Der Stellenabbau bei Novartis trifft die Region hart. 1000 Jobs auf dem Campus Basel werden gestrichen, dazu 350 in Schweizerhalle, 700 in Stein. Von etwas mehr als 12'000 Mitarbeitern, welche in der Region arbeiten, werden über 15 Prozent eingespart. Das ist ein herber Schlag: Für die Arbeitnehmer einer nach wie vor boomenden Branche, aber auch für die Standortkantone, allen voran Basel-Stadt, wo sich die Wiege der chemisch-pharmazeutischen Industrie befindet. Laut dem Basler SP-Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin würden die kantonalen Behörden den Betroffenen «im Rahmen ihrer Möglichkeiten zur Seite stehen und sie unterstützen.»

Die sogenannten Life Sciences, worunter unter anderem die Pharma-Industrie gezählt wird, ist in der Region Basel einer der wichtigsten wirtschaftlichen Anker. Die Branche bringt Arbeitsplätze nach Stadt und Land und das lukrative Geschäft wirft den Kantonen Jahr für Jahr einen hohen Steuerbetrag ab. Rund 33'000 Arbeitsplätze zählt die Standortinitiative «Life Science Cluster Basel» unter der Federführung der Handelskammer beider Basel (HKBB) allein in diesem Bereich. Damit ist die Region weltweit auf dem dritten Rang, was Arbeitsplätze in diesem Industriezweig anbelangt.

Die Ballung wird sogar gesucht

Über 700 Unternehmen im Life Sciene-Bereich sind in der Region tätig. Darunter Grössen wie Novartis und Roche, aber auch etliche andere börsenkotierte Firmen, sowie KMU und Start-Ups. Fast zwei Drittel der Arbeitsplätze sind im Bereich Biotechnik und Pharma, ein Viertel in der Medizintechnik tätig. Die Produktivität im Life-Science-Bereich im Raum Basel ist denn auch sehr hoch. Im weltweiten Vergleich liegt Basel klar auf dem ersten Platz. Im Zeitraum von 2013 bis 2016 lag diese deutlich höher als in vergleichbaren Life-Science-Regionen auf der Welt.

Novartis-CEO: „Wir werden agiler und effizienter“

Novartis-CEO: „Wir werden agiler und effizienter“

Novartis will in der Schweiz rund 2150 Stellen innerhalb von vier Jahren abbauen. Dieser Schritt sei Teil eines Programms, um Novartis effizienter und agiler zu machen, sagt Novartis-CEO Vasant Narasimhan im Interview.

Was erst einmal gut klingt, birgt einige Risiken. In der Region wird gegen einen Viertel der Wertschöpfung im Bereich Life Science gemacht. Entsprechend hoch ist die Abhängigkeit in der Region von dieser Industrie. Und diese Ballung will man noch stärken. So stellte die Handelskammer beider Basel erst kürzlich ein Online-Tool vor, mit dem die Dimension der Industrie überblickt werden kann. Dies auch mit dem Ziel, dass sich die Firmen untereinander vernetzen können und neue Unternehmen angelockt werden.

Am Tropf der Multinationalen

Der Hintergrund des Abbaus bei Novartis ist einerseits eine neue Strategie. Künftig werden personalisierte Medikamente im Vordergrund stehen, und weniger Medikamente, welche in grossen Volumen hergestellt werden. Das führt dazu, dass es in der Produktion weniger Angestellte gibt. Zudem will Novartis effizienter werden. Das Ziel: Die Marge soll steigen. Gestern sprach Novartis-Chef Vas Narasimhan davon, dass diese um 5 Prozentpunkte von 30 Prozent auf 35 steigen soll. Aus diesem Grund verlegt Novartis 1000 interne Dienstleistungsstellen von Basel in Service-Centren auf der ganzen Welt.

Effizienzsteigerung, dazu kostensparende Verlagerungen: Geht Novartis auch davon aus, dadurch Steuern sparen zu können? Das Unternehmen stapelt tief: Auch wenn vorübergehend Restrukturierungskosten anfallen würden, läge der Steuerbetrag an die entsprechenden Standortkantone innerhalb der bisher gesehenen üblichen Schwankungen und sei auch im Ausblick stabil. Die Basler SP-Finanzdirektorin Eva Herzog nimmt den Bescheid aus dem Campus erst einmal «zur Kenntnis». Die Steuerverwaltung könne dies erst beurteilen, wenn die zu veranlagenden Jahre auch effektiv vorlägen.

