Herr Bortlik, ist Bonnie und Clyde einer Ihrer Lieblingsfilme?

Wolfgang Bortlik: Ja, einer von vielen. Ich war als junger Mensch schwer davon beeindruckt und habe sogar mit dem Gedanken gespielt, selbst eine Bank zu überfallen. Das war ganz einfach in den 70er-Jahren; ich hatte Bekannte, die das getan haben. Ihre Taten sind inzwischen verjährt.

Ich stimme mit Brechts bekanntem Zitat voll überein: «Was ist schon ein Banküberfall gegen die Eröffnung einer Bank?» Natürlich romantisiert der Film das Räuberleben, aber ich bin ein Anhänger der literarischen Romantik.

Gab das den Ausschlag für Ihren neusten Roman «Arme Ritter»?

Ich wollte vor allem einen Roman über eine politisch heisse Zeit schreiben, die ich miterlebt habe. Mitte der 70er habe ich in München studiert. Es herrschte ein Fieber, man musste als junger Mensch einfach gegen die gesellschaftlichen Missstände vorgehen und gegen diese Enge.

Sie haben für diesen Roman ihre eigene Biografie ausgebeutet?

Ich bin literarisch der Meinung, dass man nur über etwas schreiben kann, das man kennt. Die Biografien, die hier ausgebreitet werden, haben nichts direkt mit meiner eigenen zu tun. Es sind aber Erfahrungen, die ich kenne.

Sie beschreiben die 68er-Generation mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und Spott.

Das sind nicht mehr die 68er, die waren damals bereits etabliert. Ich war 1968 erst 16 Jahre alt und 1980 bei der nächsten Jugendbewegung bereits zu alt, um dazuzugehören. Ich gehörte zu einer Zwischengeneration. Wir hatten den Vorteil, dass wir schon auf etwas Bestehendem aufbauen konnten.

Was ich über meine Figuren beschreiben möchte, ist die Ambivalenz der politischen Aktivität in jener Zeit. Politik ist einfach ein dreckiges Geschäft, Macht korrumpiert – ich kenne nicht viele Leute, die in der Politik ehrlich und sich selbst geblieben sind.

Diese Mitt-70er sind wie die 68er voller hehrer Ideale, lassen sich aber schnell von Geld und Macht korrumpieren. Ist das für Sie eine besonders verlogene Generation?

Nein, das ist eine Generation wie jede andere auch. Eine meiner Nebenfiguren gerät von einer kleinen, radikalen Partei in eine immer noch grössere, dem Mainstream angepasstere – bis er am Ende Europa-Abgeordneter ist.

Man kann es aber auch anders deuten: Es ist eine Errungenschaft der 70er, dass etwa ein ehemaliger Strassenkämpfer und Halbterrorist deutscher Aussenminister werden konnte (Joschka Fischer, Anm. der Red.).

Es ist ein grosses Verdienst dieser Generation, dass sie die damalige starre Gesellschaft aufgebrochen hat. Neue Karrieren waren möglich, auch die Frauenbewegung hat viel erreicht.

Sie glauben also noch an die damaligen Ideale.

Ja, ohne Ideale ist das Leben arm.

Sind Sie Ihren eigenen Idealen treu geblieben?

Das frage ich mich manchmal auch. Idealen kann man nicht gänzlich treu bleiben, man ändert sich ja. Ich habe mich stark politisch betätigt, war aktiv in der Anti-AKW-Bewegung, kämpfte für kulturelle Freiräume. Aber nie in einer Partei. Ich bezeichne mich auch heute noch als Anarchisten. Aber ich habe irgendwann gemerkt, dass es mir zu viel wird. Ich wurde Vater, das hat mich absorbiert. Wahnsinnig untreu bin ich den Idealen trotzdem nicht geworden.

Aber als Anarchist lebt man doch nicht in einem chicen Einfamilienhaus in Riehen?

Meine Frau ist Ärztin, deshalb lebe ich nun mit der Familie hier. Ich war lange Hausmann, meine Frau hat Karriere gemacht. Auch das kann man politisch betrachten.

Wie leben Sie denn Ihren Anarchismus?

Anarchismus ist ein Ideal, ein Denkzustand, eine Geisteshaltung. Es ist eine politische Theorie, die mir passt.

Aber funktionieren tut das nirgends.

Nein, natürlich nicht. Anarchismus ist für mich eigentlich ein schönes Märchen. Die grossen Anarchisten, Bakunin oder Kropotkin, sind darin die Heinzelmännchen. Leben kann man diese Märchen aber eigentlich nicht, der Druck der Gesellschaft ist zu stark.

Durch Ihren Roman lernt man auch einiges über verschiedene Strömungen dieser Zeit; ich habe dazu auch einige Namen gegoogelt.

Das freut mich, das ist meine Absicht. Ich versuche in meinen Roman einzubringen, was es damals so alles gab. Etwa Isidor Isou und die Situationisten. An diesen philosophisch-künstlerischen Strömungen hängt mein Herz. Das sind Denker, die Gefahr laufen, in Vergessenheit zu geraten. Sie waren so radikal, dass sie keine Karriere machen konnten. Ihnen blieb nur, ihre Gedanken in Büchern festzuhalten.

Es muss auch Spass gemacht haben, diese Figuren zu zeichnen.

Das mache ich am liebsten. Früher war ich noch viel unbarmherziger mit den Figuren. Aber ich habe gemerkt, dass ich die Leser damit überfordert habe.

Schade eigentlich. Es läuft gerade eine Kulturdebatte über die harmlos gewordenen Schriftsteller. Was sagen Sie dazu?

Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Ich rege mich auch auf über die Schwemme zwar gut geschriebener, aber harmloser Beziehungsromane. Oft steckt dahinter die Werbe- oder die journalistische Tätigkeit der Autorin oder des Autors, oder die Literaturschulen, von denen ich kein hundertprozentiger Freund bin. Handkerum ist es auch immer ein Gesülze, dass Autoren nicht politisch seien. Das wird von Journalisten all halb Jahr aufgekocht.

Basels Literaturikone Matthyas Jenny hat letzthin kritisiert, dass Autoren von Anfang an auf den Geschmack der Geld verteilenden Fachkommission für Literatur schielen.

Jenny war lange selbst Juror in dieser Literaturkommission. Seiner Fürsprache habe ich meine erste Buchförderung zu verdanken. Ein völlig verrückter Roman, «Halbe Hosen», der hat ihm wahrscheinlich gefallen, weil er gar nicht für den Geschmack einer Literaturkommission geschrieben wurde. Man schreibt nicht mit der Absicht, gefördert zu werden.

Aber ich bekenne mich schuldig: Bei der jüngsten Eingabe habe ich diejenigen Stellen herausgesucht, die dieser Fachkommission gefallen könnten. Es ist mir ja nicht völlig egal, ob ich die Zuschüsse bekomme. Da gebe ich nicht auf Teufel komm raus den Radikalinski.

«Arme Ritter», in der Schweiz als «Fotzelschnitten» bekannt, heisst Wolfgang Bortliks neuer Roman. Drei Mal, in drei Ländern und drei Zeiten, führen sich Bortliks Helden dieses «perfekte proletarische Mahl» nach überstandenen Abenteuern zu Gemüte, «ein Gericht wie die Revolution, süss und sättigend», schreibt der Autor. «Arme Ritter» sind auch seine Figuren. Voll hehrer Ideale startet seine Viererkommune Mitte der 70er-Jahre ins Erwachsenenleben. Die drei Männer und eine Frau wollen die Welt retten, wenigstens ein bisschen. Dafür geeignet scheint ihnen ein Banküberfall, die Geldbeute wollen sie später in ein revolutionäres Projekt stecken. Doch dann kommt alles anders. Denn Bortliks Helden stolpern fortwährend über ihre eigene Menschlichkeit. Macht und Wohlstand, oder auch nur die eigene Bequemlichkeit, korrumpieren die einen. Ein anderer, die eigentliche Hauptfigur Michael Ziegler, gehört von Natur aus zum Typus harmloser Verlierer. Und die so erotische wie kühl kalkulierende Gerda kommt trotz vollem Körpereinsatz nicht zum Ziel mit diesen Typen. Bortlik beschreibt diese Stellvertreter seiner Generation mit einer Mischung aus Spott und Zärtlichkeit. Köstlich ist auch, wie er sie als spätere Mittfünfziger - mit ihren verstaubten Platten, Büchern und Topfpflanzen - durch die Augen der nächsten Generation betrachtet. Das hat der Autor wahrscheinlich von seinen eigenen Kindern gelernt. Die Geschichte hat Witz und Zug. Bortlik springt rasant zwischen Zeiten, Orten - Basel ist auch dabei - und mehreren Perspektiven hin- und her. Immer wieder wird der Leser von einer neuen Wendung überrascht, ohne je den Faden zu verlieren - bis sich am Ende alle Puzzlesteine zusammenfügen. Auch die einfache, süffige Sprache macht Freude. Wie Fotzelschnitten. (spe)

Arme Ritter: «Rasant, süffig, Unterhaltsam»

«Arme Ritter», in der Schweiz als «Fotzelschnitten» bekannt, heisst Wolfgang Bortliks neuer Roman. Drei Mal, in drei Ländern und drei Zeiten, führen sich Bortliks Helden dieses «perfekte proletarische Mahl» nach überstandenen Abenteuern zu Gemüte, «ein Gericht wie die Revolution, süss und sättigend», schreibt der Autor. «Arme Ritter» sind auch seine Figuren. Voll hehrer Ideale startet seine Viererkommune Mitte der 70er-Jahre ins Erwachsenenleben. Die drei Männer und eine Frau wollen die Welt retten, wenigstens ein bisschen. Dafür geeignet scheint ihnen ein Banküberfall, die Geldbeute wollen sie später in ein revolutionäres Projekt stecken. Doch dann kommt alles anders. Denn Bortliks Helden stolpern fortwährend über ihre eigene Menschlichkeit. Macht und Wohlstand, oder auch nur die eigene Bequemlichkeit, korrumpieren die einen. Ein anderer, die eigentliche Hauptfigur Michael Ziegler, gehört von Natur aus zum Typus harmloser Verlierer. Und die so erotische wie kühl kalkulierende Gerda kommt trotz vollem Körpereinsatz nicht zum Ziel mit diesen Typen. Bortlik beschreibt diese Stellvertreter seiner Generation mit einer Mischung aus Spott und Zärtlichkeit. Köstlich ist auch, wie er sie als spätere Mittfünfziger - mit ihren verstaubten Platten, Büchern und Topfpflanzen - durch die Augen der nächsten Generation betrachtet. Das hat der Autor wahrscheinlich von seinen eigenen Kindern gelernt. Die Geschichte hat Witz und Zug. Bortlik springt rasant zwischen Zeiten, Orten - Basel ist auch dabei - und mehreren Perspektiven hin- und her. Immer wieder wird der Leser von einer neuen Wendung überrascht, ohne je den Faden zu verlieren - bis sich am Ende alle Puzzlesteine zusammenfügen. Auch die einfache, süffige Sprache macht Freude. Wie Fotzelschnitten. (spe)