Es gibt diese herausragenden Theatermomente, die in den Köpfen und Herzen des Publikums hängenbleiben: In Korsett, Strapsen und einem ausladenden grünen Federhut tritt Zaza auf die Cabaret-Bühne und hinab in den Zuschauerraum. Die Präsenz, die Art wie er (oder sie) mit dem Publikum flirtet, ist schlicht umwerfend.

Die Grande Dame der Travestie, die unmittelbar zuvor noch als zerbrechliche und alternde Tunte berührte, begeistert mit ihrem hinreissenden Auftritt jeden im Zuschauerraum der Grossen Bühne des Theater Basel. Zaza ist die aktuelle Paraderolle für Stefan Kurt. Das Theater hat ihn als Gast für die Musicalproduktion «Ein Käfig voller Narren» engagiert – ein Glücksgriff, wie sich zeigte.

Eingebettet in die ebenso witzige wie einfühlsame Inszenierung des Regisseurs Martin G. Berger sorgt er dafür, dass die berühmte Komödie den Zeitgeist der 1980er-Jahre abzustreifen vermag und vor allem die Klippen des peinlichen Klamauks bestens umschifft.

Charakter- und Formwandler

Privat wirkt der 1959 in Bern geborene Schweizer Schauspieler ganz anders. Äusserlich entspricht er dem Typ Buchhalter. Oder vielmehr der Standby-Erscheinung eines Charakter- und Formwandlers, der auf wundersame Weise die unterschiedlichsten Figuren verkörpern kann: den dicken Gemütsmenschen Papa Moll auf der Leinwand, den verdeckten Ermittler im TV-Thriller «Der Schattenmann», den Teufelspaktierer Wilhelm in der Rockoper «The Black Rider» von Tom Waits oder eben die gealterte Tunte in «Ein Käfig voller Narren».

«Zaza ist eine wunderbare Facette in der Schauspielerei, die ich bislang noch nie zeigen konnte», sagt Kurt. «Ich muss auf der Bühne eine Grenze überschreiten, um mir die tuntige Attitüde des Travestie-Künstlers einverleiben zu können.»

Kurt lebt in Berlin mit seinem langjährigen Partner zusammen, seit 2012 in einer eingetragenen Partnerschaft. Das Feminine sieht er nicht als prägenden Teil seiner Persönlichkeit. «Ich muss mir das alles erarbeiten», sagt er. Sein auf diesem Gebiet erfahrener Schauspieler-Kollege Christoph Marti, bekannt als Ursli aus der Musikkabarett-Truppe Geschwister Pfister, habe ihm bei ein paar Grundlagenfragen weiterhelfen können.

Die Möglichkeit, in Basel diese Rolle spielen zu können, bezeichnet Kurt als Glücksfall – wie so vieles in seiner langen Bilderbuchkarriere, die ihn auf die grossen deutschsprachigen Bühnen brachte, herausragende Film- und Fernsehrollen und eine ganze Reihe an Auszeichnungen bescherte. «Meistens hat es sich einfach so ergeben», sagt er, als ob seine herausragende Begabung und seine bestechende Präsenz auf der Bühne und der Leinwand eine untergeordnete Rolle gespielt hätten. «Ja, ich bin ein Glückskind.»

Eine Bilderbuchkarriere

Das zeigt sich bereits bei der Geschichte, wie es zum ersten Engagement kam. Kurt absolvierte Anfang der 1980er-Jahre das Konservatorium für Musik und Theater in Bern. Bei der Abschlussarbeit mit Shakespeares «Was ihr wollt» führte eine Regieassistentin des damals grossen Theatermanns der Stunde, Claus Peymann, Regie. Kurt erhielt einen Halbjahresvertrag am Schauspielhaus Bochum, dem damaligen Nabel des deutschsprachigen Schauspiels.

Wegen der kurzen Vertragsdauer sprach er bald in Köln bei Jürgen Flimm, einem weiteren grossen Theaterintendanten, vor. Flimm bot Kurt ein Engagement am Hamburger Thalia Theater an, Peymann eines am Wiener Burgtheater – zwei Traumdestinationen auf einen Schlag. «Ich entschied mich für Hamburg, was ich nie bereut habe», sagt Kurt. Es seien die schönsten neun Jahre als Ensemblemitglied an einem Haus gewesen.

In Hamburg und später an vielen weiteren Theatern arbeitete er mit etlichen grossen Namen zusammen. An erster Stelle nennt Kurt neben seiner «Theatermutter» Flimm den Bühnenzauberer Robert Wilson, gefolgt von weiteren wohlklingenden Namen wie Manfred Karge und Matthias Langhoff sowie Christoph Marthaler.

Ähnlich verlief seine Fernseh- und Filmkarriere. Mitte der 1990er-Jahre trat Kurt zum Casting für den mehrteiligen TV-Thriller «Der Schattenmann» von Dieter Wedel an. «Ich rechnete mit einer kleineren Rolle, es wurde die Hauptfigur», sagt Kurt, der sich nach seinem Auftritt neben Stars wie Mario Adorf flugs in den Olymp der deutschen TV- und Filmakteure katapultiert sah. Für seine Rolle als verdeckter Ermittler erhielt er 1997 den renommierten Adolf-Grimme-Preis.

Ernste Rollen spielt Kurt noch immer – aktuell den Zürcher Bürgermeister Röist in Stefan Haupts Spielfilm «Zwingli». «Aber eigentlich mag ich die komischen Rollen mehr», sagt er. «Ich liebte es bereits als kleines Kind, meine Kameraden zum Lachen zu bringen.» Das wisse er spätestens seit seiner Besetzung als Silvio in Goldonis Komödie «Der Diener zweier Herren» im Jahr 1986, seiner ersten Hauptrolle in Hamburg. Und das bestätigt sich aktuell in Basel, wo er sich als Zaza frenetisch feiern lassen kann.

«Als Teil eines wunderbaren Ensembles in einer tollen Inszenierung», wie er betont. «Diese Begeisterung des Publikums zu spüren ist das Grösste, was einem als Schauspieler passieren kann.»