Ein Senkrechtstarter war Guy Morin nie. Wenn er etwas Neues anpackte, was oft der Fall war, brauchte er eine Weile. Als erster Basler Regierungspräsident wurde der Grüne belächelt, weil er etwas lispelte und sich nicht gerade als glanzvoller Redner hervortat. Und weil er sich an wichtigen Anlässen kleidete wie ein Rentner auf dem Sonntagsauflug statt wie der Repräsentant einer Stadt, die sich von der Bedeutung her viel näher an London oder Paris wähnt denn an Liestal.

Heute ist Guy Morin 61 Jahre alt und hat vor einem Jahr einen weiteren Neuanfang gewagt. Der studierte Mediziner ist nach zwölf Jahren Regierungstätigkeit in seinen angestammten Beruf zurückgekehrt. An der Grenzacherstrasse führt er gemeinsam mit Jugend- und Studentenfreunden eine Praxis für Allgemeinmedizin. Auch hier wieder wird er von Anfangsschwierigkeiten begleitet. In seinem Spitalpraktikum, das er nach zwölf Jahren Abwesenheit vom Medizinerberuf absolvierte, soll er nicht gerade geglänzt haben, so berichten Arbeitskollegen. Und auch seine Praxis läuft nicht wie geschmiert. «Ich könnte schon noch etwas mehr zu tun haben», sagt Morin. Derzeit ist er nur zu 60 Prozent ausgelastet, plus das Amt als Verwaltungsrat des Felix-Platter-Spitals. Wieder mal hadert er. «Man sagt immer, der Übergang der verschiedenen Lebensphasen sei schwierig. Pensionierung, das Ausziehen der Kinder, das Grossvater werden.» All das erlebt Morin zurzeit, ansatzweise zumindest. Seine Berufspolitikerkarriere hat er abgeschlossen, bald wird wohl auch sein zweites Kind das Elternhaus verlassen, und soeben ist er Grossonkel geworden. «Ich sags einmal so: Mein neues Leben ist nicht ganz einfach.»

Morin wäre aber nicht Morin, wenn er sich nicht mit einer entwaffnenden Demut den Problemen stellen würde. So ist er immer gut gefahren und so hat er den Spöttern den Wind aus den Segeln genommen. Als er 2004 in den Regierungsrat gewählt wurde und vier Jahre später zum ersten Regierungspräsidenten Basel-Stadts, liess er sich beide Male beim Kleidungsstil beraten und stand auch in der Öffentlichkeit dazu, nicht gerade ein Trendsetter zu sein, was die Mode angeht. Danach wars für die Journalisten nur noch halb so lustig, über Morin zu spotten. Und auch als Arzt versucht er nicht, seine Schwächen zu verstecken. Eine medizinische Koryphäe wird nicht mehr aus ihm, das weiss er. Viel öfter suche er in der Gemeinschaftspraxis seine Kollegen um medizinischen Rat als umgekehrt. «Eine Einzelpraxis hätte ich mir nicht zugetraut», sagt er. Aber auch sein Rat sei immer wieder gefragt, etwa wenn es um Sozialfälle oder die Kesb ginge.

In der Selbstfindungsphase

Zwölf Jahre lang sass Guy Morin in der Regierung, acht Jahre an der Spitze. Das Arbeitspensum betrug zwischen 150 und 180 Prozent. Wenn man diese Struktur nicht mehr hat, muss man sich zuerst wieder sammeln. Natürlich hätte er ausgesorgt, könnte sich in Frührente zurückziehen oder eine Weltreise machen wie CVP-Grossrat Oswald Inglin. Doch «mit Gärtnern und Reisen wäre mein Leben nicht erfüllt, ich will noch arbeiten», sagt Morin. Ausserdem komme ihm das ökologische Gewissen in die Quere. Im vergangenen Jahr flog er für zwei Wochen in die Karibik, um ein bisschen Abstand zu gewinnen. Aber so weit wird es nun für eine Weile nicht mehr gehen. «Einfach ziellos im Zeug herumzureisen, das kann ich nicht. Irgendwann will ich vielleicht mit meiner Frau in die Arktis, aber so eine grosse Reise kann ich nicht alle drei Monate machen.» Beim Besuch in seiner Arztpraxis wird deutlich: Guy Morin steckt in einer Selbstfindungsphase. Er sagt Dinge wie «Mit dem ruhigeren Rhythmus muss ich leben lernen» und «Manchmal vermisse ich es schon, so nah am Puls dieser Stadt zu sein, die mir so am Herzen liegt».

Die von Zweifeln geprägte Gegenwart kontrastiert Guy Morins Verhältnis zur Vergangenheit. Hier ist er im Reinen mit sich. «Ich habe nicht alles geplant, aber ich bin sehr dankbar, wie es sich ergeben hat», sagt er. «Ich glaube, ich habe sie nicht so gewählt, aber ich hätte nicht anders können.» Rückblickend würde er vielleicht einiges anders machen, aber er wirft sich nichts vor. «Im Leben ist es wie bei einem Röntgenbild», sagt er. «Wenn ein Tumor entdeckt wird, schaut man sich die alten Bilder an und denkt sich: Dieses kleine Fleckchen hätte ich sehen können. Aber man hat in der Politik oft nicht viel Zeit, muss Entscheide schnell treffen.» Vielleicht, sagt er, hätte er sich anfangs «mehr Zeit» für den damaligen Stadtentwickler Thomas Kessler nehmen müssen, mit dem er sich zum Schluss seiner Amtszeit zuerst überwarf und ihn dann rauswarf, ehe Elisabeth Ackermann das Präsidium übernahm. «Vielleicht hätten wir uns wieder gefunden, vielleicht wäre es früher auseinandergegangen.»

Doch bereuen tut Guy Morin nichts. Auch nicht, dass er über Jahre abends spät nach Hause kam und seine Kinder seltener zu Gesicht bekam als die meisten anderen Väter. «Ich glaube nicht, dass ich meine Kinder vernachlässigt habe. Jedenfalls haben sie mir das nicht vorgeworfen. Aber meine Frau hat gute Arbeit geleistet und die Kinder geschützt. Sie hat einen wesentlichen Beitrag geleistet, dass sie nicht unter meinem Amt gelitten haben.» In Vaters Fussstapfen werden sie trotzdem nicht treten. Keines seiner beiden Kinder ist parteipolitisch aktiv.

Das Vermächtnis? Er war der Erste

Über das Vermächtnis des ersten Basler Regierungspräsidenten gehen die Meinungen auch ein Jahr nach seinem Ausscheiden aus der Regierung auseinander. Sein Name wird verbunden bleiben mit einer Zeit, als Basel wie nie zuvor florierte, und 20 000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden konnten. Ausserdem mit dem Kunstmuseumsneubau. Und mit seinem erfolgreichen Einsatz für den Kasernenumbau. Aber auch mit einer verschleppten Museumsstrategie oder einer unausgegorenen Idee, ein Haus der Geschichte zu schaffen.

Guy Morin selber hat sich offensichtlich nie damit beschäftigt, wie die Geschichte über ihn urteilen wird. Ob er etwas Bleibendes hinterlassen habe? «Hmm. Ich war der Erste, habe versucht, diesem Amt ein Gesicht zu geben.» Grosse Staatsmänner würden gewiss eine andere Antwort zur Hand haben. Aber vielleicht war es auch das, was den ersten Basler Regierungspräsidenten so baslerisch machte: dass er Liestal war als London oder Paris.