Wenn doch ein Buch sprechen könnte. Dann würde das Exemplar, welches Daniel Allemann mit weissen Handschuhen sorgfältig durchblättert, so einiges ausplappern. Schliesslich gibt es aus einem 450 Jahre langen Leben viel zu erzählen.

Die Geheimnisse, welche zwischen den alten, aber noch gut erhaltenen Buchdeckeln von «Delle Navigationi et Viaggi» verborgen sind, haben aber ebenfalls etwas Faszinierendes. Zumindest für den Geschichts- und Englischstudent Allemann: «Wir wissen, dass das Buch 1563 in Venedig gedruckt wurde. Ein Stempel verrät zudem, dass es in Ghana in einer Missionsbibliothek stand.»

Wo das Werk sonst noch war, bevor es im Archiv der früheren Basler Mission und der Mission 21 landete, bleibt für den 25-jährigen Zivildienstler ein Rätsel. Dafür ist ihm der Inhalt des dicken Buches bestens bekannt: Mit den Reiseberichten und Beobachtungen von Leo Africanus hat sich Allemann seit vergangenen Februar jeweils am Freitagnachmittag auseinandergesetzt. «Ein versöhnlicher Wochenabschluss», sagt der Student - und meint es wirklich ernst.

Gegen Kulturgüterzerstörung

Und so hat Allemann gelesen, wie der Araber Leo Africanus schon früh zum Weltenbummler wurde. Als marokkanischer Diplomat entdeckte er unbekannte Gebiete, bis eine seiner Reisen abrupt beendet wurde: Piraten nahmen ihn im Mittelmeerraum gefangen und lieferten den Gelehrten Papst Leo X. aus. Dieser schätzte das Wissen und den Erfahrungsschatz von Leo Africanus sehr: Der «Gefangene» wurde zu einem engen Berater im Vatikan.

Eine Seite im dicken Buch war für Allemann besonders aufschlussreich: Der Reisebericht über Timbuktu. «Leo Africanus hat die Stadt, welche als Mekka der gelehrten Schriften galt, so beschrieben, dass sie zu einem Magnet wurde», erklärt der Zivildienstleistende.

Dieser Bericht, welcher anfangs 16. Jahrhundert geografische Erkenntnisse über das noch unbekannte Land Mali lieferte, war ein Grund, dass der Archivleiter Guy Thomas dem Buch momentan besonders viel Beachtung schenkt. «Dass Kulturgüter systematisch zerstört werden, wie es im Laufe des vergangenen Jahres in Timbuktu geschehen ist, muss uns sehr nachdenklich stimmen. Wir wollen mit der Ausstellung über die Aufzeichnungen von Leo Africanus einen kleinen Beitrag leisten, den Stellenwert dieses kulturellen Erbes zu beleuchten», erklärt Guy Thomas. Denn die Stadt Timbuktu habe innerhalb Westafrikas einen vergleichbaren Status wie das antike Athen für Europa.

Zwei Kilometer Regale

Die Trouvaille «Delle Navigationi et Viaggi» wurde jetzt ans Licht geholt, doch im Archiv lagern noch weitere Schätze. Im Untergeschoss des alten Missionsgebäudes ist man schon fast froh, dass Bücher und Manuskripte wirklich nicht sprechen können und stumm warten, bis sie durchforscht werden. Denn wenn die vielen, alten Werke ihre Geschichten erzählen würden, wäre der Lärm im Archiv kaum auszuhalten.

Auch das Sprachen-Wirr-Warr wäre eindrücklich: Stehen doch unzählige Bibelübersetzungen im Regal. «Die Kapazität des Archivs beträgt zwei Kilometer Laufweite», nennt Guy Thomas eine Zahl, um den Bestand irgendwie fassbar zu machen.

Personalakten der Missionare, deren Tagebücher, Berichte und Aufzeichnungen, sowie Karten, Pläne und über 200 000 Bildbestände sind unter anderem archiviert. «Viele Interessierte kommen zu uns, um Ahnenforschung zu betreiben oder unterschiedlichste Themen zu bearbeiten», erklärt der Archivleiter Thomas. Wer den unzähligen Blättern Geheimnisse entlocken will, wird wohl fündig. Ob die Arbeit der Missionare und Missionarinnen nun für gut empfunden wird oder nicht: Unbestritten ist, dass sie eine Menge an Informationen gesammelt und nach Basel gebracht haben.