucht, um historische Benimmkurse zu geben, Drehbuchautoren und Schauspieler zu beraten oder die Korrektheit militärischer Befehle zu überwachen. Dahinden traf er während der Dreharbeiten zu «Anno 1914: Das Leben vor 100 Jahren» von SRF.

Früher sei er an bis zu 30 Veranstaltungen jährlich präsent gewesen, manchmal zwei Wochenenden hintereinander in den Niederlanden. Heute nimmt es der Autodidakt etwas ruhiger. Auch der Familie wegen. Aber irgendwie braucht er das tägliche Bad in der Geschichte dann doch. Aus dem gelernten Architekturmodellbauer ist inzwischen ein Kostümverleiher geworden. Seine Kleiderständer reihen Epoche an Epoche. Jeden Tag aufs Neue.

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