«Kaum hatte ich die Angel ausgeworfen, gingen die Fische an den Köder», sagt Benedict Bühler. Was wie der Traum jeden Fischers klingt, ist das Resultat einer massiven Invasion einer neuen Fischart im Rhein. Bühler verbringt einen Abend am Rhein beim Birsfelder Hafen. Immer wieder wirft er das Grundblei mit dem Köder aus. Doch das Blei sinkt kaum bis zum Grund, da haben die Fische den Wurm oder die Bienenmade bereits abgefressen. «Ungefähr 15 Mal habe ich es so versucht, auch immer wieder mit unterschiedlich grossen Haken», erzählt Bühler. Am Anfang habe er sich gefreut, er dachte, dass die Eglis heute besonders gut beissen würden. Bis er einen der Fische am Haken hatte: Ein gedrungener Körper mit grossen Brustflossen, ein grosser Mund und eine schmale Schwanzflosse – an der Rute zappelte eine Schwarzmeergrundel.

Diese stammt aus dem Schwarzen Meer und hat sich mithilfe der Schifffahrt über die Donau in den hiesigen Gewässern breitgemacht. Innert kurzer Zeit hat sie ganze Flussabschnitte belagert. Die invasiven Grundeln stellen eine Gefahr für die Fischbestände dar, da sie sich unter anderem vom Laich anderer Fische ernähren. Zwar machen Zandern gerne Jagd auf sie, doch kann der Raubfisch deren Bestand nicht ernsthaft eindämmen.

Fischer verlassen Hotspots

Basler Fischer meiden nun zunehmend den Rhein. Am Birsfelder Hafen, früher ein Hotspot für Egli, Zander und Wels, findet man heute kaum mehr Angler. Reto Leutwiler ist Vizepräsident des Fischervereins Basel-Stadt. Er sagt: «Bei uns weichen die meisten auf Birs oder Wiese aus, manche verlassen die Region ganz, um ihrem Hobby nachzugehen. Ich wüsste niemanden mehr im Verein, der noch hier fischt.» Dies habe sich in den letzten Jahren so entwickelt; grosse Schuld daran trägt die invasive Grundel.

Beim Amt für Umwelt und Energie (AUE) hat man die Gefahr schon lange erkannt. An der Uni Basel beschäftigt sich eine eigene Task-Force mit dem Neozoon. «Uns ist das Phänomen seit 2012 bekannt», bestätigt Forscher Philipp Hirsch. Inzwischen habe sich die Population aber extrem ausgebreitet: «An manchen Stellen gibt es Vorkommen von bis zu 12 Individuen pro Quadratmeter.» Das sind Zahlen, die belegen: Es ist unrealistisch, dass der Rhein je wieder von den gefrässigen Invasoren befreit werden wird. Eine Chance zur Rettung bietet der Zander. «Es ist ein Fall aus Norddeutschland bekannt, wo Zander die Grundeln spürbar dezimieren konnten», sagt Hirsch. In den USA war es die Trüsche, die den Grundeln Paroli bieten konnte. Beides käme den Fischern wohl zupass, sind diese doch exzellente Speisefische. Dennoch könnte auch das Gegenteil eintreten. «Gerade für junge Zander ist die Grundel ein Nahrungskonkurrent», so Hirsch weiter.

Basel als Einfalltor der Schweiz

Bislang lässt sich nicht abschätzen, in welche Richtung sich die Natur in Basel entwickeln wird. Die Task-Force beschäftigt sich weniger mit Prognosen für die Fischgründe in der Umgebung, denn mit dem Verhindern einer weiteren Ausdehnung. «Grundeln sind relativ schlechte Schwimmer, sie verbreiten sich deshalb über grosse Distanzen vorzugsweise durch Boote und Schiffe», sagt Hirsch. Es sei kaum denkbar, dass die Grundeln natürliche Barrieren wie den Rheinsprung überwinden können. Dennoch sind Binnengewässer und Flüsse im Landesinnern in Gefahr. «Basel hat die Funktion eines Einfallstors in der Schweiz. Sportboote können als Träger von Laich fungieren, wenn sie nicht richtig gereinigt werden. Grundel-Eier können über 24 Stunden ohne Wasser überleben und haften sehr gut an einem Schiffsrumpf. Nun steht im Fokus, die Sportboot-Besitzer zu informieren, sonst drohen dem Vierwaldstättersee und kleineren Flüssen die gleichen Probleme wie dem Rhein.