Für den Fotografen stellt sich Hans-Peter Wessels vor einen farbigen Plan an der Wand. Es ist der Bau- und Zonenplan der Stadt. Er soll auf etwas Interessantes zeigen, fordert ihn der Fotograf auf. Wessels zeigt aufs Kleinbasel und zählt auf, was da in nächster Zeit gebaut wird: Claraturm, Messeparking, Roche-Hochhäuser, ein Syngenta-Komplex, weitere Bauprojekte. Es gebe kaum ein Ort in der Schweiz, der so stark verdichtet werde, meint Wessels.

Diese Baudynamik ist ein grosser Erfolg für Basel: Die Stadt lebt, sie ist beliebt, sie wächst. Bloss: Wenn mehr Menschen in der Stadt arbeiten und wohnen, nimmt der Verkehrsdruck zu. Dabei sollte die Stadt laut Auftrag der Stimmbevölkerung den Verkehr um zehn Prozent reduzieren. Wie soll das gehen? Hans-Peter Wessels nimmt an seinem Sitzungstisch Platz und antwortet.

Wollen die Basler dem Bären den Pelz waschen, ohne dass das Fell nass wird?

Hans-Peter Wessels: Das Abstimmungsresultat der Strasseninitiative könnte man tatsächlich so interpretieren. Vor fünf Jahren haben sich die Stimmberechtigten dafür ausgesprochen, dass der Autoverkehr um zehn Prozent reduziert wird. Das lässt sich aber nicht erreichen, nur indem man das Velo und den öffentlichen Verkehr fördert. Man müsste auch Massnahmen ergreifen, die den Autoverkehr beschneiden. Dafür gibt es in Basel aber keine politischen Mehrheiten.

Aber man will nicht, dass das Fell nass wird.

Ich interpretiere das genau so: Die Leute, die in der Stadt wohnen, hätten gerne weniger Autoverkehr, sie möchten aber gleichzeitig nicht auf das Auto verzichten und die wirtschaftliche Entwicklung nicht tangieren. Deshalb fehlt der politische Wille für konkrete Massnahmen. Dieser Widerspruch hat sich am letzten Abstimmungswochenende gezeigt.

Fakt ist: Der Autoverkehr nimmt in Basel zu statt ab.

Auf den Stadtstrassen nimmt er nicht zu, da haben wir eine Stabilisierung erreicht. Auf den Autobahnen in der Stadt nimmt der Autoverkehr hingegen deutlich zu. Genau das ist unser Ziel: Wir wollen den Autoverkehr auf den Hauptverkehrsachsen – vor allem auf den Autobahnen – kanalisieren und damit die Wohnquartiere entlasten.

So gesehen wären Sie aber an einem flüssigen Autobahnverkehr interessiert?

Natürlich! Die Stadt hat ein grosses Interesse daran, dass man auf der Autobahn gut vorwärtskommt. Deshalb pushen wir auch das Projekt Rheintunnel des Bundes, das erhöht die Kapazitäten zwischen der Hagnau und der Nordtangente. Nur wenn wir den Verkehr auf der Autobahn flüssig halten können, schaffen wir es auch, den Verkehr aus den Wohnquartieren herauszuhalten.

Dann wäre auch der Zubringer Allschwil im Interesse der Stadt?

Ja, auch der Zubringer Allschwil, den unsere Partner in Baselland planen, ist sehr in unserem Interesse. Er hat das Potenzial, nicht nur Allschwil, sondern Basel-West vom Verkehr zu entlasten, weil noch mehr Fahrzeuge die Nordtangente nutzen werden. Das setzt aber auch voraus, dass die Osttangente mehr Verkehr aufnehmen kann. Wir gehen aus heutiger Sicht davon aus, dass der Rheintunnel – der den Engpass auf der Osttangente beseitigen wird – vor dem Zubringer Allschwil in Betrieb gehen wird. So gesehen dürfte das aufgehen; die Projekte passen zusammen.