Die Komplikation mit der Steuervorlage 17

Die Massenentlassungen bei Novartis liegen zudem mitten in der Debatte um die Steuervorlage 17 (SV 17), die Nachfolgerin der gescheiterten Unternehmenssteuerreform III. Dabei geht es um die Besteuerung von Unternehmen im Einklang mit internationalen Vorgaben. Besonders auf Grosskonzerne wurde bei der Ausarbeitung geachtet. So sehr, dass den Regierungen bereits vorgeworfen wurde, die Pharmabranche besonders zu hofieren. Und ausgerechnet jetzt, wenn die Parlamente über die kantonale Umsetzung der SV 17 abstimmen, streicht Novartis über 2000 Jobs.

Herzog ruft daher zur politischen Vernunft auf: «Ich glaube nicht, dass wir etwas davon haben, wenn wir nun aus Wut oder Frust Nein stimmen. Bei der SV 17 geht es ja nicht darum, Novartis einen Gefallen zu tun, sondern darum, die steuerlichen Bedingungen etwa gleich zu halten wie heute.» Dabei gehe es genau darum, die Hauptsitze internationaler Konzerne und möglichst viele Arbeitsplätze in der Region zu behalten. Herzog: «Daran haben wir, die Bevölkerung von Basel-Stadt ein Interesse. Damit jede Umstrukturierung verhindern zu können, ist leider eine Illusion.»

Kein Weg führt an Pharma vorbei

Dieses Interesse ist aus Sicht der Regierung praktisch absolut. So sagt der Basler Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin: «Der Regierungsrat betrachtet die grosse Bedeutung der Life Sciences-Industrie auch als klare Chance, weil sie – über einen längeren Zeithorizont betrachtet – deutlich unabhängiger vom Konjunkturverlauf ist, als andere Branchen.» Der am Dienstag mitgeteilte Stellenabbau bei der Novartis sei allerdings ein Rückschlag, «und es nützt den Betroffenen wenig, wenn darauf hingewiesen wird, dass auch die Novartis in den letzten Jahren zahlreiche neue Stellen geschaffen hat.» Mit dem massiven Stellenabbau entspräche der Stellenetat von Novartis in etwa wieder dem von 2008.

«Im Kanton Basel-Stadt wurden in den letzten zehn Jahren 20 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Die verschiedenen Branchen entwickelten sich gut, auch die Life Sciences-Branche erwies und erweist sich als sehr robust in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung», ergänzt Brutschin. Auch deshalb setzt der Kanton weiterhin auf dieses Zugpferd. Brutschin fügt zwar an, dass der Kanton für die gesamte Wirtschaft attraktive Rahmenbedingungen bietet und das Engagement der Wirtschaftsförderung weit über die Life Sciences hinausgeht. Letztlich bleibt es aber dabei: Der grösste Treiber sind die Life Sciences.

Schon eine Stelle weniger ist bedauernswert

Das bestätigt auch Martin Dätwyler, Direktor der Handelskammer beider Basel: Die Region sei stark von der Pharma-Branche geprägt. Nun gehe es um Diversifikation. Helfen soll dabei die zweite Leitbranche der Region: die Logistik. Seit zehn Jahren läuft seitens HKBB eine Cluster-Initiative, analog der Life Sciences. Die Branche bietet heute rund 20 000 Arbeitsplätze in der Region. Doch die beiden sind verzahnt, viele Dienstleistungen der Pharma bereits in Logistikfirmen ausgelagert.

«Schon der Abbau einer einzelnen Stelle ist bedauernswert», sagt Dätwyler. Ein derart massiver Abbau wie jetzt bei der Novartis in der wertschöpfungsintensiven Pharma-Branche sei entsprechend ein Einschnitt in die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts. Die Life Sciences seien ein wichtiger Faktor für den Wohlstand der gesamten Region. Der Novartis-Abbau zeige allerdings auch, wie sehr der Werkplatz Basel einer Veränderung unterliegt. Effizienzsteigerung und Investitionen in die Digitalisierung seien unverzichtbar, um wettbewerbsfähig zu bleiben, ebenso eine gute Aus- und Weiterbildung, so Dätwyler: «Staat und Unternehmen sind da gleichermassen gefordert.»

So ist die enge Verbandelung von Basel mit der grossen Pharma-Industrie nicht nur eine vererbte. Sie wird gepflegt und gefördert, wo es nur geht. Und deshalb wird sie Basel und die Arbeitnehmer bei jeder anstehenden Struktur-Änderung aufs Tiefste durchschütteln.