Es wird gemobbt, intrigiert und gestritten, dass sich die Balken biegen. Beziehungsweise bis die Wäscheleinen reissen und im Extremfall das Blut auf die frische Wäsche spritzt. Kürzlich wurde vor dem Bezirksgericht Winterthur ein Fall verhandelt, in dem ein Waschküchenstreit in eine Massenschlägerei zwischen zwei Familienclans ausgeartet war. In der Region Basel stellen die Behörden beider Kantone fest, dass die Polizei immer öfter wegen Bagatellfällen ausrücken muss und bei Nachbarschaftskonflikten oftmals die Waschküche zum bitter umkämpften Kriegsschauplatz mutiert. Willkommen in der Waschküchenhölle 2016.

Dabei sind alle Methoden und schmutzigen Tricks erlaubt: Plötzlich ist der Waschküchenschlüssel unauffindbar, die eigene sorgsam aufgehängte Wäsche liegt am Boden, oder es verschwinden Wäschestücke. Die Solothurner Polizeisprecherin Melanie Schmid stellt sogar gelegentlichen Gelddiebstahl in Waschküchen mit Bezahlsystem fest. Eskaliert die Situation, bleibt es nicht bei Beschimpfungen, sondern es setzt Ohrfeigen ab und andere Handgreiflichkeiten. Dies nicht einmal so sehr in den Waschküchen von Hochhäusern, wie man vermuten könnte, sondern eher in mittelgrossen Liegenschaften, wo insbesondere Stockwerkeigentümer besonders eifersüchtig über ihre Königreiche wachen.

Peinliches Thema

Die SRF-3-Redaktorin Karoline Thürkauf hat der «Kampfzone Waschküche» am vergangenen Sonntagabend eine eigene «Input»-Sendung gewidmet und dabei in zahlreichen Vorgesprächen Interessantes herausgefunden. Für Thürkauf steht fest, dass «die Waschküche ein gesellschaftliches Stimmungsbarometer» ist. In diesen Nachbarschaftskonflikten manifestiere sich deutlich das oft beschworene Phänomen, dass die Leute immer weniger miteinander reden würden. «Dann ruft man lieber die Polizei, als einen Konflikt mit den Nachbarn auszudiskutieren.»

Bezeichnenderweise habe es sich beinahe als Ding der Unmöglichkeit herausgestellt, solche Streithähne vor das Mikrofon zu kriegen, ergänzt die Radiojournalistin gegenüber der bz. «Es war für mich einfacher, für ein Interview einen ‹Messi› zu finden als so jemanden.» Das Thema sei für alle peinlich, denn die Beteiligten wüssten genau, dass solche Konflikte eigentlich nicht die feine Art unter Nachbarn sind.

Aufgenommen in einer Waschküche im Baselbiet im Oktober 2013. Quelle: bz

Einen krassen Fall nennt Thomas Lyssy, Sprecher der Baselbieter Staatsanwaltschaft und Leiter einer neuen Anlaufstelle für Konfliktlösungen. Da habe eine Frau behauptet, sie sei in der Waschküche von einer Nachbarin mit dem Messer angegangen und mit wilden Todesdrohungen eingedeckt worden, weil diese Hundehaare in der Waschmaschine gefunden hatte. Bei der Einvernahme stellte sich dann aber heraus, dass die Nachbarin gar kein Deutsch sprach und einen Dolmetscher benötigte, ergo solche verbalen Todesdrohungen gar nicht ausgestossen haben konnte. Die Dramatisierung des eigentlich Vorgefallenen kann also ebenso entlarvend wie bezeichnend für die blank liegenden Nerven in den Mehrfamilienhäusern der Region sein.

Aggressiver und dünnhäutiger

Für Mediator Lyssy sind solche Waschküchen-Konflikte oftmals nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Dass die Menschen im Umgang immer aggressiver und gleichzeitig dünnhäutiger werden, lässt sich daran ablesen, dass die «Fachstelle für Vergleichsverhandlungen», wie sie offiziell heisst, nach 60 Fällen im Startjahr 2014 im vergangenen Jahr bereits 126 Mal schlichten musste; beziehungsweise so viele Fälle von Polizei und Staatsanwaltschaft zur Bearbeitung überwiesen bekam. Diese Aussonderung von Bagatellfällen geschieht, um Strafverfolgung und Justiz für Wichtigeres zu entlasten.

Zu diesem Zweck teilen sich neben Mediator Lyssy mit seinem 40-Prozent-Pensum sechs weitere Untersuchungsbeauftragte die Vermittlungsversuche zwischen verfeindeten Parteien. Ungefähr ein Drittel aller bisherigen Fälle betraf Nachbarschaftsstreitigkeiten, teilweise mit einer jahrelangen Vorgeschichte gegenseitiger Schikanen. Es könne aber auch sein, dass Nachbarn einfach sehr unterschiedliche Auffassungen darüber hätten, was Ordnung in einer Waschküche zu bedeuten hat, fügt Lyssy an.

Die gute Nachricht in all dem Waschküchen-Elend: Rund zwei Drittel der Vergleichsverhandlungen lassen sich mit später Einsicht und rechtlich bindenden Vereinbarungen lösen. So kamen auch die Frau und ihre Nachbarin im Hundehaar-Fall gütig überein, nachdem sie sich im Beisein des Mediators endlich einmal ausgesprochen hatten.