Nach der Ablehnung von Elba ist aber alles andere, also etwa der Gundelitunnel, beerdigt?

In Basel müssen wir im Sinne einer sorgfältigen Investitionsplanung priorisieren. Da kommt der Rheintunnel zuerst. Der Gundelitunnel hingegen macht wenig Sinn ohne eine stadtnahe Tangente auf landschaftlichem Gebiet. Deshalb ist der Gundelitunnel nach der Elba-Abstimmung infrage gestellt. Die deutliche Ablehnung auf der Landschaft hat mich überrascht. Wir müssen jetzt zuerst mit dem Partnerkanton die Lage neu beurteilen und uns überlegen, wie wir weiter vorgehen. Wir dürfen nicht vergessen: Beim Gundelitunnel reden wir von über 600 Millionen Franken. Zwei Drittel würde zwar der Bund zahlen, aber auch das sind Steuergelder, mit denen sorgfältig umzugehen ist. Wir sind in der Investitionsplanung gezwungen, die Mittel da einzusetzen, wo sie am meisten bringen. Deshalb steht der Rheintunnel weit im Vordergrund. Da bringt jeder eingesetzte Franken viel mehr als beim Gundelitunnel.

Basel war mal eine Velostadt. Mittlerweile fühlen sich Velofahrer immer häufiger nicht mehr sicher.

Ja, das nehmen wir mit Besorgnis zur Kenntnis. Ich denke, Basel ist immer noch eine Velostadt. Wir haben in den letzten fünf Jahren viel gemacht für Velofahrer, wir haben Routen geöffnet, Velowege gebaut, Velostreifen markiert und Veloabstellplätze eingerichtet. Dank unseren gemeinsamen Anstrengungen mit der Verkehrspolizei gibt es in Basel relativ wenig Velounfälle. Punkto Verkehrsunfälle gehören wir ohnehin zu den sichersten Städten der Schweiz. Dieser Erfolg motiviert uns, noch mehr für die Sicherheit der Velofahrer und aller anderen Verkehrsteilnehmer zu tun.

Was heisst das konkret?

Wir prüfen bei jeder Strasse, die saniert werden muss, ob wir die Sicherheit für die Velofahrer verbessern können. Velopolitik besteht nicht aus wenigen grossen und teuren Projekten, sondern typischerweise aus vielen kleinen, unspektakulären Massnahmen. Eine typische solche Massnahme, die wir kürzlich umgesetzt haben, ist die Öffnung der St. Johanns-Vorstadt für Velos in Fahrtrichtung Stadt. Das erlaubt es den Velofahrern, gefährliche Kreuzungen zu vermeiden, die viel Verkehr haben, etwa die Kreuzung Spitalstrasse/Schanzenstrasse. Diese Massnahme kostet fast nichts, bringt aber für Velofahrer ein grosses Mehr an Sicherheit und Komfort. Es belastet auch niemanden, im Gegenteil, wir können mit einer simplen Massnahme den Veloverkehr und den Autoverkehr entflechten. Das ist für mich ein super Beispiel, wie man die Sicherheit und den Komfort erhöhen kann, ohne andere einzuschränken. Solche Massnahmen gehen wir systematisch an.

Trotzdem: Nach wie vor fehlen durchgehende Veloringe in Basel.

Das stimmt. Aber der neue Teilrichtplan Velo hält planerisch fest, wo durchgehende Veloachsen in den nächsten Jahren entstehen sollen. Und nun setzen wir den Teilrichtplan Stück für Stück bei jeder Sanierung um. Pro Velo beider Basel will zudem eine Volksinitiative für eine ringförmige Velo-Komfortroute einreichen. Diese Veloring-Initiative begrüsse ich ausserordentlich. Sie stimmt mit unserer Strategie für eine velofreundliche Stadt überein. Zur Realisierung des geforderten Velorings fehlt gar nicht so viel.

