Herr Florio, welchen Begriff haben Sie aus dem Nähkästchen gefischt?

Gaetano Florio: Das erste Mal ... (lacht)

Wann besuchten Sie das erste Mal ein Konzert, und wer spielte?

Das war 1978, Edoardo Bennato und Gianna Nannini in Pompeji, meiner Heimatstadt. Ein absolutes Schlüsselerlebnis! Ich war acht Jahre alt, meine Mutter nahm mich ans Konzert mit, sie war ein grosser Fan. Das hat mich emotional total überwältigt, ich wusste nicht, wie mir geschah. Ich wusste nicht, was passiert ist.

Was hat Sie überwältigt?

Die Show, die Musik, die Begeisterung der Menschen. Danach war für mich klar, dass ich irgendwann, irgendwie, irgendetwas damit zu tun haben will.

Als Rockstar auf der Bühne?

Nein. Ich habe zwar früher in Bands gespielt – Gitarre, Bass und Schlagzeug –, aber mich interessierte vor allem das Drumherum: die Lichter, die Bühne, die Technik, die Logistik, das Budget. Was es braucht, damit ein paar «Schnapsnasen» auf der Bühne rocken können. Also die Vorarbeit, die Veranstaltungstechnik. Ich hatte von Beginn weg ein Faible für Organisation. Meine Devise ist: Wenn man schon früh das Budget im Griff hat, ist nichts unmöglich.

Das Floss hat mit 110 000 Franken für 17 Bands ein Mini-Budget. Wie schaffen Sie es, so bekannte Acts wie «2raumwohnung», «Naturally 7» oder «The Original Blues Brothers Band» nach Basel zu holen?

Ich bin zwar erst seit zwei Jahren verantwortlich für das Programm beim Floss, aber bereits seit 30 Jahren in der Branche unterwegs. Gute Beziehungen sind alles, solch persönliche Kontakte habe ich mir über die Jahre aufgebaut. Ausserdem lässt sich die Location gut «verkaufen». Das Floss ist für Musiker einmalige Sexyness. Darum sind viele dazu bereit, auf einen Teil der Gage zu verzichten, O-Ton: «Warum haben wir nie von diesem Festival gehört? Da wollen wir unbedingt spielen!»

Wie hat es sich ergeben, dass Sie so gute Beziehungen haben?

Ich war ab den 1990er-Jahren – viele, viele Jahre – als Bühnentechniker und als Tourmanager unterwegs. Mit Schweizer Bands wie den Lovebugs, Patent Ochsner oder Polo Hofer. Bei internationalen Acts war ich auf Europatourneen für die Technik und die Logistik verantwortlich, etwa für Bon Jovi, U2, The Police, Elton John, AC/DC, Simon&Garfunkel ...

Ein Traumjob. Aber solch grosse Künstler gelten oftmals als sehr anspruchsvoll. Da braucht man eine dicke Haut...

Absolut. Aber nicht unbedingt wegen des Umgangs mit den Künstlern. Die meisten sind ziemlich pflegeleicht, Menschen wie du und ich, mit guten und schlechten Tagen, mit Hoffnungen und Ängsten. Ein Künstler wollte mal sein Konzert auf dem Floss absagen: Niemand hatte ihm im Vorfeld gesagt, dass das Konzert auf dem Wasser stattfindet. Und er hat wegen eines Kindheitstraumas panische Angst vor Wasser. Das war also keine Zickerei, sondern sehr menschlich.

Ist er dann trotzdem noch aufgetreten?

Ja, mit Ach und Krach und gutem, geduldigem Zureden von unserer Seite. Das hat Nerven gekostet.

Und sonst keine mühsamen Erlebnisse, keine Enttäuschungen mit Künstlern?

Praktisch nicht. Als ich AC/DC zum ersten Mal backstage getroffen habe, dachte ich: Das könnte auch eine Sonntagsschulklasse sein – total harmlos, umgänglich und lieb! Genauso wie die Mitglieder von U2. Mit Eric Clapton könnten wir jetzt ganz easy hier da sitzen, Kaffee trinken und uns über die Enten im Rhein unterhalten. Und wenn es doch mal Schwierigkeiten gegeben hat, habe ich das nie persönlich genommen. Weil es eben Menschen sind, die auch unter Druck stehen und ein Ventil brauchen.

Und wie reagieren Sie auf zickiges Publikum? Gerade bei einem Festival wie dem «Im Fluss» kann man es bei der Bandauswahl nie allen recht machen. Wie gehen Sie mit Kritik um? In diesem Jahr hiess es, das Line-up sei ein bisschen zu alt.

Kritik ist gerade im Booking-Geschäft eminent wichtig. Ohne Kritik gibt es keine Verbesserungsmöglichkeiten, keine Kurskorrektur. Selbstzufriedenheit finde ich gefährlich. Ich bin noch heute vor jedem Event ein Quänteli nervös. Kritik ist auch legitim, man kann es nie allen recht machen. Ich nehme sie immer zur Kenntnis, auch für die Zukunft.

Apropos: 2019 feiert das Floss sein 20-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass kann sich das Publikum zum ersten Mal und ohne Einschränkung einen Act wünschen. Die Band mit dem meisten Stimmen wird – so das Ziel– gebucht. Das ist doch ein Albtraum für jeden Booker.

Es ist klar, dass ich mir damit ein x-faches an Arbeit aufgeladen habe (lacht). Ein Albtraum ist das trotzdem nicht, sondern eine spannende Erfahrung! Wir feiern schliesslich das Jubiläum dank unseres treuen Publikums. Und wir werden alles daransetzen, diesen Act zu bekommen.

Haben Sie bereits angefangen, am Programm fürs Jubiläumsjahr zu arbeiten? Oder ist das noch zu früh?

Im Kopf bastle ich schon daran rum, ja. Auch wenn das Kapitän Tino Krattiger nicht gerne hört, das stresst ihn. Ich habe bereits eine Wunschliste erstellt. Und die wird länger und länger ...

... und wen finden wir da?

Das sage ich nicht. Es soll doch eine Überraschung sein. Aber wenn das Budget keine Rolle spielen, es keine Einschränkungen geben würde... Zum Beispiel Van Morrison. Aber es gäbe da noch viele mehr.

20 Jahre sind eine lange Zeit. Können Sie sich an Ihr erstes Floss-Konzert erinnern?

Nein, aber geblieben sind mir Patent Ochsner, More Experience und Stiller Has. Das hat mich fast weggeblasen, diese Symbiose zwischen der Abendstimmung, dem Fluss, der Musik, der Band und dem Publikum, das ist Gänsehaut pur. In der Pfadi am Lagerfeuer nannte man das «Sternstunde»; man weiss: Jetzt passiert etwas Magisches.

Am Montag ist das Floss in seine 19. Ausgabe gestartet. Jetzt können Sie zurücklehnen, Ihre Arbeit ist getan, oder?

Grundsätzlich ja, und ich kann dann tatsächlich das eine oder andere Konzert geniessen, wenn es rund läuft. Aber ich verstehe mich als Rückendeckung für meine Crew während des Anlasses, stehe bereit, vor allem für Unvorhergesehenes. Darin bin ich gut. Ist ja auch nicht das erste Mal, dass ich so was organisiere.