Das Auswärtsspiel Basel gegen Zürich fand am Sonntag vor 12500 Zuschauern statt – offiziell. In Wirklichkeit waren es viel weniger. Mit Autos angereist, um dem Grossaufgebot der Zürcher Kantonspolizei zu entgehen, wurden die Basler Fans auf ihrem Fanmarsch eingekesselt. Aus Protest blieben die FCB-Fans vor dem Stadion – und erhielten Gesellschaft von den FCZ-Fans aus der Südkurve.

Herr Gander, aus Erzrivalen wurden vor dem Letzigrund Partner. Überrascht Sie das?

Thomas Gander: Wir stellen schon länger fest, dass die Solidarität über die Fankurven hinweg wächst. Bei einer breiten Menge Fans wird der Unmut gegen übermässige Polizeieinsätze und Massnahmenvorschläge immer grösser. Die Ereignisse haben eher untermauert, was wir dachten. Trotzdem war ich verblüfft, dass die Südkurve das Letzigrund verliess.

Wer ist die «breite Menge»?

Mit Pauschalisierungen stellen wir eine breite, junge Fanmasse in die kriminelle Ecke. Die meisten Fans sind 15 bis 25 Jahre alt. Es ist ein sehr stimmungsvolles und kreatives Publikum. Die meisten Spiele verlaufen problemlos. Aber man darf nicht naiv sein: Fussball ist und bleibt auf Rivalität und grosse Emotionen ausgerichtet, was unweigerlich ein Gewaltpotenzial tangieren kann.

War die Solidarisierung, die sich auch in einem gemeinsamen Communiqué der beiden Fangruppen spiegelt, erwartbar?

Das ist ein Phänomen von Subkulturen, dass Allianzen gebildet werden, um sich für gemeinsame Interessen stark zu machen, wenn sie unter Druck sind. Hinzu kommt, dass Fussballfans fast keine Lobby haben. Die Aktionen sind ein Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen. Gefährlich wird es, wenn durch den Protest destruktive Kräfte Auftrieb bekommen.

Wären die FCB-Fans auch aus dem Stadion gelaufen?

Mit einer Antwort würde ich mich auf Glatteis begeben. Solche Reaktionen sind sehr situationsspezifisch.

Gefallen sich die Fans nicht einfach in der Rolle der Räuber, die den Polizisten mit Ausweichaktionen den Meister zeigen – oder den Finger?

Auch. Solidarisierung braucht eine gemeinsame Identität und Abgrenzung, das kann gegen die Polizei sein. Hier erkenne ich auch ein Opferdenken – oftmals tragen aus Sicht der Fans die andern die Schuld. Hier braucht es auch Selbstkritik.

Die Zürcher Polizei stellt ihren Einsatz als erfolgreiches Auseinanderhalten von Fangruppen dar. Die Fans behaupten, durch den Einsatz sei die Situation unsicherer geworden. Was stimmt?

Diese Wahrnehmungsunterschiede erlebe ich immer wieder. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Die verschiedenen Parteien müssen akzeptieren, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt.

Hat die Zürcher Polizei also Schlimmes verhindert oder nicht?

Aus ihrer Sicht ja. Aus Sicht der Fans hat sie eher mehr Konfliktpotenzial geschaffen. Was mich an der Lageanalyse der Polizei erstaunt hat, ist, dass sie die gemeinsame Aktion der Fans nicht erahnt hat. Da gingen die Einschätzungen sehr weit auseinander. Dass die Zürcher Fans bei einem Heimspiel zu einem Marsch aufrufen, ist aussergewöhnlich. Beim Protest ging es ja auch um die Fanmärsche, die sehr engmaschig begleitet werden.

Was bedeuten die Ereignisse vom Sonntag?

Es braucht einen verhältnismässigen und realitätsbezogenen Umgang mit den Fans. Und es braucht einen Dialog zwischen Fans, Behörden und Club. Das klingt nach Sozialromantik, ist aber der einzige Weg, richtige Einschätzungen zu machen und nicht mit übertriebenem Handeln eine Radikalisierung der Fanszene zu fördern. Das bedingt aber auch, dass man langfristig arbeiten und mit Rückschlägen leben lernen muss.