Es war einmal eine Königin, die war so schön als reich und weise. Das klingt schon mal gut, oder? Sie herrschte im 10. Jahrhundert vor Christus über den südwestlichsten Teil Arabiens. Als sie von ihrem männlichen Gegenpart, dem weisen König Salomo, hörte, entschloss sie sich, ihm einen Besuch abzustatten. «Und sie kam gen Jerusalem mit sehr vielem Volk, mit Kamelen, die Spezerei trugen und viel Gold und Edelsteine», heisst es im Alten Testament.
Ob es diese Herrscherin je wirklich gab? Archäologen haben noch nie irgendeinen handfesten Hinweis gefunden. Ja, man weiss nicht einmal, ob Salomo tatsächlich existiert hat. Umso prächtiger blühen die Mythen um die Königin; Geschichten, die den Antiquitäten aus jener Gegend zusätzlichen Glanz verleihen.

Eigene, reiche Hochkultur

Vielleicht ist die Königin eine Metapher. Das vermutet Laurent Gorgerat, der Kurator der Ausstellung «Glückliches Arabien? Mythos und Realität im Reich der Königin von Saba», die heute im Antikenmuseum Basel eröffnet. Bei der gestrigen Medienführung, zwischen Alabaster-Statuetten und Weihrauchbrennern, sagte er: «Die Königin von Saba steht für den legendären Reichtum des antiken Südarabiens.»

Dieser Reichtum war sehr real. Dessen Objekte im Antikenmuseum sind sehr real. Es gab dereinst ein prächtiges Reich im Gebiet des heutigen Jemen, eine Hochkultur mit einer eigenständigen Architektur, Kunst, Schrift und Sprache. Schon mehrere Jahrhunderte vor Christus beherrschten die Südaraber das Stauen von Wasser, sie hegten fruchtbare Oasen und Felder. Vor allem war das antike Südarabien der Ausgangspunkt für den florierenden Handel mit Weihrauch und Myrrhe. Nur dort gediehen die Bäume, deren Harz so begehrt war. Entsprechend reich wurde darob das Land. «Felix arabia», nannte man es, «glückliches Arabien».

Krieg und Hungersnot

Heute würde den Jemen niemand glücklich nennen. 2015 eskalierte der Krieg; mehr als 10 000 Menschen sind seither gestorben, darunter Tausende von Kindern. Es herrscht eine Hungersnot. Und doch liest und hört man wenig von diesem verworrenen Stellvertreterkrieg. Das Leiden der Jemeniten droht vergessen zu gehen, verschattet vom Horror in Syrien.
Trotzdem und gerade deshalb möchte das Antikenmuseum diese Gegend auf seine Art in Erinnerung rufen. Denn nicht nur die traurige Gegenwart, auch die strahlende Vergangenheit dieses Landes liegt im Schatten. Wir wissen viel über das antike Italien und Griechenland, wir wissen wenig über das antike Jemen. Das Basler Museum ist das erste schweizweit, das sich nun bis Ende Juni in dieser Spezialausstellung dessen Kultur widmet.

Ihn fasziniere ganz besonders, wie zerstückelt die Kultur dort damals auf kleinem Raum war, sagt Kurator Laurent Gorgerat. In vier Seitentälern habe man vier Sprachen gesprochen; auch ganz diverse Kunsthandwerksstile existierten nebeneinander – von äusserst abstrakt bis realistisch. Sieben Köpfe in einer Vitrine (siehe Foto oben) illustrieren diese Vielfalt der Kunststile besonders eindrücklich: Hier finden sich stark stilisierte Gesichter neben fast naturalistischen Porträts. Doch sie stammen alle ungefähr aus derselben Zeit, aus den beiden Jahrhunderten rund um Christi Geburt.


Einfachheit habe man damals künstlerisch geschätzt, erklärt Gorgerat. Einige Kunsthandwerker gingen noch einige Reduktionsstufen weiter. Die Grabreliefs in der Vitrine gegenüber zeigen Kreise, Halbkreise und Punkte: Augen. Sie hätten es naturalistischer machen können, sie wollten nicht. Überhaupt pflegten die antiken Jemeniten gemäss dem Kurator einen eigenen, in sich abgeschlossenen Stil. Sie beeinflussten die Kulturen rundherum, selber liessen sie sich aber nur ausnahmsweise von anderen Kulturen beeinflussen.

Eine Leihgabe der Queen

Bei vielen Objekten ist unklar, aus welchem Kontext sie genau stammen. Ursprüngliches Raubgut. Auch über die Religion und den Totenkult der antiken Jemeniten weiss man nur wenig. Die offiziellen Ausgrabungen haben erst spät im 19. Jahrhundert begonnen. Und stehen derzeit wieder still. Das jemenitische Kulturgut, das wir noch kaum kennen, es ist akut gefährdet.

Der Krieg erschwert die Zusammenarbeit mit dortigen Wissenschaftern. Eine Regierung, mit der man Kontakt aufnehmen könnte, existiert nicht; Jemen gilt derzeit als «failed state». In Basel sind keine Leihgaben aus Jemen zu sehen. Die Objekte stammen aus den grossen historischen Museen Europas, vor allem dem British Museum. Von dort kommt auch eine Leihgabe einer Leihgabe: Ihre Majestät, die Queen, hat eine Bronzebüste ausgehändigt – der Vertrag zwischen ihr und Gorgerat soll demnächst einen Ehrenplatz erhalten. Das Kunstmuseum Basel trägt alte Darstellungen der Königin von Saba bei, das Basler Museum der Kulturen eine saftigere Version der Begegnung zwischen ihr und Salomo, die im Sohn Menelik fruchtet, dem Begründer der äthiopischen Königsdynastie.
«Es ist wahr, was ich in meinem Lande gehört habe von deinem Wesen und von deiner Weisheit», soll die Königin von Saba zu Salomo gesagt haben, überwältigt: «Und siehe, es ist mir nicht die Hälfte gesagt.» Man kann sich diese und andere Geschichten in einem goldenen Raum auf einem Sofa anhören.

Die Ausstellung über ihr Reich kann nicht die Hälfte von dessen Pracht erahnen lassen. Und ist doch lohnenswert; rätselhaft und schön.