Umgekehrt gibt es viele Klagen über das Velorowdytum, Klagen über ruppige Velofahrer auf Trottoirs und in der Fussgängerzone.

Wenn ich in andere Städte oder ins Ausland gehe, dann sehe ich fussgängerfreundliche Innenstädte, wo die Velos problemlos überall durchfahren und niemand scheint sich daran zu stören. Wir haben zum Beispiel kürzlich mit der Departementsleitung Winterthur besucht. In der dortigen, ältesten autofreien Innenstadt der Schweiz sind Velos mit Ausnahme von der zentralen Marktgasse überall zugelassen und es ist kein Problem. Vielleicht ist es einfach eine Frage der Gewöhnung. Man muss aber auch an die Vernunft der Velofahrer appellieren. Mit dem Velo kann man problemlos rücksichtsvoll und langsam fahren. Fussgänger und Velofahrer lassen sich gut mischen, wir haben in Basel aber offensichtlich keine entsprechende Tradition. Daran können wir arbeiten.

Fussgänger und Velofahrer liessen sich überall problemlos mischen?

Nein, nicht überall. Wo es Gefälle hat, ist es heikel. Die Winterthurer Altstadt ist topfeben, deshalb ist es da problemlos möglich. In der Basler Fussgängerzone ist die Situation natürlich schwieriger, in der Freien Strasse, am Rheinsprung oder am Spalenberg können Velos sicher nicht zugelassen werden. Die Versuchung für Velofahrer, das Gefälle zu nutzen, wäre zu gross. Auf dem Heuberg oder dem Münsterplatz, die eben sind, ist es dagegen problemlos.

Niemand weiss, wie viele Parkplätze es in Basel gibt. Warum dauert das so lange, die Parkplätze zu zählen?

Es macht nicht übermässig viel Sinn, die Parkplätze zu zählen. Es ist kein Erkenntnisgewinn, zu wissen, ob es 100 000 oder 98 000 Parkplätze hat.

Ist das die Grössenordnung? Etwa 100 000 Parkplätze?

Wenn man die Parkplätze auf öffentlichem Raum, die Parkhäuser und die privaten Parkgaragen zusammennimmt, wären es etwa 100 000 Parkplätze, ja. Das ist aber nur eine grobe Schätzung, wir wissen es nicht genau. Wir wissen hingegen ziemlich genau, wie hoch der Parkierdruck in den einzelnen Quartieren und Strassenzügen ist, wo also Parkplätze fehlen. Und darauf kommt es an. Um es bildlich auszudrücken: Wir wissen nicht genau, wie viele Dachziegel auf den Dächern liegen. Aber wir wissen, auf welchen Dächern Dachziegel fehlen.

100 000 Parkplätze sind ganz schön viel: Das wäre mehr als einen Parkplatz pro zwei Einwohner.

Wir haben natürlich viele Pendler und viele Parkplätze sind oft leer. In der Nacht sind die Parkhäuser zum Beispiel schwach belegt. Die hohe Anzahl Parkplätze reflektiert die Pendlerbewegung. Sehr gut besetzt sind die Parkplätze auf der Strasse. Diese sind sehr günstig und deshalb sehr stark nachgefragt. Ein Problem haben wir im Stadtzentrum. Die meisten Parkhäuser sind tagsüber voll, der Storchen und das Cityparking etwa sind komplett ausgebucht. Deshalb wollen wir Abhilfe schaffen. Das geplante Parkhaus beim Kunstmuseum wird da Entlastung bringen.

Wie ist der Stand beim Kunstmuseumsparking?

Vor ein paar Tagen ist das Baugesuch eingereicht worden. Ich bin froh, wenn das Parking so rasch wie möglich gebaut wird.

Stehen dem noch Hindernisse im Weg?

Es handelt sich um ein normales Baubewilligungsverfahren. Zur Zeit läuft die Vorprüfung, dann wird das Baugesuch publiziert. Der Bebauungsplan wurde durch den Grossen Rat bereits genehmigt. Politisch steht dem neuen Parking nichts im Wege.

