Herr von Mutzenbecher, worüber reden wir?

Über Komplexe. Ich habe bestimmt welche, aber nie darüber nachgedacht, welche. Und was diese auslösen... (überlegt) Sie müssen ja nichts Negatives bedeuten.

Durchaus nicht.

Seit ich Stand-up Comedy mache, seit vier Jahren also, setze ich mich täglich mit meinen Gedanken auseinander, wohl auch mit meinen Komplexen. Nur nicht bewusst.

Was könnte einer sein?

Naja, ich fühlte mich zum Beispiel als Teenager unwohl, weil ich eine Zeit lang nur 1,50 m gross und damit der Kleinste war, bereits aber Schuhgrösse 43 trug. Ausserdem musste ich mich als Kind regelmässig auf dem Pausenhof verstecken, weil ich sonst verprügelt worden wäre.

Und darum ist das Bedürfnis entstanden, auf der Bühne zurückzuschlagen?

Das hat mich sicher angetrieben, als ich mit 16 beim Fernsehen angefangen habe. Mittlerweile als Komiker allerdings nicht mehr. Ich tue das, weil es meine Bestimmung ist.

Menschen zum Lachen zu bringen.

Genau. Nicht aber als Schauspieler oder Moderator, sondern als Stand-up Comedian mit einstudierten, aber oft auch improvisierten Solo-Nummern.

Ab kommender Woche sind Sie mit dem neuen Programm «Halbidiot» in der Schweiz auf Tour. Sie nehmen sich dabei mächtig selbst auf die Schippe.

Das Publikum liebt es. Die wollen keinen sehen, der ihnen sagt, wie toll er ist. Wir alle haben Komplexe!

Selbstironisch sein kann man nur, wenn man sich mag...

Ich mag mich. Aber noch nicht sehr lange. Erst, als ich vor zwei Jahren alleine auf Weltreise war, kam ich mir näher. Musste mich mit mir selbst auseinandersetzen, mich aushalten. Und habe dann gemerkt: Der Typ ist gar nicht so übel. Vor nicht mal fünf Jahren konnte ich nicht alleine sein, bin immer nach draussen «geflüchtet» und habe Freunde getroffen. Beruflich bedingt war ich auch immer in Gesellschaft, beim Theater etwa. Als Solo-Komiker verbringt man dagegen viel Zeit mit sich. Diese Selbstreflexion löst einen interessanten Lernprozess aus.

Inwiefern?

Ich habe realisiert, dass ich ein Typ bin, der es immer allen recht machen will. Wenn ich etwa Freunde zu einem Konzert mitnehme, trifft es mich, wenn ihnen der Anlass nicht gefällt oder wenn die Band an diesem Abend nicht so gut spielt. Deshalb bin ich heute entspannter, wenn ich alleine unterwegs bin. Ich geniesse es.

Werden Sie jetzt zum «lonely wolf»?

Nein! Ich habe eine Hampfle sehr guter, enger Freunde, auf die ich zählen kann.

Bestimmt wird von Ihnen auch im privaten Rahmen erwartet, dass Sie witzig sind. Empfinden Sie das als Belastung?

Manchmal ja. Da gibt es diese Erwartungshaltung bei Menschen, die ich frisch kennenlerne. Diese merken aber bald, dass der Typ, der vor ihnen steht, nicht derselbe ist, wie jener auf der Bühne.

Sind Sie privat nicht lustig?

Ich habe es lustig, zusammen mit meinen Freunden, in einer guten Runde. Den Entertainer gebe ich aber nicht mehr. Heute kann ich mich auf der Bühne ausleben.

Bald zum Beispiel mit «Halbidiot». Was ist ein Halbidiot überhaupt?

Das sind wir alle ein bisschen. Keiner ist perfekt, jedoch auch nicht ein völliger Dummkopf. Aber manchmal eben so halb blöd. Wie ich zum Beispiel, als ich meine Stromrechnung nicht bezahlt habe, obwohl es finanziell kein Problem gewesen wäre. Ja, und dann war’s plötzlich dunkel in der Wohnung, der Kühlschrank war abgestellt – schöne Sauerei.

Inwiefern haben Sie sich mit «Halbidiot» weiterentwickelt?

Je mehr Lebenserfahrung dazu kommt, desto gehaltvoller ist das Programm...

...also dreht sich nicht mehr alles um Sex und Durchfall?

Wieso fallen immer diese beiden Begriffe? Da gab’s doch noch viel mehr... Egal. Der «Halbidiot» ist sicher noch näher am Alltag dran, ich kritisiere mich selbst, halte dem Publikum aber auch den Spiegel vor. Auch, indem ich zum Beispiel ernstere Themen wie Rassismus anspreche.

Oh. Wie verhindern Sie da, dass Sie die Grenze zur Geschmacklosigkeit nicht überschreiten?

Ich habe in der Vergangenheit erlebt, was beim Publikum ankommt und was nicht, vertraue auf mein gutes Gespür. Das Thema muss rein.

Warum Rassismus?

Ich möchte in Zukunft mehr Gesellschaftskritik in meine Auftritte einfliessen lassen. Rassismus ist allgegenwärtig in der Schweiz. Gerade in ländlichen Gebieten herrscht eine Art verniedlichender Rassismus. Das habe ich bei diversen Auftritten gespürt, und es hat mich erschreckt. Es kann durchaus auch mal ernster werden bei mir, die Leute können doch nicht anderthalb Stunden durchlachen. Und ausserdem will ich nicht mehr nur über Sex reden.

Weil Sie weniger haben als auch schon?

Die Bedürfnisse ändern sich (lacht).

Ihr Bedürfnis scheint auch zu sein, international Fuss zu fassen. Erst kürzlich sind Sie im deutschen Fernsehen im «Quatsch Comedy Club» aufgetreten, im Dezember werden sie im Club in Berlin auf der Bühne stehen.

Eigentlich war das gar nicht geplant. Ich war zufällig in Berlin, ein Freund hat mir Auftritte bei der Talentschmiede des «Quatsch Comedy Club» organisiert. Und wider Erwarten habe ich den Ehrenpreis gewonnen und deshalb auch die Möglichkeit für diese Auftritte erhalten.

Erobern Sie jetzt Deutschland?

Es ist ein hartes Pflaster, das Publikum ist gnadenlos. Aber ja, Deutschland ist künstlerisch sehr interessant, finanziell nicht so (lacht)! Wir sind dran, eine Tour für den Frühling zusammenzusetzen, mit Solo-Auftritten in Berlin, Köln, Hamburg, Stuttgart und Frankfurt. Auch der angelsächsische Raum reizt mich. Schottland zum Beispiel.

Das ist richtig derber Humor. Da können Sie die Sau rauslassen.

Für einen Künstler in diesem Bereich ist es spannend, in verschiedenen Ländern aufzutreten, weil man den Humor, die Pointen an das jeweilige Publikum anpassen muss. Eine Herausforderung. Aber für mich machbar, weil ich ja eben den Drang habe, es allen recht zu machen. Komplexe sind eben doch eine gute Sache.