Die Investoren dürften keine Freude daran haben, wenn man jetzt die ersten zwei Stunden gratis parkieren kann.

Dabei handelt es sich nur um eine temporäre Aktion, die auf ein halbes Jahr befristet und auf das vergleichsweise wenig ausgelastete Parking Elisabethen beschränkt ist. Die Aktion hat primär einen symbolischen Charakter. Einen signifikanten Nutzen für die Innenstadt bringt nur das zusätzliche Parkhaus. Der Grossteil der Kunden der Innenstadt kommt aber ohnehin per Tram oder per Velo.

Die Parkplätze auf der Allmend werden bewirtschaftet, in immer mehr Quartieren gilt die blaue Zone. Von Auge gesehen hat es weniger Dauerparkierer in den Quartieren.

Wir haben noch keine hieb- und stichfesten Zahlen. Punktuell haben wir auch den Eindruck, dass sich die Bewirtschaftung bewährt und dass sich die Verfügbarkeit von Parkplätzen für die Anwohner etwas verbessert hat. Aber nicht überall. Eine bekannte Ausnahme ist das Wettsteinquartier. Trotz der Parkraumbewirtschaftung hat es da zu wenig Parkplätze. In diesem Quartier spielt sich gerade eine enorme Verdichtung ab und das macht sich auch im öffentlichen Parkraum bemerkbar. Deshalb prüfen wir, ob unter dem Landhof ein Quartierparking realisiert werden soll, um zusätzlichen Parkraum für die Quartierbewohner zu schaffen. Wenn das an einem Ort Sinn machen könnte, dann im Wettsteinquartier.

Wenn Sie zurückschauen auf Ihre bisherige Amtszeit – was bleibt?

Wenn ich mir die letzten Jahre vor Augen halte, stelle ich fest, dass sich Basel enorm verändert hat. Vor zehn, fünfzehn Jahren war Basel noch in einer schlechten Verfassung. Die Stadt hatte finanzielle Probleme, verlor Einwohner, litt unter hohen Steuern. Heute geht es Basel enorm viel besser, wir haben unsere Finanzen im Griff, wir sind finanziell kerngesund, wir haben ein hohes Arbeitsplatzwachstum, qualitativ und quantitativ, weisen sogar ein leichtes Bevölkerungswachstum auf. Viele Private investieren wieder, darunter befinden sich grosse, aber auch kleine Firmen. Basel ist wieder attraktiv als Wohnort, aber auch als Arbeitsort. Das Bau- und Verkehrsdepartement konnte einen Beitrag dazu leisten, zum Beispiel mit einer deutlich attraktiveren Innenstadt, der Belebung der Rheinufer, mehr Grün in der Stadt, mehr Begegnungszonen. Das ist es, was Basel als Wohnort attraktiv macht. Zudem konnten wir dazu beitragen, dass Firmen wieder in Basel investieren.

Welche Projekte waren dafür besonders wichtig?

Man redet häufig von den grossen Projekten, dem Herzstück der S-Bahn oder dem Rheintunnel. Für das Wohlbefinden der Menschen in der Stadt sind die vielen kleinen Interventionen aber fast wichtiger. Ein etwas breiterer Bermenweg, ein neues Beizli am Birsköpfli, ein Parkkaffee im Elisabethenpark, ein neu gestalteter Spielplatz – solche Massnahmen bringen oft enorm viel an Lebensqualität.

Die nächsten Wahlen finden in einem Jahr statt – treten Sie noch einmal an?

Aus heutiger Sicht absolut! Wenn meine Partei mich weiterhin will, trete ich gerne noch einmal an. Meine Funktion macht mir grosse Freude und ich habe wundervolle Mitarbeiter, die alles geben für Basel. Ich empfinde es als Geschenk, in einer Zeit Baudirektor sein zu dürfen, in der Basel sich so dynamisch entwickelt.